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    Die Angst vor dem nächsten Anschlag

    Es gab diesen Moment, da war die Bedrohung ganz nahe, da wurde aus einer abstrakten Angst, von der in diesen Tagen so viele Menschen berichten, reale Furcht. Aus der Angst, irgendwann könnte der Terror zu uns kommen, nach Rheinland-Pfalz, wurde die konkrete Furcht, dass die Terroristen bereits unter uns sein könnten. Christoph Jung ist geschockt, als die Durchsage aus den Lautsprechern am Nürburgring kommt: Terrorwarnung bei Rock am Ring, jemand könnte eine Bombe platziert haben. Christoph sagt später, dass ihm die erhöhte Terrorgefahr in Deutschland durchaus bewusst war. Bei Rock am Ring aber überkam ihn ein „mulmiges Gefühl“. Er wurde nervös. Freunde und Familie zu Hause machten sich ernste Sorgen.

    Trainieren für den terroristischen Ernstfall: Streifenpolizisten im Land steht künftig eine sicherere, aber auch deutlich schwerere Ausrüstung zu Verfügung. In Enkenbach-Alsenborn üben sie den Umgang damit. Aber auch das Versorgen Verletzter. Eine Aufgabe, die neu auf die Beamten zukommt.  Foto: dpa
    Trainieren für den terroristischen Ernstfall: Streifenpolizisten im Land steht künftig eine sicherere, aber auch deutlich schwerere Ausrüstung zu Verfügung. In Enkenbach-Alsenborn üben sie den Umgang damit. Aber auch das Versorgen Verletzter. Eine Aufgabe, die neu auf die Beamten zukommt.
    Foto: dpa

    Strengere Regeln, abgesagte Veranstaltungen im Land

    In eine Situation wie Christoph zu geraten, scheint in Deutschland wahrscheinlicher geworden zu sein. Nach dem Ereignis bei Rock am Ring sagten Organisatoren zwei Großveranstaltungen am Deutschen Eck ab. Begründung sinngemäß: Die Menschen haben Angst, und das würde sich beim Ticketverkauf bemerkbar machen. Bei mehreren Volksfesten im Land – auch bei kleineren – gibt es inzwischen strengere Regeln und Diskussionen über die Sicherheit im Vorfeld. Vor Beginn des Bad Kreuznacher Jahrmarkts beschäftigte sich der Hauptausschuss des Stadtrats mit Terrorgefahr und Gefährdungslagen. Schärfere Kontrollen wurden beschlossen. Schausteller stöhnen – zum Beispiel bei der Kirner Kirmes – über strengere Sicherheitsauflagen. Das alles geht an den Menschen im Land nicht spurlos vorbei.

    Das Thema innere Sicherheit gilt als eines der wichtigsten im Wahlkampf. Die Menschen wollen von der Politik Antworten, wie unsere Gemeinschaft geschützt werden kann. Dabei können das noch nicht mal jene genau sagen, die das bereits seit Jahrzehnten Tag für Tag tun.

    Warum der Terror plötzlich unberechenbar wurde

    Fragt man Albert Weber Monate nach dem Ereignis in der Eifel, ob seine Entscheidung richtig war, den zeitweisen Abbruch des Rockfestivals zu empfehlen, zögert der 63-Jährige keine Sekunde: „Ja, natürlich.“ Weber ist Abteilungsleiter für politisch motivierte Kriminalität beim Landeskriminalamt. Der Nürburgring war für ihn eine „ganz nüchterne Bewertung der Lage“. Keine Sicherheit, kein Festival.

    Der Kriminalexperte ist es gewohnt, nach Strukturen zu suchen, nach wiederkehrenden Mustern, die es ihm im Idealfall erlauben, Terroristen einen Schritt voraus zu sein. Weber ist ein drahtiger Mann mit kurzen Haaren und kantiger, schwarzer Brille. Nächstes Jahr geht er in den Ruhestand, sein halbes Leben lang hat er Kriminelle gejagt und nach Strukturen gesucht. Er sagt, dass sich die Strukturen des Terrors fundamental verändert haben und dass das Konsequenzen für seine Arbeit hat.

    2001 ist die Lage für Ermittler wie Albert Weber noch übersichtlich: Terrornetzwerke wie Al-Kaida planen große Operationen mit militärischem Charakter wie die Anschläge des 11. September. Die Behörden wissen, welche Netzwerke relevant sind, und auch grob, welche Ziele sie haben: Al-Kaida attackiert zu dieser Zeit vor allem Symbole der freiheitlich, westlichen Lebensweise.

    Mit dem Krieg im Irak verändert sich die Situation. Der sogenannte Islamische Staat (IS) entsteht – eine sunnitisch geprägte Miliz, die eine neue Strategie verfolgt. Weber formuliert sie so: „Tötet sie, wo ihr sie trefft, mit den Mitteln, die ihr gerade habt.“ Würzburg, Hannover und jüngst Hamburg sind Beispiele für diese Taktik. Die Konsequenz für die Behörden: „Wir können Ziele nicht mehr konkret beschreiben, weil jeder und alles Ziel sein kann“, sagt Weber.

    Und jeder kann zum Terroristen werden. Nicht immer schließt sich ein Islamist einer radikalen Gruppe an, nicht immer braucht es islamistische Wortführer wie Pierre Vogel oder Sven Lau in Nordrhein-Westfalen. Terroristen radikalisieren sich jetzt auch über das Internet. Für die Polizei ist es dadurch schwieriger geworden, einen Überblick über die „Szene“ zu bekommen. Die Unberechenbarkeit der neuen Form des Terrorismus macht Ermittlungen heutzutage so personalintensiv. Statt eine Gruppe zu beobachten, müssen Einzelne in den Blick genommen werden. Statt vor allem symbolträchtige Ziele zu schützen, muss überall mit einem Anschlag gerechnet werden.

    Wie sich Menschen in Deutschland radikalisieren

    Deutschland ist ängstlicher geworden, der Terrorismus bereitet den Menschen Sorgen. Auch deshalb machen fast alle Parteien Wahlkampf mit Forderungen nach mehr Polizisten. Doch nur wenige Parteien wollen auch mehr Geld für Prävention ausgeben, für Organisationen, die jenen zuhören, denen die Grundwerte unserer Gesellschaft fremd geworden sind.

    In Rheinland-Pfalz wurde dafür im März 2016 die Beratungsstelle Salam gegründet. Drei Mitarbeiter haben sich seitdem um 74 „Fälle“ gekümmert – zum Beispiel um Konvertiten oder Muslime, die sich einem radikaleren Islam zuwenden. Oft melden sich zunächst Angehörige, Betreuende oder Freunde, die sich Sorgen machen, weil sich jemand in ihrem Umfeld stark verändert hat. Dann reden die Salam-Mitarbeiter zunächst mit diesen Personen. Einige Fälle sind bereits abgeschlossen. In Rheinland-Pfalz gibt es keinen Brennpunkt für radikale Islamisten. Doch bereits jetzt merkt man auch im Land, dass der Bedarf an Beratung steigt. Demnächst soll Salam zwei weitere Mitarbeiter bekommen.

    Menschen radikalisieren sich aus unterschiedlichen Gründen: Oft sind es Brüche im Lebenslauf, fehlender Halt bei Freunden und Familie, Perspektivlosigkeit oder das Gefühl, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Besonders gefährdet sind junge Menschen zwischen 14 und 26 Jahren. Das ist die Phase der Orientierung und der Identitätsfindung, hier sind Jugendliche und junge Erwachsene oft leicht zu manipulieren.

    Warum Präventionsarbeiter mit Extremisten sprechen

    Petra Fliedner, die beim Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung die Projekte gegen Extremismus leitet, zu dem auch Salam gehört, berichtet von einem Schüler, noch ein Kind, der eine Flagge der Terrormiliz Islamischer Staat mit in die Schule gebracht hatte. Die Lehrerin hat daraufhin Salam kontaktiert. „Das muss nicht unbedingt auf eine Radikalisierung hinweisen, vielleicht wurde er auch einfach gemobbt und will dadurch nun besonders cool dastehen“, erklärt Fliedner. Über die Schulsozialarbeiterin nahm ein Berater von Salam Kontakt mit dem Jungen auf. Meistens haben die Experten von Salam zunächst Kontakt zu Menschen, die überhaupt noch an die sich Radikalisierenden herankommen. So lässt sich am besten Vertrauen aufbauen. Denn Betroffene schotten sich oft ab.

    Der Buchautor und Deradikalisierungsexperte Thomas Mücke ist überzeugt, dass die Kontaktaufnahme eine der schwierigsten Phasen in der Präventionsarbeit ist. „Man muss mit den potenziellen Gefährdern ins Gespräch kommen“, sagt er. Dafür sei es notwendig, sich in die Lebenswelt des Betroffenen hineinzufühlen. Zudem seien Hinweise aus dem sozialen Umfeld wichtig. Familie, Freunde, Moscheen oder Schulen können wichtige Informationen liefern.

    Was Präventionsarbeit so langwierig macht

    Bei Salam arbeiten ein Islamwissenschaftler, eine Sozialpädagogin und eine Politikwissenschaftlerin. Die Berater betreuen mehrere Fälle parallel, verteilt über ganz Rheinland-Pfalz. Manche Fälle ziehen sich über Jahre. „Deshalb ist es wichtig, Helfersysteme aufzubauen“, erklärt Fliedner. Das können Sozialarbeiter, aber auch Freunde und Verwandte sein. Werden einer Person in einer Lebenskrise gleich zu Beginn Hilfsangebote gemacht, kann eine tiefe Radikalisierung verhindert werden. Fliedner wünscht sich deshalb eine gut aufgestellte Jugend- und Sozialarbeit. „Prävention fängt da an, wo Menschen mit jungen Leuten arbeiten“, sagt sie.

    Polizei und Prävention: Die Grenzen der Zusammenarbeit

    Zu den wohl schwierigsten Aufgaben von Präventionsarbeitern gehört es zu entscheiden, wann ein Klient ein Fall für die Sicherheitsbehörden wird. Wie weit ist eine Person den Weg der Radikalisierung schon gegangen? Wie groß ist die Gefahr, die von ihr ausgeht? Ab wann ist es richtig, Ermittler zu verständigen und damit vielleicht gewonnenes Vertrauen zu verspielen? „Wir arbeiten mit den Sicherheitsbehörden zusammen, aber für uns steht der Klient im Vordergrund“, sagt Fliedner und betont, dass bei jedem Fall abgewogen und dann entschieden wird. Hier geraten Präventions- und Polizeiarbeit in ein Spannungsfeld, bei dem es um verschiedene Interessen geht. Ermittler brauchen für ihre Arbeit vor allem Informationen, für Präventionsarbeit ist das kostbarste Gut das Vertrauen der Klienten. Ein gemeinsames Ziel haben dann aber doch alle: Dem Terrorismus in der Gesellschaft keinen Platz zu geben.

    Kontakt zur Beratungsstelle Salam gegen islamistische Radikalisierung, Tel. 0800/725 26 10, oder per E-Mail an salam@lsjv.rlp.de

    Kommentar: Carsten Zillmann zur sichersten LösungKommentar: Christoph Bröder zu den Chancen der Prävention
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