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    Serie zur Fremdenfeindlichkeit in Sachsen: Staupitz, ein Dorf findet sich ab

    Es hat etwas Zeit gedauert, bis sie sich in Staupitz an die Neonazis gewöhnt haben, aber inzwischen hat man sich arrangiert. Zehn Rechtsrockkonzerte finden in dem 250-Seelen-Dorf im Landkreis Nordsachsen jedes Jahr statt - so viele wie sonst nirgendwo in Sachsen. Seit 2008 geht das nun schon so. Während der vergangenen acht Jahre war so mancher Journalist in dem Dorf bei Torgau, nicht alle hier wollen reden, und die, die doch was sagen, nennen ihren Namen lieber nicht.

    Foto: Hantzschmann

    Von Stefan Hantzschmann

    "Das haben wir alles schon erlebt, wenn man auf die schießt, schießen die zurück", sagt eine Anwohnerin. Mit "die" meint sie den Besitzer des ehemaligen Gasthofes, wo die Konzerte stattfinden und die Hunderten Rechten, die aus der ganzen Republik dafür anreisen, in das kleine Staupitz im Norden Sachsens, nahe der brandenburgischen Grenze. Und sie meint all jene Dorfbewohner, die es satt haben, über dieses Thema zu diskutieren.

    "Sie werden hier keinen finden, der sich von denen belästigt fühlt", kündigt ein älterer Herr an. Es ist ein wolkenverhangener Sonntagnachmittag, hässliches Wetter, immer mal wieder nieselt es vom Himmel, kräftiger Wind bläst einem die eiskalten Tropfen ins Gesicht. "Die verhalten sich wie anständige Bürger, brüllen keine Parolen, und wenn man sie anspricht, bekommt man anständige Antworten", sagt der Rentner.

    Staupitz ist in der rechten Szene bundesweit für seine Neonazikonzerte bekannt. Bands wie Heiliger Krieg, Blitzkrieg und Tätervolk spielen hier. Ihre Lieder heißen "Völkischer Sozialist", "Aufruf" oder "Wo rote Fahnen im Winde wehen". In den Texten geht es um Soldatentum, Heimat und den "glimmenden Funken einstiger Macht". Das Album "In brauner Uniform" der Band Tätervolk landete auf dem Index. Konzerte und der Austausch von CDs sind die ersten Berührungspunkte vieler Jugendlicher mit der rechtsextremen Szene.

    In Staupitz spielen die Bands in einem ehemaligen Gasthof, einer, wie es sie in vielen sächsischen Dörfern gibt: schlichte, langgezogene Gebäude, meistens steht eine alte Linde vor dem Wirtshaus - so auch in Staupitz. Ein Anwohner erzählt, dass der Besitzer den Gasthof von seinem Vater übernommen hat. In den 80er- und 90er-Jahren fanden hier Discos statt. Dann kamen die Nazis.

    "Bis zu 2000 Leute hatten wir schon im Dorf. Das war damals die Anfangszeit, Sie glauben gar nicht, was hier los war", erzählt ein stämmiger Mann in schmutzigen Trainingshosen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Er lacht. In seiner Stimme liegt Bewunderung, wenn er erklärt, wie clever die Konzerte ablaufen - als Privatveranstaltungen, ohne Plakate und Flyer, wie frech das große Schild wirkt, das dann am Gasthof hängt und auf dem steht, dass Polizisten und Mitarbeitern des Ordnungsamts und des Staatsschutzes der Eintritt nicht erlaubt ist. Ein anerkennendes Kopfschütteln auch, als er davon erzählt, wie der Besitzer es geschafft hat, den alten Gasthof zu retten. "Die haben die Heizung erneuert, das komplette Dach neu eingedeckt, alle Brandschutzauflagen erfüllt und eine Belüftungsanlage eingebaut. Bald will er das Gebäude frisch verputzen lassen. Das hätte er niemals alles allein bezahlen können", ist sich der Mann sicher.

    Der Besitzer des Staupitzer Gasthofes veranstaltet die Konzerte nicht, sondern vermietet nur die Räume. Laut Polizei veranstalten die Konzerte "unterschiedliche Personen der rechtsextremen Szene". "Das weiß niemand hier, wer die Konzerte tatsächlich organisiert", erzählt der Anwohner und schüttelt wieder lächelnd den Kopf. Es ärgert ihn, dass der Besitzer dieses Geheimnis nicht preisgibt. Denn über das Dorf und seine Bürger weiß der Mann bestens Bescheid, auch über die Aufregung, die es damals im Ort gab, als das losging mit den Konzerten. "Einige waren dagegen, aber das ist vorbei."

    Eine, die damals dagegen war, will jetzt nichts mehr sagen. "Ich will das alles nicht noch einmal erleben", sagt sie und schwenkt die Haustür vor sich. "Ich kann das nicht", sagt sie mit leiser Stimme. Ihre Augen werden feucht. Dann wünscht sie noch einen angenehmen Sonntag und schließt die Tür.

    Die Stadt Torgau, zu der Staupitz gehört, will sich gegenüber der Presse nicht zu dem Thema äußern. Die Polizei habe das der Oberbürgermeisterin so empfohlen, sagt ein Sprecher der Stadt. Auch die Polizei will möglichst wenig Wind um das Dorf und seine Konzerten machen, man fürchtet Nachahmer. Denn viele Handlungsmöglichkeiten haben die Beamten nicht. "Die rechtliche Situation gibt eine generelle Untersagung nicht her, und die erteilten Auflagen wurden und werden durch Objekteigentümer und Veranstalter erfüllt", erklärt die Polizeidirektion (PD) Leipzig auf Anfrage. Straftaten wurden bislang nicht festgestellt. Rechtlich darf die Polizei während der Konzerte nur dann in den Saal, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht oder Straftaten begangen werden. Um die Konzerte zu unterbinden, reicht es auch nicht aus, "wenn man allgemein annimmt, im Objekt würde beispielsweise der Hitlergruß gezeigt", erklärt ein Sprecher der PD Leipzig.

    Verbieten kann man die Konzerte also nicht, Gegenwind aus der Bevölkerung in oder um Staupitz gibt es auch nicht. Der sächsische Verfassungsschutz führt eine Liste mit den aufgetretenen Bands und den ungefähren Besucherzahlen. Manchmal spielen internationale Rechtsrockbands aus Großbritannien oder Italien in dem kleinen sächsischen Ort. Meistens kommen zwischen 150 und 200 Fans rechtsextremer Musik in den ehemaligen Gasthof nach Staupitz.

    "Wenn hier nichts gemacht wird, schläft alles ein", sagt der Mann in den Jogginghosen. Drüben, mit seinem Arm macht er eine winkende Bewegung zur Ortsmitte, sehe man das am ehemaligen Minimarkt ganz deutlich. Seit der leer steht, sei es nur eine Frage der Zeit, bis das Gebäude verfalle.

    Der ältere Herr mit den kurzen Haaren will beobachtet haben, dass in letzter Zeit immer mehr junge Frauen zu den Konzerten gehen. Auf 15, 16 Jahre schätzt er das Alter der Mädchen. "Von rechter Gesinnung merkt man da nichts!"

    In Staupitz gibt es einen Raum für Jugendliche. Der Verein der Staupitzer Landfrauen kümmert sich darum. Die Jugendlichen können jeden Tag dort hingehen, eine Betreuung gibt es aber nicht. "Es gibt nicht mehr viele Jugendliche bei uns. Die meisten haben Arbeit im Westen gefunden", erzählt ein Mitglied der Landfrauen. Jugendliche aus dem Dorf, heißt es unter Anwohnern, gehen nicht zu den Rechtsrockkonzerten. Aber jedes Jahr an Silvester ist der ganze Ort im ehemaligen Gasthof. Dann dürfen sie alle in den Saal, wie damals, als man in Staupitz noch zu Popmusik tanzte.

    Wie fremdenfeindlich sind die Sachsen? Und warum gerät das wirtschaftliche Vorzeigeland der neuen Bundesländer so oft wegen ausländerfeindlicher Vorfälle in die Schlagzeilen? Unser Autor Stefan Hantzschmann ist in Sachsen aufgewachsen und hat in seiner Heimat nach Antworten gesucht. Im zweiten Teil der Serie lesen Sie, wie die Bewohner eines Dorfes auf die Neonazikonzerte in ihrem Ort reagieren. Lesen Sie in der nächste Folge eine Analyse zum Umgang Sachsens mit Fremdenhass.

    Der Pegida-RechercheurFremdenhass: Sachsens Unkultur des Wegsehens Kommunlapolitiker schauen bei Rechtsextremismus weg: Zu wenig Jugend- und Sozialarbeit, zu wenig Polizei Serie zur Fremdenfeindlichkeit in Sachsen: Die Neinsiedler
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