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    Millionen Steuern hinterzogen? Ermittler auf Mauss-Jagd

    Sein ganzes Leben lang war Werner Mauss ein unerbittlicher Jäger. Der geheimste aller Geheimagenten unterwanderte Drogenringe, schleuste sich in Verbrecherbanden ein, erschlich sich das Vertrauen von Dschungelkämpfern, um Entführungsopfer auszulösen. Mauss' Leben gleicht einer großen Oper, einem Skript, das jeder Regisseur ablehnen würde, weil es als zu unrealistisch erscheint.

    Äußerlich nahezu unscheinbar, war Mauss erfolgreich wie kaum ein anderer. Das brachte ihm üppige Aufträge mit dem Segen des Bundes in der Ära von Kanzler Helmut Kohl (CDU) ein, aber auch haufenweise Verträge mit der Privatwirtschaft. Der Mann für unlösbare Fälle verdiente ein Millionenvermögen. Nun ist der 76-Jährige, der in einem kleinen Dorf im Hunsrück lebt, selbst zum Gejagten geworden. Die Staatsanwälte haben sich an seine Fersen geheftet. Vor dem Bochumer Landgericht muss er sich wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung verantworten.

    Großes Finanzimperium

    In der über 100 Seiten dicken Anklageschrift, die unserer Zeitung vorliegt, lässt sich eine Menge über das mutmaßliche Finanzimperium des einstigen deutschen 007 erfahren. Bereits auf der ersten Seite sind mit Claus Möllner, Dieter Koch und Richard Nelson drei seiner zahlreichen Tarnidentitäten genannt. Die Pässe dazu soll er teilweise von der Verbandsgemeinde Zell erhalten haben, erzählt man in der Hunsrück-Region, in der Mauss seit Jahrzehnten in einer gut geschützten Residenz lebt.

    Bei dem Prozess in Bochum wird dem heute 76-Jährigen vorgeworfen, mit einem verschlungenen Labyrinth von Briefkastenfirmen Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust zu haben. Es geht um einen kapitalen mutmaßlichen Steuerschaden von insgesamt 15 Millionen Euro. Der Verteidiger von Mauss spricht von einem Geheimfonds, den angeblich der Vatikan und westliche Staaten für Anti-Terror-Aktionen gefüllt haben sollen. An dieser Version äußerte Richter Markus van den Hövel im laufenden Prozess massive Zweifel.

    „Erheblicher Verschleierungsaufwand“

    Die Anklageschrift listet bis zum Jahr 2015 zwölf Fälle auf, die steuerrechtlich als höchst problematisch eingeschätzt werden. Es ist von einem "erheblichen und fortgesetzten Verschleierungsaufwand" die Rede und von Vermögensanlagen in Luxemburg und auf den Bahamas. Schlüsselrollen spielen die UBS (Luxemburg) S. A. und die UBS (Bahamas) Ltd. Zuständig für die Steuerzahlungen war das Finanzamt Essen-Süd.

    In der Anklage werden zahlreiche Konten und Bankverbindungen genannt, auf denen Mauss nach Überzeugung der Staatsanwälte hohe Summen versteckt haben soll. Die Ermittler haben in akribischer Kleinarbeit versucht, ein ganzes Firmengeflecht zu enttarnen. Das dürfte angesichts der wechselnden Identitäten des Beschuldigten alles andere als einfach gewesen sein.

    Ein Kurienkardinal könnte als Zeuge geladen werden

    Die Liste der zu ladenden Zeugen liest sich ebenfalls ausgesprochen illuster. Darunter ist der Kurienkardinal Dario Castrillón Hoyos, aber auch der ehemalige israelische Verteidigungs- und Umweltminister Amir Perez. Ob beide tatsächlich aussagen müssen, steht allerdings noch nicht fest. Und wer weiß, wen die Mauss-Anwälte noch in den Zeugenstand bitten werden. Der einstige Agent hat internationale Kontakte zuhauf.

    Interessant ist auch, was die Staatsanwälte über das Leben von Werner Mauss zusammengetragen haben. Am 11. Februar 1940 in Essen geboren, hatte er schon immer ein Faible für Pferde und ließ sich zunächst 1960 zum Diplom-Pferdewirt ausbilden. Danach folgten Hilfs- und Gelegenheitsjobs, bis Mauss "sich auf eigene Kosten zum Kriminalsachverständigen und Detektiv umschulen" ließ und den Flugschein machte, hieß es. Damit war der Grundstein für eine der steilsten und schillerndsten Karrieren der Bundesrepublik gelegt

    „Eigener Flugeinsatz in Europa“

    1961 gründete Mauss in Essen eine Detektei. Mit dem Zusatz: "Eigener Flugeinsatz in ganz Europa." Erst bekam er kleinere, dann größere private Aufträge, dann kamen die staatlichen Behörden hinzu, die einen Mann fürs Grobe, aber auch für die ganz heiklen Fälle brauchten. 1969 arbeitete Mauss zum ersten Mal offiziell fürs Bundeskriminalamt. Die große Zeit des deutschen Meisterermittlers, Meisterspions und Meisterdetektivs begann. Mauss wurde zum Mysterium, dessen Gesicht nur ein ganz kleiner Kreis von Eingeweihten sehen durfte. Der Agent war nahezu unantastbar. Ab Mitte der 80er-Jahre verlegte Mauss sein Schaffen nach Kolumbien. Dort verhandelte er mit den Rebellen der ELN, um im Auftrag westlicher Großkonzerne, vor allem Ölfirmen, Entführungsopfer freizubekommen. Das dürfte ein einträgliches Geschäft gewesen sein. Bis Mauss im November 1996 aufflog und mit seiner Ehefrau Ida neun Monate in kolumbianischer Untersuchungshaft schmorte.

    Direkter Draht zu Kohls Kanzleramt

    In den 90er-Jahren war Mauss auf dem Gipfel seiner Macht. Seine Kontakte reichten nach ganz oben - bis ins Kanzleramt. Die enge Verbindung von Mauss zu Kanzleramtsminister und Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer (CDU) ist Legende.

    Was man noch aus der voluminösen Anklageschrift erfährt: Werner Mauss schaffte es, dreimal zu heiraten und alle Ehefrauen in sein gefährliches und abenteuerliches Leben einzubinden. Zwei seiner Gefährtinnen trugen Tarnnamen.

    Im Bochumer Steuerprozess könnte Mauss nun eine Gefängnis drohen. Die Staatsanwaltschaft spricht von besonders schweren Fällen der Steuerhinterziehung. Zum ersten Mal könnte es eng für den Mann werden, der unzähligen Gefahren trotzte. Mauss sitzt selbst in der Falle.

    Dietmar Brück

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