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    Rheinland-Pfalz

    Mitte August vor Gericht: Die Nazi-Truppe aus dem "Braunen Haus"

    Scheiben klirren, Böller knallen, Männer brüllen. Gut hundert vermummte Neonazis schwenken in Dresden die schwarz-weiß-rote Reichsflagge und schleudern Steine auf das Haus der linken Wohngemeinschaft "Praxis". Einige zerschlagen die Fenster mit Knüppeln, andere mit Fahnenstangen. Plötzlich grölt der ganze Mob: "Wir kriegen euch alle!"

    Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

    Es ist der 19. Februar 2011, Samstagnachmittag gegen 14 Uhr. Deutschlands Ultrarechte nehmen das Bombeninferno im Februar 1945 zum Anlass für einen archaischen Gewaltexzess.

    Mittendrin ist der harte Kern des "Aktionsbüros Mittelrhein" - das zumindest ermittelte die Staatsanwaltschaft Koblenz. Ab Mitte August stehen 26 Aktionsbüroler wegen Bildung oder Unterstützung einer kriminellen Vereinigung vor dem Landgericht Koblenz. 17 sollen in Dresden dabei gewesen sein.

    Zu den Rädelsführern gehörten laut der 926-seitigen Anklageschrift, die unserer Zeitung vorliegt, "Büro"-Chef Christian H. (27) und Axel Reitz (29). Reitz, der "Hitler von Köln", sagte bei der Polizei: Wenn der Mob es geschafft hätte, die "Praxis" zu stürmen, wäre sicher jemand erschlagen worden. Laut Anklage wurde die Tat lange geplant, auch vom "Aktionsbüro".

    Das frühere Hauptquartier der rechtsradikalen Truppe war das "Braune Haus" in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Alles begann 2010. Damals zogen fünf Neonazis in das cappuccinofarbene Einfamilienhaus in der Weinbergstraße 17, gegenüber eines Edeka-Marktes. Sie benannten es nach der früheren NSDAP-Zentrale in München und gründeten eine nationalsozialistische Wohngemeinschaft. 2012 war Schluss. Die Polizei stürmte das Haus am Morgen des 13. März, ebenso weitere Häuser in Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern.

    19 der 26 Angeklagten sitzen bis heute in Haft. Laut der Staatsanwaltschaft fand man bei mehreren Angeklagten Kinderpornos. Kinderpornos! Das "Aktionsbüro" forderte für Kinderschänder seit Jahren die Todesstrafe.

    Ziel war ein Staat nach Vorbild der Hitler-Diktatur

    Die Aktionsbüroler organisierten die Aktivitäten der Neonazis im Norden von Rheinland-Pfalz und hielten Kontakt zu "Kameraden" aus Nordrhein-Westfalen. Ihr Ziel war ein Staat nach Vorbild der Hitler-Diktatur. Sie träumten - so die Aussage eines Angeklagten - vom Tag der Revolution, an dem alle Antifaschisten exekutiert würden. Trotzdem kam die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis: Es gibt beim "Aktionsbüro" keinen Hinweis auf Bezüge zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

    Die Angeklagten provozieren aber gern mit Anspielungen auf den Terror: Ein Angeklagter soll am Telefon erklärt haben, er führe eine Todesliste. Auf dem Handy eines anderen Angeklagten fand man ein Bild, das ihn in einem Pullover mit NSU-Schriftzug zeigt. Und 2011 tauchte eine Einladung zur Silvesterparty im "Braunen Haus" auf - die Buchstaben N, S und U waren darauf hervorgehoben.

    Im "Braunen Haus" meldete man sich bei Anrufen mit "White Power"

    Seit März in Haft: Sven Lobeck (35, hier rechts neben Axel Reitz, der "Hitler von Köln" genannt). NPD-Funktionär Lobeck ist einer der bekanntesten Neonazis im Land.
    Seit März in Haft: Sven Lobeck (35, hier rechts neben Axel Reitz, der "Hitler von Köln" genannt). NPD-Funktionär Lobeck ist einer der bekanntesten Neonazis im Land.

    Christian H. war Chef des Aktionsbüros und des "Braunen Hauses". Er machte es zum überregional bekannten Treffpunkt der Ultrarechten, zur Heimstätte für nationalsozialistische Sektierer. Für Menschen, die gemeinsam das SA-Sportabzeichen ablegen und zu besonderen Anlässen Braunhemden tragen. Die sich in Rassenkunde fortbilden und das Modelabel "Rhein-Ahrische-Jugend" betreiben. Die "Mein Kampf" als Hörbuch auf dem Handy haben und sich bei Anrufen mit "White Power" melden.

    Das "Aktionsbüro" lieferte sich jahrelang einen erbitterten Kampf mit der Antifa. Linke bewarfen das "Braune Haus" immer wieder mit Farbbeuteln oder sprühten "Nazischeißhaus" an die Fassade. Die Neonazis lagerten für den Verteidigungsfall Knüppel hinter der Eingangstür, verteilten Dutzende Pfeffersprays im Haus, außerdem eimerweise Wurfsteine, Zwillen, Schreckschusspistolen und Baseballschläger.

    Partisanenkrieg gegen die Antifa-Aktivisten: Volksfeinde oder Minusmenschen

    Christian H. und seine Truppe verunglimpften die Antifa-Aktivisten als Volksfeinde oder Minusmenschen. Und sie führten laut Anklage eine Art Partisanenkrieg gegen sie. Sie zertrümmerten die Scheiben ihrer Autos, zerstachen Reifen oder zündeten sie an. Mal sollen sie nachts auf der Straße zwei Nazigegner zusammengetreten, mal bei Antifa-Anhängern mit Steinen ein Wohnungsfenster eingeworfen haben.

    Auch der überregional bekannte Neonazi Sven Skoda (34) ist am Landgericht Koblenz angeklagt. Er soll 2011 in Dresden einer der Rädelsführer gewesen sein beim Angriff auf die linke Wohngemeinschaft "Praxis".
    Auch der überregional bekannte Neonazi Sven Skoda (34) ist am Landgericht Koblenz angeklagt. Er soll 2011 in Dresden einer der Rädelsführer gewesen sein beim Angriff auf die linke Wohngemeinschaft "Praxis".

    Gewalt gegen Links war für das "Büro" offenbar legitim. Jedenfalls stellte es im Februar einen "grandiosen" Text aus dem Jahr 1929 ins Internet. Darin definiert NS-Märtyrer Horst Wessel seinen Beitrag zur Gründung eines nationalsozialistischen Staates: "Ich will mich, so oft es nur geht, mit Kommunisten herumschlagen."

    Auch die Rhein-Zeitung war im Visier des Aktionsbüros

    Die Aktionsbüroler sammelten laut Anklage Daten über Journalisten, etwa einen Redakteur und einen Fotografen unserer Zeitung. Sie montierten dem Rechtsextremismus-Experten des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung einen GPS-Peilsender ans Auto. Sie besprühten Schulen und Brücken mit Hakenkreuzen, überklebten in Bad Neuenahr-Ahrweiler die Namensschilder von rund 20 Straßen mit dem Schriftzug "Rudolf-Heß-Straße".

    Inzwischen steht fest: Das "Braune Haus" wird es künftig nicht mehr geben. Die Vermieter haben den Mietvertrag mit Christian H. gekündigt. Laut einem Vergleich des Amtsgerichts Bad Neuenahr-Ahrweiler muss er das Haus bis 15. August räumen.

     

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