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Bischof Ackermann: Kirche hat vertuscht

Koblenz - Mangelnder Aufklärungswille in der Vergangenheit, schuldig gewordene Geistliche, Vertuschung: Mit deutlichen Worten geht der Missbrauchs-Beauftragte der katholischen Kirche, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, mit seiner eigenen Institution ins Gericht.

Bischof Ackermann: Kirche hat vertuscht
Bischof Acker­mann: "Wir haben falsche Rück­sich­ten genom­men. Falsche Rück­sich­ten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Insti­tutio­nen, auf den Anse­hens­ver­lust."
Foto: Kevin Rühle

Täglich erreichen uns neue Meldungen über sexuellen Missbrauch oder den Missbrauch von Gewalt auch in kirchlichen Einrichtungen. Welche Schuld hat die katholische Kirche hier auf sich geladen?

Zunächst muss man feststellen, dass die Täter die Schuld tragen. Einfach verkürzt zu sagen, es ist das System, wird der Angelegenheit nicht gerecht und würde die Täter in ungutem Maße entschuldigen. Aber natürlich tragen auch diejenigen Verantwortung und haben in diesem Sinne auch Schuld auf sich geladen, die als Vorgesetzte – als Obere – Verantwortung hatten und mit den Vorfällen und dem Missbrauch nicht im Sinne der Aufklärung und einer künftigen Prävention umgegangen sind.

Hat sich die katholische Kirche der Vertuschung schuldig gemacht?

Aus unseren Erkenntnissen heraus, die wir nun haben, hat es Vertuschung gegeben. Das müssen wir heute schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Da wo kein wirklicher Aufklärungswille vorhanden war und Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist.

Sind die Bistümer dort zu milde mit den Tätern umgegangen?

Zunächst einmal muss man sagen, dass im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte ja alle Bistümer irgendwie betroffen sind. Ich habe in den Diskussionen der letzten Tage gelernt, dass wir zu stark den Täterschutz im Blick hatten. Und wenn Sie jetzt nach der Milde fragen, ist dass auch wieder die Täterperspektive. Was man sagen kann: Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust.

Woran liegt es, dass diese Missbrauchsfälle jetzt erst nach Jahrzehnten bekannt werden? Liegt das am Gesamtsystem der Kirche, an den Machtstrukturen?

Dass diese Fälle jetzt bekannt werden, liegt auf der einen Seite daran, dass mit Pater Mertes, dem Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, ein Kirchenmann mutig nach vorne gegangen ist. Andererseits sind viele Opfer durch die große Öffentlichkeit und aus der Erfahrung heraus, nicht allein damit gewesen zu sein, jetzt ermutigt, nach Jahrzehnten über ihr persönliches Schicksal zu sprechen.

Was kann der Runde Tisch bewirken?

Ich verspreche mir von diesem Runden Tisch, dass wir die Missbrauchsproblematik in ihrem ganzen Ausmaß noch einmal stärker ins Auge fassen und dass es vor allem im Bereich der Prävention Perspektiven gibt. Die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen, die im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, müssen hier stärker zusammenarbeiten.

Wird es neue Anlaufstellen, neue Hilfen für die Opfer geben?

Ich habe bereits angekündigt, dass wir eine Hotline für Betroffene – Opfer, möglicherweise auch Täter – einrichten wollen. Diese wird am 30. März freigeschaltet werden. Darüber hinaus gibt es die Beauftragten in den einzelnen Bistümern und Ordensgemeinschaften, die zunächst Ansprechpartner sind, wenn es darum geht, bestimmte Fälle anzuzeigen.

Wie qualifiziert und wie neutral wird diese Hotline besetzt sein?

Sie wird qualifiziert besetzt sein mit Frauen und Männern aus unseren kirchlichen Beratungsstellen – mit Psychologen wie Therapeuten, die mit dem Thema sexueller Missbrauch umzugehen wissen.

Wie stark wollen Sie sich Kompetenz von außen holen, um das Thema gründlich aufzubereiten?

Wir haben ja bereits bei der Erstellung der Leitlinien 2002 externen Sachverstand hinzugezogen. 2003 hatte der Vatikan zu einem Kongress zum Thema sexueller Missbrauch eingeladen. Dort waren 95 Prozent der teilnehmenden Fachleute keine Katholiken. Und wenn wir jetzt unsere Leitlinien noch einmal überarbeiten, werden wir Experten von außen hinzuziehen. Ich habe als Beauftragter der Bischofskonferenz schon eine Reihe von Angeboten von Menschen bekommen, die bereit sind, sich mit ihrem Knowhow daran zu beteiligen.

Muss die Kirche bei der Ausbildung der Priester reagieren?

Ich werde auf jeden Fall mit den Ausbildern in den Priesterseminaren Kontakt aufnehmen, die Elemente in der Ausbildung unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls optimieren. Ich möchte aber betonen, dass der überwiegende Teil der Fälle, die jetzt bekannt werden, sich in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren ereignet hat. Spätestens seit den 80er-Jahren ist die Psychologie Standardelement in der Priesterausbildung.

Es gibt Kritik am Papst, dass er sich nicht klar zu den Missbrauchsfällen äußert. Jetzt hat der Vatikan einen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe zu diesem Thema angekündigt. Ist diese Ebene nicht zu formell, um der Diskussion gerecht zu werden?

Man tut dem Papst Unrecht, wenn man den Eindruck erweckt, er wäre in dieser Frage nicht klar. Wenn man auf die Vorfälle in Amerika schaut, die 2002 bekannt wurden, war der heutige Papst als Präfekt der Glaubenskongregation zuständig und hat einen ganz deutlichen Kurs gefahren. Das tut er bei den irischen Bischöfen auch. Dass diese zweimal im Vatikan gewesen sind, zeigt, wie stark das Thema zur Chefsache geworden ist. Vielleicht nimmt der angekündigte Hirtenbrief die Missbrauchsproblematik auch in einem größeren Sinn in den Blick.

Muss nicht der „deutsche“ Papst zu der Situation in Deutschland ein persönliches Wort sagen?

Der Papst ist allen voran der Papst der Weltkirche. Aber der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz war ja im Vatikan und hat mit dem Papst über die Problematik gesprochen. Und er hat die Reaktion des Papstes öffentlich gemacht und ganz klar betont, dass der Papst diesen Weg der Aufklärung bestärkt.

Sie vertreten die Auffassung, dass es den Opfern gar nicht um Entschädigung geht sondern dass sie froh darüber sind, endlich über ihr Schicksal reden zu können. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass es nicht irgendwann einmal doch um Entschädigungen gehen wird?

Ich habe viele Rückmeldungen in dem Sinne bekommen, dass nicht das Geld im Vordergrund steht. Aber die Frage der Entschädigung steht natürlich im Raum. Wir haben bisher über die seelsorgerische Hilfe hinaus Menschen, die finanzielle Unterstützung für therapeutische Angebote brauchten, diese auch zugesagt. Das werden wir auch weiter tun. Und darüber hinaus muss man darüber reden, ob es eine Form der materiellen oder immateriellen Anerkennung für die Opfer geben kann. Dabei ist uns wichtig, dass diese Anerkennung des Unrechts diesen Menschen auch gerecht wird. Wir wollen uns nicht durch bestimmte Summen freikaufen.

Worin sehen Sie Ihre ganz spezielle Rolle als – weltlich gesprochen – Chefaufklärer?

Dieser Begriff stimmt so nicht. Die Aufklärung vor Ort liegt bei den Beauftragten der Bistümer. Meine Funktion ist die des Koordinators der Grundfragen, die alle Bistümer angehen: die Überarbeitung der Leitlinien, das Gespräch mit den Experten, der Kontakt mit denen, die in der Priesterausbildung stehen, der Aufbau der Hotline.

Und wo sehen Sie sich mit dieser Aufgabe in einem Jahr?

Wir werden in diesem Jahr die Leitlinien überarbeitet und die Entschädigungsfrage geklärt haben. Und ich bin optimistisch, dass alle Fälle, die uns gemeldet wurden, dann auch aufgeklärt sein werden. Ich maße mir nicht an, zu prognostizieren, was der Runde Tisch in einem Jahr gebracht hat. Dort sitzt die katholische Kirche ja nicht allein.

Glauben Sie, dass die katholische Kirche dann ihr Ansehen zurück gewonnen hat?

Wir werden nach unseren Möglichkeiten versuchen, das Vertrauen wieder zu gewinnen. Man muss uns anmerken, dass wir es Ernst meinen mit der Aufklärung. Aber um Vertrauen kann man nur werben, als Ziel kann man sich Vertrauen nicht stecken.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Sexualisierung unserer Gesellschaft und dem Missbrauch von Schutzbefohlenen in allen pädagogischen Bereichen?

Die Diskussionen der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es nicht einfach an bestimmten Moralvorstellungen liegt. In Institutionen mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen sind Missbrauchsfälle vorgekommen. Aber dass viele Vergehen erst so spät ans Tageslicht gekommen sind, hängt mit den geschlossenen Systemen zusammen, sei es in katholischen Einrichtungen, in einem nicht-kirchlichen Internat oder auch in der Familie.

Bedrückt es Sie, dass beim Thema Missbrauch auch das Zölibat in einem Atemzug genannt wird?

Ja, das bedrückt mich deshalb, weil es keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Das sagen übrigens nicht nur wir Bischöfe, sondern auch nicht-kirchliche Experten. Eine sexuelle Störung liegt früher fest. Sie wird nicht durch ein Versprechen ausgelöst, das ein erwachsener Mann ablegt. Und es bedrückt mich deshalb, weil es insgesamt das Zeugnis und das Leben der katholischen Priester infrage stellt.

Begrüßen Sie es denn, dass über das Zölibat auch in ihrer Kirche jetzt ernsthaft diskutiert wird?

Wenn die Diskussionen dazu führen, dass man sich dem Thema Sexualität und Sexualmoral in vertiefter Weise stellt, dann begrüße ich das. Ich sehe sehr wohl die Problematik, dass wir als katholische Kirche eine anspruchsvolle Sexualmoral haben, aber erkennen müssen, dass die Lebenssituation bei Eheleuten und bei Zölibatären nicht immer den geraden Weg verläuft. Mir wäre wichtig, darauf hilfreiche Antworten anbieten zu können.

Wie zentral ist die Säule „Zölibat“ für die Statik der katholischen Kirche?

Der Zölibat ist kein dogmatischer Glaubenssatz.

Anders gefragt: Würde das System der katholischen Kirche ohne Zölibat zusammenbrechen?

Zweifellos würde sich das Gesicht der Kirche einschneidend verändern. Ich bin dagegen, einfach zu sagen: „Lasst die Priester doch heiraten.“ Wenn ein Priester dann nicht heiratet, würde sehr schnell gemutmaßt, dass bei dem etwas nicht stimmt. Auch ist es ein Trugschluss, dass mehr Menschen in die Kirche gehen, nur weil der Pastor heiraten darf. Für die Erneuerung des Glaubens würde uns diese Frage nichts bringen.

Täglich erreichen uns neue Meldungen über sexuellen Missbrauch oder den Missbrauch von Gewalt auch in kirchlichen Einrichtungen. Welche Schuld hat die katholische Kirche hier auf sich geladen?

Zunächst muss man feststellen, dass die Täter die Schuld tragen. Einfach verkürzt zu sagen, es ist das System, wird der Angelegenheit nicht gerecht und würde die Täter in ungutem Maße entschuldigen. Aber natürlich tragen auch diejenigen Verantwortung und haben in diesem Sinne auch Schuld auf sich geladen, die als Vorgesetzte – als Obere – Verantwortung hatten und mit den Vorfällen und dem Missbrauch nicht im Sinne der Aufklärung und einer künftigen Prävention umgegangen sind.

Hat sich die katholische Kirche der Vertuschung schuldig gemacht?

Aus unseren Erkenntnissen heraus, die wir nun haben, hat es Vertuschung gegeben. Das müssen wir heute schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Da wo kein wirklicher Aufklärungswille vorhanden war und Täter einfach nur versetzt wurden, müssen wir in einer ganzen Reihe von Fällen gestehen, dass vertuscht worden ist.

Sind die Bistümer dort zu milde mit den Tätern umgegangen?

Zunächst einmal muss man sagen, dass im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte ja alle Bistümer irgendwie betroffen sind. Ich habe in den Diskussionen der letzten Tage gelernt, dass wir zu stark den Täterschutz im Blick hatten. Und wenn Sie jetzt nach der Milde fragen, ist dass auch wieder die Täterperspektive. Was man sagen kann: Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust.

Woran liegt es, dass diese Missbrauchsfälle jetzt erst nach Jahrzehnten bekannt werden? Liegt das am Gesamtsystem der Kirche, an den Machtstrukturen?

Dass diese Fälle jetzt bekannt werden, liegt auf der einen Seite daran, dass mit Pater Mertes, dem Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, ein Kirchenmann mutig nach vorne gegangen ist. Andererseits sind viele Opfer durch die große Öffentlichkeit und aus der Erfahrung heraus, nicht allein damit gewesen zu sein, jetzt ermutigt, nach Jahrzehnten über ihr persönliches Schicksal zu sprechen.

Was kann der Runde Tisch bewirken?

Ich verspreche mir von diesem Runden Tisch, dass wir die Missbrauchsproblematik in ihrem ganzen Ausmaß noch einmal stärker ins Auge fassen und dass es vor allem im Bereich der Prävention Perspektiven gibt. Die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen, die im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, müssen hier stärker zusammenarbeiten.

Wird es neue Anlaufstellen, neue Hilfen für die Opfer geben?

Ich habe bereits angekündigt, dass wir eine Hotline für Betroffene – Opfer, möglicherweise auch Täter – einrichten wollen. Diese wird am 30. März freigeschaltet werden. Darüber hinaus gibt es die Beauftragten in den einzelnen Bistümern und Ordensgemeinschaften, die zunächst Ansprechpartner sind, wenn es darum geht, bestimmte Fälle anzuzeigen.

Wie qualifiziert und wie neutral wird diese Hotline besetzt sein?

Sie wird qualifiziert besetzt sein mit Frauen und Männern aus unseren kirchlichen Beratungsstellen – mit Psychologen wie Therapeuten, die mit dem Thema sexueller Missbrauch umzugehen wissen.

Wie stark wollen Sie sich Kompetenz von außen holen, um das Thema gründlich aufzubereiten?

Wir haben ja bereits bei der Erstellung der Leitlinien 2002 externen Sachverstand hinzugezogen. 2003 hatte der Vatikan zu einem Kongress zum Thema sexueller Missbrauch eingeladen. Dort waren 95 Prozent der teilnehmenden Fachleute keine Katholiken. Und wenn wir jetzt unsere Leitlinien noch einmal überarbeiten, werden wir Experten von außen hinzuziehen. Ich habe als Beauftragter der Bischofskonferenz schon eine Reihe von Angeboten von Menschen bekommen, die bereit sind, sich mit ihrem Knowhow daran zu beteiligen.

Muss die Kirche bei der Ausbildung der Priester reagieren?

Ich werde auf jeden Fall mit den Ausbildern in den Priesterseminaren Kontakt aufnehmen, die Elemente in der Ausbildung unter die Lupe nehmen und gegebenenfalls optimieren. Ich möchte aber betonen, dass der überwiegende Teil der Fälle, die jetzt bekannt werden, sich in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren ereignet hat. Spätestens seit den 80er-Jahren ist die Psychologie Standardelement in der Priesterausbildung.

Es gibt Kritik am Papst, dass er sich nicht klar zu den Missbrauchsfällen äußert. Jetzt hat der Vatikan einen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe zu diesem Thema angekündigt. Ist diese Ebene nicht zu formell, um der Diskussion gerecht zu werden?

Man tut dem Papst Unrecht, wenn man den Eindruck erweckt, er wäre in dieser Frage nicht klar. Wenn man auf die Vorfälle in Amerika schaut, die 2002 bekannt wurden, war der heutige Papst als Präfekt der Glaubenskongregation zuständig und hat einen ganz deutlichen Kurs gefahren. Das tut er bei den irischen Bischöfen auch. Dass diese zweimal im Vatikan gewesen sind, zeigt, wie stark das Thema zur Chefsache geworden ist. Vielleicht nimmt der angekündigte Hirtenbrief die Missbrauchsproblematik auch in einem größeren Sinn in den Blick.

Muss nicht der „deutsche“ Papst zu der Situation in Deutschland ein persönliches Wort sagen?

Der Papst ist allen voran der Papst der Weltkirche. Aber der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz war ja im Vatikan und hat mit dem Papst über die Problematik gesprochen. Und er hat die Reaktion des Papstes öffentlich gemacht und ganz klar betont, dass der Papst diesen Weg der Aufklärung bestärkt.

Sie vertreten die Auffassung, dass es den Opfern gar nicht um Entschädigung geht sondern dass sie froh darüber sind, endlich über ihr Schicksal reden zu können. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass es nicht irgendwann einmal doch um Entschädigungen gehen wird?

Ich habe viele Rückmeldungen in dem Sinne bekommen, dass nicht das Geld im Vordergrund steht. Aber die Frage der Entschädigung steht natürlich im Raum. Wir haben bisher über die seelsorgerische Hilfe hinaus Menschen, die finanzielle Unterstützung für therapeutische Angebote brauchten, diese auch zugesagt. Das werden wir auch weiter tun. Und darüber hinaus muss man darüber reden, ob es eine Form der materiellen oder immateriellen Anerkennung für die Opfer geben kann. Dabei ist uns wichtig, dass diese Anerkennung des Unrechts diesen Menschen auch gerecht wird. Wir wollen uns nicht durch bestimmte Summen freikaufen.

Worin sehen Sie Ihre ganz spezielle Rolle als – weltlich gesprochen – Chefaufklärer?

Dieser Begriff stimmt so nicht. Die Aufklärung vor Ort liegt bei den Beauftragten der Bistümer. Meine Funktion ist die des Koordinators der Grundfragen, die alle Bistümer angehen: die Überarbeitung der Leitlinien, das Gespräch mit den Experten, der Kontakt mit denen, die in der Priesterausbildung stehen, der Aufbau der Hotline.

Und wo sehen Sie sich mit dieser Aufgabe in einem Jahr?

Wir werden in diesem Jahr die Leitlinien überarbeitet und die Entschädigungsfrage geklärt haben. Und ich bin optimistisch, dass alle Fälle, die uns gemeldet wurden, dann auch aufgeklärt sein werden. Ich maße mir nicht an, zu prognostizieren, was der Runde Tisch in einem Jahr gebracht hat. Dort sitzt die katholische Kirche ja nicht allein.

Glauben Sie, dass die katholische Kirche dann ihr Ansehen zurück gewonnen hat?

Wir werden nach unseren Möglichkeiten versuchen, das Vertrauen wieder zu gewinnen. Man muss uns anmerken, dass wir es Ernst meinen mit der Aufklärung. Aber um Vertrauen kann man nur werben, als Ziel kann man sich Vertrauen nicht stecken.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Sexualisierung unserer Gesellschaft und dem Missbrauch von Schutzbefohlenen in allen pädagogischen Bereichen?

Die Diskussionen der vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es nicht einfach an bestimmten Moralvorstellungen liegt. In Institutionen mit den unterschiedlichsten Ausrichtungen sind Missbrauchsfälle vorgekommen. Aber dass viele Vergehen erst so spät ans Tageslicht gekommen sind, hängt mit den geschlossenen Systemen zusammen, sei es in katholischen Einrichtungen, in einem nicht-kirchlichen Internat oder auch in der Familie.

Bedrückt es Sie, dass beim Thema Missbrauch auch das Zölibat in einem Atemzug genannt wird?

Ja, das bedrückt mich deshalb, weil es keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Das sagen übrigens nicht nur wir Bischöfe, sondern auch nicht-kirchliche Experten. Eine sexuelle Störung liegt früher fest. Sie wird nicht durch ein Versprechen ausgelöst, das ein erwachsener Mann ablegt. Und es bedrückt mich deshalb, weil es insgesamt das Zeugnis und das Leben der katholischen Priester infrage stellt.

Begrüßen Sie es denn, dass über das Zölibat auch in ihrer Kirche jetzt ernsthaft diskutiert wird?

Wenn die Diskussionen dazu führen, dass man sich dem Thema Sexualität und Sexualmoral in vertiefter Weise stellt, dann begrüße ich das. Ich sehe sehr wohl die Problematik, dass wir als katholische Kirche eine anspruchsvolle Sexualmoral haben, aber erkennen müssen, dass die Lebenssituation bei Eheleuten und bei Zölibatären nicht immer den geraden Weg verläuft. Mir wäre wichtig, darauf hilfreiche Antworten anbieten zu können.

Wie zentral ist die Säule „Zölibat“ für die Statik der katholischen Kirche?

Der Zölibat ist kein dogmatischer Glaubenssatz.

Anders gefragt: Würde das System der katholischen Kirche ohne Zölibat zusammenbrechen?

Zweifellos würde sich das Gesicht der Kirche einschneidend verändern. Ich bin dagegen, einfach zu sagen: „Lasst die Priester doch heiraten.“ Wenn ein Priester dann nicht heiratet, würde sehr schnell gemutmaßt, dass bei dem etwas nicht stimmt. Auch ist es ein Trugschluss, dass mehr Menschen in die Kirche gehen, nur weil der Pastor heiraten darf. Für die Erneuerung des Glaubens würde uns diese Frage nichts bringen.

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