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Handel: Aldi schreibt Geschichte

Aldi ist hier noch richtig Aldi. Keine hochmoderne Ladeneinrichtung, kein Schnickschnack. Hier zählt der Preis. Nur die neuen Einkaufskörbe fallen auf. Die Filiale in der Essener Huestraße 89 ist allerdings kein Aldi-Laden wie jeder andere. Vor 100 Jahren legte die Familie Albrecht im Nachbarhaus den Grundstein für den Handelsriesen Aldi. Der Bäcker Karl Albrecht, 1886 geboren und 1943 gestorben, startete am 10. April 1913 einen „Handel mit Backwaren“, wie er ihn nannte.

Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Foto: obs

Generationen später sind die eigenständigen Schwesterunternehmen Aldi Nord und Aldi Süd in 17 Ländern in Europa, Nordamerika und sogar Australien aktiv. In Deutschland gelten Aldi- Preise als die Messlatte für die Konkurrenz.

Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Foto: obs

Die Männer hinter der Aldi-Erfolgsgeschichte sind die Söhne des Firmengründers, Karl junior (92) und Theo Albrecht, der 2010 im Alter von 88 Jahren verstarb. Nach dem Tod des Vaters übernahmen sie Verantwortung im elterlichen Geschäft und entwickelten schließlich das Discount-Konzept. „Die Familie Albrecht hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben mit der Erfindung eines Formates, das man bis dahin auf der ganzen Welt nicht kannte“, sagt der Geschäftsführer des Kölner Handelsinstitutes EHI, Michael Gerling.

Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Erfinder des Discountprinzips – Vor 100 Jahren wurde der Grundstein gelegt
Foto: obs

„In einer Zeit, als im Lebensmittelhandel vorverpackte Ware und Selbstbedienung Einzug hielten, kam die Familie Albrecht auf die Idee: Wir konzentrieren uns auf Artikel, die man täglich braucht, ohne eine große Auswahl zu bieten.“ Mit dem schmalen Sortiment und einfachen Betriebsabläufen konnte Aldi die Kosten niedriger halten, als das bei anderen Unternehmen der Fall war.

„Wer die niedrigsten Kosten hat, kann die besten Preise bieten“, verdeutlicht Gerling. Aldi verkauft Ware auf Paletten, die Regale werden gleich kartonweise mit den Artikeln bestückt.

Es muss alles schnell gehen

Schnell muss bis heute alles gehen, sagt Gerling: „Der Strichcode, den Aldi erst spät mit der Umstellung von D-Mark auf Euro in seinen Kassensystemen einführte, wird x-fach auf die Packung gedruckt, damit die Kassiererin die Ware nicht drehen muss“, erklärt der Experte.

Den vier Meter langen Kassentisch, auf den die Kunden den Inhalt mehrerer Einkaufswagen legen können, ehe es losgeht, bezeichnet er als eine „bahnbrechende Erfindung“.

Aldi ist aber nicht gleich Aldi: Bereits 1961 teilten sich die Brüder das Geschäft und die Welt gleich mit auf. Es entstanden die rechtlich eigenständigen Unternehmen Aldi Nord mit Theo an der Spitze und Aldi Süd, geführt von Karl junior. Über den genauen Anlass für die Trennung wird bis heute gerätselt.

„Interner Wettbewerb war immer schon ein wichtiger Erfolgsfaktor im System Aldi. Das ist eine mögliche Erklärung“, sagt der Discountexperte Matthias Queck. Aldi Nord und Aldi Süd unterscheiden sich nicht nur im Logo. Auch im Sortiment der Lebensmittel- Händler und bei der Aktionsware gibt es Unterschiede. Andererseits lernen die Schwesterunternehmen bis heute voneinander.

Der erste „Aldi“-Markt – die Abkürzung steht für „Albrecht-Diskount“ – wurde 1962 eröffnet, also vor gut 50 Jahren. „Fragt man sich, wie Aldi so populär wurde, muss man zurück in die 80er-Jahre blicken. Der Startschuss des Erfolgs fiel mit den Nonfood- Artikeln – also den Nichtlebensmitteln. Ich denke an den ersten Billig-PC“, sagt Rewe-Chef Alain Caparros, der selbst sechs Jahre lang Manager bei Aldi Nord gewesen ist.

Markenartikel kommen hinzu

Die strikte Maßgabe, dass für einen völlig neuen Artikel ein Produkt komplett aus den Regalen verschwinden muss, gilt schon lange nicht mehr. Aldi Nord und Aldi Süd nehmen zunehmend Markenartikel in ihre Läden. Paradebeispiel ist die Weltmarke Coca-Cola, die vor fünf Monaten gelistet wurde. Das ungefähr 1000 Artikel umfassende Sortiment von Aldi wurde in den vergangenen Jahrzehnten um Tiefkühlware und Frischfleisch erweitert.

Mit einem größeren Angebot an Backwaren knüpft Aldi seit einigen Jahren an seinen Ursprung an. Aldi Süd begann 2009 mit dem Einbau von Backstationen. Aldi Nord startete 2011 die Modernisierung der Filialen in Europa. Die neuesten Läden sollen mit breiteren Gängen und einer besseren Beleuchtung das Einkaufen leichter machen. Auch Backstationen werden aufgestellt.

Allerdings erzielt der führende Discounter somit inzwischen auch Umsätze, die so manchem Fleischer oder Bäcker fehlen. Mit Preissenkungen rief Aldi in den vergangenen Jahren mehrfach Landwirte auf den Plan. So demonstrierten 2008 aufgebrachte Milchviehhalter vor der Zentrale von Aldi Süd und auch vor vielen Aldi-Geschäften.

Zur Größe des Handelsimperiums halten sich Aldi Nord und Aldi Süd bedeckt. Nach Schätzung des Handelsinformationsdienstes Planet Retail kamen Aldi Nord und Aldi Süd 2012 auf rund 62 Milliarden Euro Umsatz (brutto) mit insgesamt rund 10 000 Filialen. „Das heißt bei 100 Jahren pro Jahr 100 Läden im Schnitt, eine schöne runde Zahl. Aber eben nur ein Durchschnitt“, verdeutlicht Queck.

Die Eigentümer der Discountketten gelten Schätzungen zufolge als die reichsten Deutschen. Mit einem geschätzten Vermögen von 17,2 Milliarden Euro stand die Familie Karl Albrecht in der jüngsten Liste der 500 reichsten Deutschen des „Manager Magazins“ erneut ganz oben. Dicht dahinter kamen die Nachkommen von Theo mit einem geschätzten Vermögen von 16 Milliarden Euro. Mit Stiftungen sollen die Brüder ihr Erbe, die Unternehmen Aldi Nord und Aldi Süd, abgesichert haben.

Volker Danisch

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