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Hannover/Kiel/Leipzig

Tatort-Preview: Ein bisschen Durbridge, ein bisschen Tarantino (mit Umfrage)

Der 1000. Fall. Ein Meisterwerk. Die Pole: Durbridge, Hitchcock, Tarantino. Klug, durchtrieben, entlarvend, tief schürfend, auch leicht federnd. Straßenfeger, Trash, Psychogramm, Krimi. Ein gesellschaftlich relevantes Thema? Ja. Persönliche Krisen der Kommissare? Ja. Letztlich aber ein ganz normaler „Tatort“. Ein richtig guter.

Christian Kunst kommentiert.
Christian Kunst kommentiert.

Redakteur Christian Kunst hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: ein sehr sehenswerter Krimi mit exzellenten Schauspielern und Dialogen.

"Taxi nach Leipzig" – Titel des ersten, 1970 in der ARD gezeigten "Tatorts" und jetzt des 1000. Films der Reihe – spannt einen weiten Bogen, filmgeschichtlich, aber auch inhaltlich. Zunächst einmal ist es ein Kammerspiel wie in den guten 60er- und 70er-Jahren. Der Ort: ein Taxi, gesteuert von Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi), auf der Rücksitzbank Klaus Borowski (Axel Milberg) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler).

Kaltblütiger Mord steht am Anfang

Beide Kommissare, die sich nicht kennen, besuchen eine Schulung für Ermittler in Braunschweig. An einem dunklen, regnerischen Abend warten sie auf einen Bus, als das Taxi vorbeifährt. Der alternde Polizist Sören Affeld, der Borowski penetrant bittet, ihn in seine Abteilung zu lassen, rennt dem Taxi nach. Wenig später sitzen alle drei in dem Auto. Als der pedantische Affeld den Taxifahrer zum Anschnallen nötigen will, bricht der ihm kurzerhand das Genick. Es ist eine gespenstisch brutale, weil so kaltblütige Szene.

Borowski und Lindholm werden zu Geiseln. Doch ihren typischen Kommissar-Reflex, den Geiselnehmer mit psychologischen Fragespielchen einzulullen und zur Aufgabe zu bringen, kontert der Taxifahrer kühl und klug. Er dreht den Spieß um. Langsam erfahren der Kieler Ermittler und seine Kollegin vom niedersächsischen Landeskriminalamt, mit wem sie es zu tun haben: einem früheren Mitglied des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr. Elitesoldat Klapproth hat in Afghanistan wegen des falschen Befehls eines Vorgesetzten harmlose Zivilisten, eine Familie getötet. Und jetzt muss er erfahren, dass ausgerechnet der Vorgesetzte seine eigene große Liebe Nicki (Luise Heyer) in Leipzig heiraten will. Also rast er mit dem Taxi nach Leipzig.

Umfrage
Tatort: Welches Team hat die Nase vorn?

Bereits zum 1000. Mal ermittelt ein Team aus Kommissaren um 20.15 auf der Mattscheibe. Der allsonntäglichn Tatort ist für viele Kult und ein Pflichttermin. Und das liegt auch an den ermittelnden Teams. Einige haben dabei die Nase vorn? Wenn sehen Sie am liebsten? Setzen Sie auf altbewährt oder frischen Wind?

Ballauf und Schenk (Köln)
10%
2 Stimmen
Boerne und Thiel (Münster)
75%
15 Stimmen
Odenthal und Kopper ( Ludwigshafen)
5%
1 Stimme
Tschiller und Gümer (Hamburg)
0%
0 Stimmen
Faber (Dortmund)
10%
2 Stimmen

Film zieht den Zuschauer hinein

Der Jubiläums-"Tatort" entwickelt einen unglaublichen Sog, der zunächst durch den minutenlangen Kampf der Wörter zwischen den beiden Ermittlern und dem Geiselnehmer entsteht. Dazu kommt eine, filmisch sehr kluge zweite Ebene: die Gedanken der Fahrzeuginsassen. Daraus entstehen kleine, feine Gedanken- und Wortgefechte zwischen Borowski und Lindholm über die richtige Strategie gegenüber dem Geiselnehmer. So entfalten sich bislang ungeahnte Psychogramme der beiden Kommissare. Wer hätte gedacht, dass die so sonst so kühl-berechnende Lindholm tiefe Kindheitsängste vor Einsamkeit und Wölfen plagen? Und hinter Borowskis leise-grantelnder Fassade steckt ein wütend-selbstzweiflerisches Wesen. Die Gedankensequenzen intoniert Regisseur Alexander Adolph – ganz Tarantino – mit rot-eingefärbten, kurz eingefrorenen Porträts der vier Hauptdarsteller, unterlegt mit den Namen: Rainald (Taxifahrer), Klaus, Charlotte und schließlich Nicki.

Geiseln eines Taxifahrers: die Ermittler Charlotte Lindholm und Klaus Borowski. Foto: ARD
Geiseln eines Taxifahrers: die Ermittler Charlotte Lindholm und Klaus Borowski.
Foto: ARD

Interessant ist, dass dieser "Tatort" alle Elemente hat, die zuletzt immer wieder für Kritik sorgten: das Bemühen um gesellschaftliche Relevanz und das Ausschlachten der persönlichen Nöte der Kommissare. Doch diesmal gelingt es mit ganz feinen dramaturgischen Mitteln, dass keine dieser Ebenen zu nerven beginnen. Und sie überlagern nicht den eigentlichen Kriminalfall. Dieser "Tatort" lässt den Zuschauer in die Köpfe und die Seele der Darsteller kriechen. Und von dort kehrt etwas zurück. Es bleibt. Ein Moment des Schauders, des Mitgefühls. Was mehr kann ein Krimi leisten?

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