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    Interview mit Politikwissenschaftler: Die britische Gesellschaft ist gespalten

    Was bedeutet der Brexit für das Vereinigte Königreich und die Europäische Union? Der Politikwissenschaftler Prof. Andreas Busch von der Universität Göttingen hat lange in Großbritannien gelebt und dort an der Universität von Oxford unterrichtet. Nach der Entscheidung sieht er nun schwierige Zeiten auf die Briten, aber auch auf die EU zukommen.

    Prof. Andreas Busch von der Universität Göttingen
    Prof. Andreas Busch von der Universität Göttingen
    Foto: Universität Göttingen

    Die Briten haben den Brexit gewählt. Warum?

    Es gibt drei Spaltungslinien in der britischen Gesellschaft, die das Ergebnis bestimmt haben. Zum einen war die Entscheidung für oder gegen den Brexit eine der sozialen Klassen: Die sozial höhergestellten haben tendenziell für den Verbleib in der EU votiert, die unteren Schichten eher für den Austritt. Zum zweiten gibt es regional klare Unterschiede. Der Großraum London und eine ganze Reihe englischer Städte sowie ganz Schottland und ganz Nordirland sind für den Verbleib in der EU, der Rest für den Austritt. Die dritte Spaltung ist eine zwischen den Generationen: Die Jüngeren sind eher für die EU, die Älteren mehrheitlich dagegen. Diese Kombination hat zu dem Ergebnis geführt.

    Welchen Einfluss hatte die Kampagne der EU-Gegner? Welche Rolle hat die rechtspopulistische Ukip gespielt?

    Die Kampagne ist auf einer sehr emotionalen Ebene geführt worden und am Ende sehr polarisiert gewesen. Nicht nur die Ukip, sondern die gesamte Kampagne der Gegner hat auf simple Botschaften gesetzt, die aber sehr mächtig waren. Der Hauptslogan "Take back control", also "Die Kontrolle zurückgewinnen", ist ungeheuer potent. Mit ihm sind Botschaften wie Selbstbestimmung und mehr Demokratie verknüpft worden. Boris Johnson hat wortwörtlich "sonnenbeschienene Wiesen" bei einem Austritt versprochen und 350 Millionen Pfund in der Woche mehr für den nationalen Gesundheitsdienst. Dinge, die keiner Faktenüberprüfung standhalten. Das hat aber viele nicht interessiert. Unterschwellig war dann auch ein ganz klar migrantenfeindliches Motiv zu finden, das die Stimmung weiter belasten wird. Es werden sich viele nicht mehr willkommen fühlen in Großbritannien.

    Die Pro-EU-Kampagne hat mit den drohenden negativen Folgen für die Wirtschaft Stimmung gemacht. Emotional hat sie die Leute aber offenbar nicht erreicht.

    Das ist richtig. Das Problem war, dass viele nicht geglaubt haben, dass es ihnen bei einem Austritt persönlich schlechter gehen würde. Ich halte das für eine Fehleinschätzung. Gerade die wirtschaftlich und sozial Schwachen wird es am härtesten treffen. Das ist das Bittere, weil es auch diejenigen sind, die oft für den Austritt gestimmt haben. Aber Menschen, die glauben, nichts mehr verlieren zu können, kann man mit Schreckensszenarien nicht beeindrucken.

    Marine Le Pen hat nun schon für Frankreich ein EU-Referendum gefordert. In Staaten wie Dänemark oder den Niederlanden gibt es auch starke Anti-EU-Parteien. Droht jetzt der Dominoeffekt?

    Der Brexit verschafft den rechtspopulistischen Parteien in Europa Auftrieb. Es ist gut möglich, dass es andernorts nun ernsthafte Bestrebungen zum Austritt geben wird. Als positives Beispiel dient jetzt Großbritannien, selbst wenn der Brexit dort zunächst gar keine positiven Folgen hätte.

    Wie muss die EU jetzt reagieren?

    Man wird einerseits mit einer gewissen Härte reagieren müssen. Nach dem Motto: Jetzt habt ihr euch entschieden, jetzt müsst ihr mit den Konsequenzen leben. Es muss etwas schmerzen, weil niemand will, dass andere dem Beispiel folgen. Andererseits muss man aufpassen, dass man sich nicht selbst ins Knie schießt. Die EU will weiter mit Großbritannien zusammenarbeiten. Da die richtige Balance zu erreichen, wird eine große Herausforderung.

    Eine EU mit immer mehr Staaten, die sich immer enger zusammenschließen – ist das nun vorbei?

    Das ist schon seit Längerem zu Ende. Spannend wird sein, ob es jetzt zu einer Initiative einer kleineren Gruppe von Ländern kommt, die eine tiefere Integration anstreben. Also das Modell einer EU der zwei Geschwindigkeiten, das schon viele Jahre diskutiert wird.

    Das Gespräch führte Johannes Bebermeier

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