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Rheinland-Pfalz

Besondere Sprachform: Leichte Sprache baut Barrieren ab

Marta Fröhlich

Ein Brief von einer Behörde reicht schon aus: Zwischen Fachchinesisch und Paragrafendschungel fällt das Verstehen schwer. Während sich der Durchschnitts-Rheinland-Pfälzer ärgert und durch den Text kämpft, geben andere komplett auf. Vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Behinderungen verstehen in einer Welt voller Texte nicht, was gemeint ist, und können so nicht an der Gesellschaft teilhaben.

Leichte Sprache 
baut Barrieren ab und dient der Inklusion. Diese besondere Sprachform macht Texte für alle verständlich.
Leichte Sprache 
baut Barrieren ab und dient der Inklusion. Diese besondere Sprachform macht Texte für alle verständlich.
Foto: picture alliance

„Ob Busfahrplan, Beipackzettel oder Theaterprogramm: Im Alltag treffen wir auf Texte, die nicht verstanden werden“, weiß Nadja Quirein. Sie arbeitet als Übersetzerin und Prüfgruppenbegleiterin beim Kompetenz-Zentrum Leichte Sprache des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Westerburg (Westerwaldkreis) und schreibt Texte in Leichter Sprache.

Diese besondere Sprachform ist leicht verständlich und folgt genauen Regeln. So verwendet sie kurze Sätze mit nur einer Aussage, Fachbegriffe werden erklärt, große Zahlen und Abkürzungen vermieden. Auch das Schriftbild ist ungewöhnlich: Die Schrift ist größer als üblich, Bindestriche unterteilen lange Wörter. So entstehen barrierefreie Texte, die für jeden verständlich sind. Zur Leichten Sprache gehört auch ein sogenannter Prüfer dazu. Meistens sind das Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Behinderungen, die die Texte gegenlesen und auf Verständlichkeit prüfen – Experten in eigener Sache sozusagen. Einer von ihnen ist Michael Schäning. Der 34-Jährige arbeitet als Prüfleser gegen Entgelt bei der Lebenshilfe Limburg. Er ist fünfmal die Woche im Einsatz und hat viel Freude an seinem Job. „Ich mag es, dass die Texte so unterschiedlich sind. Neulich hatten wir einen Text aus Thüringen, das war spannend“, findet er. Schäning hat große Schwierigkeiten beim Lesen, weshalb ihm auch das Verstehen von Texten schwerfällt. „Manchmal sind die Texte im Alltag zu schwierig“, findet er. Deshalb sei es so wichtig, dass es sie auch in Leichter Sprache gibt. Doch auch für Schäning war die Leichte Sprache neu. Er hat sie erst in seinem Job als Prüfer kennengelernt.

Leichte oder Einfache Sprache? Gibt es da einen Unterschied? Ganz klar ja. Während die Leichte Sprache klaren Regeln folgt und eine stark vereinfachte Form der Sprache darstellt, ähnelt die Einfache Sprache eher unserer Alltagssprache. Auch dort werden Fachbegriffe erklärt und verschachtelte Sätze vermieden. Jedoch wird deutlich mehr Wissen beim Leser vorausgesetzt. Das Angebot an Texten in Einfacher Sprache ist in Deutschland bereits viel größer als in Leichter Sprache. Zum Beispiel bieten Verlage wie Spaß am Lesen Unterhaltungsliteratur oder auch Klassiker in der vereinfachten Textform an.

Bereits in den 1970er-Jahren kam in den USA die Idee der Leichten Sprache auf, die in den 1990er-Jahren auch Deutschland erreichte. Daraufhin gründete sich 2001 der Verein „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“, das sich für die Leichte Sprache einsetzt. Das Schreiben der Texte ist Teamarbeit: Übersetzer und Prüfer arbeiten gemeinsam daran, dass die Texte leichter zu verstehen sind. „So entsteht ein Instrument der Inklusion“, fasst Nadja Quirein zusammen.

Der Bedarf an Leichter Sprache ist groß. Nicht nur Alltagstexte sind oft schwer verständlich, auch die Internetseiten der meisten Kommunen bereiten Schwierigkeiten. Während immer häufiger Inhalte in Gebärdensprache angeboten werden oder auch die Schriftgröße variabel ist, tun sich Städte und Land im Gegensatz zum Bund schwer, Angebote in Leichter Sprache zu formulieren. Allein ein in Leichter Sprache verfasster Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis lässt sich aufstöbern. Eine magere Bilanz. Und das, obwohl Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN) mitunterschrieben hat. Diese beinhaltet auch die barrierefreie Sprache. Der Beschluss der UN wurde in die 192 Nationen weitergetragen, in Deutschland haben die Bundesländer Aktionspläne erstellt, wie sie die Konvention umsetzen wollen.

Auch Rheinland-Pfalz hat 2015 einen Aktionsplan vorgestellt, in dem die Leichte Sprache erwähnt ist: „Im Wege der Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgern kommen – insbesondere wenn Bürgerrechte betroffen sind – Leichte Sprache, Gebärdensprache, Braille sowie andere notwendige Kommunikationshilfen bedarfsgerecht zum Einsatz“, heißt es in dem Papier, das auch in Leichter Sprache erhältlich ist. Doch während auf Bundesebene die Internetseiten zumindest auf der Startseite mit leicht verständlichen Inhalten bestückt sind, weist der Internetauftritt des Landes Rheinland-Pfalz mit Ausnahme des Sozialministeriums noch eine Lücke auf.

Dabei ist schwer zu fassen, wie viele Menschen Informationen in Leichter Sprache bräuchten. Denn zur Klientel gehören nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Behinderungen, sondern auch Sprachanfänger, Menschen mit Demenz oder Senioren, denen das Lesen schwerfällt, sowie funktionale Analphabeten. Für diese Menschen sind Angebote in Leichter Sprache sehr hilfreich.

Doch genau hier steckt ein großes Missverständnis in der öffentlichen Diskussion um Leichte Sprache. Schon 2015 hat Bremen für die Bürgerschaftswahl Unterlagen in Leichter Sprache verschickt. Auch im schweizerischen Basel hat eine Primarschule Elternbriefe in Einfacher Sprache herausgegeben. Für Aufregung hat Anfang des Jahres das Land Schleswig-Holstein gesorgt, als es Wahlbenachrichtigungen in Leichter Sprache verschickt hat. Vorwürfe wurden laut, die deutsche Sprache ginge „den Bach runter“, würde verkommen, es sei nur noch Sprache „für Dumme“.

Dabei plädieren Experten keineswegs für ein Entweder-oder, sondern für ein Begleitangebot, das auf Bedarf ausgehändigt wird. „Manchmal würde ja schon eine Erklärung in Leichter Sprache reichen, zum Beispiel bei einem Vertrag“, sagt Übersetzerin Quirein. Für mehr sprachliche Teilhabe. Marta Fröhlich

Beispiele, wie ein Artikel in Leichter Sprache aussehen kann, finden Sie hier:

Behindertenbeauftragter Rösch: "Wir schaffen noch zu viele Sonderwelten"

Leichte Sprache ist für die Politik kein leichtes Thema. Die Umsetzung fällt den Behörden schwer. Deshalb stellt Matthias Rösch, der Landesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz, die barrierefreie Kommunikation in den Fokus seiner Arbeit. Im Interview mit unserer Zeitung wirbt er für mehr Verständnis und Begegnung.

Matthias Rösch setzt sich für behinderte Menschen ein. Foto: privat
Matthias Rösch setzt sich für behinderte Menschen ein.
Foto: privat

Was verstehen wir unter Barrierefreiheit?

Barrierefreiheit bedeutet für Menschen mit Behinderungen, Barrieren in der Umwelt, im Bau oder in der Information zu vermeiden. Barrierefreiheit ist seit 2002 im Landesbehindertengleichstellungsgesetz definiert und hat eine umfassende Bedeutung.

Wie viele Menschen in Rheinland-Pfalz betrifft es?

Etwa 10 Prozent der Menschen in Rheinland-Pfalz haben eine anerkannte Behinderung. Allerdings nützt Barrierefreiheit noch viel mehr Menschen. Zum Beispiel wenn es um Leichte Sprache geht. Wenn ich Informationen leichter aufnehmen kann, ist es für alle Menschen einfacher, Texte zu verstehen. Das betrifft Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft die Sprache nicht können, Menschen mit einer Demenz oder alle, die zu wenig Zeit haben, einen Text in Schwerer Sprache zu lesen. Dahinter steckt der Grundsatz des universellen Designs: dass man möglichst Produkte und Dienstleistungen so gestaltet, dass sie für alle Menschen gut nutzbar und zugänglich sind.

Verliert die deutsche Sprache an Qualität, wenn man sie in Leichte Sprache übersetzt?

Ich finde, die deutsche Sprache gewinnt durch Leichte Sprache. Ich kenne die Diskussion, die auch in manchen Feuilletons geführt wird. Das sei eine Vereinfachung. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass Information für die Menschen mit Behinderung auch angepasst wird. Leichte Sprache wird immer bekannter. Ich merke aber auch aus der Diskussion, dass noch nicht verstanden wird, worum es dabei geht. Zum Beispiel als in Schleswig-Holstein Wahlunterlagen in Leichter Sprache verschickt wurden. Die hatten das konsequent umgesetzt. Da gab es dann harsche Vorwürfe: Man würde für blöd gehalten, wenn man diese Information so erhält. Aber eigentlich freuen sich alle darüber, wenn sie einen Bescheid bekommen, den jeder auch verstehen kann.

Ärgern Sie diese Reaktionen?

Mich ärgert, wenn man nicht verstanden hat, dass es hier um Barrierefreiheit und Menschenrechte geht und dass man Menschen mit Behinderungen nicht ausgrenzt.

Fällt es leichter zu verstehen, dass jemand eine Rampe braucht, als dass Informationen auch in Leichter Sprache verfasst sein sollten?

Ich denke, dass wir in Deutschland noch zu sehr die Sonderwelten für Menschen mit Behinderungen schaffen, wo sie unter sich sind. Wenn es mehr Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung – auch gerade Menschen mit Lernschwierigkeiten – auch schon in Schulzeiten und in der Kita gäbe, würde das viel besser verstanden. Leben wie alle mittendrin von Anfang an – das ist ja unser Leitsatz in Rheinland-Pfalz. Das ist wichtig.

Leichte Sprache ist Teil der UN-Behindertenrechtskonvention. Warum tut man sich so schwer, Aktionspläne umzusetzen?

Also der Landesaktionsplan ist schon mal in Leichte Sprache übersetzt. Wir haben auch schon viele Faltblätter wie die Merkzeichen im Behindertenausweis in Leichter Sprache. Es gibt mehr und mehr Internetseiten des Landes, die auch Leichte Sprache nutzen.

Die Landesministerien haben noch kaum etwas übersetzt.

Das stimmt. Es gibt Beispiele: Die Staatskanzlei und der Landesbeauftragte haben was, der Museumsverband Rheinland-Pfalz macht mit der Lebenshilfe ein sehr gutes Projekt, bei dem die Steckbriefe der Museen übersetzt werden. Wir brauchen aber noch die Anpassung unseres Landesbehindertengleichstellungsgesetzes. Im Landesteilhabebeirat haben wir Eckpunkte dazu erarbeitet, in denen Leichte Sprache berücksichtigt ist.

Das war bisher noch nicht Teil des Gesetzes?

Nein. Das Gesetz stammt aus 2002, und damals war das Thema Leichte Sprache noch sehr am Anfang. Es hat sich in den vergangenen Jahren sehr entwickelt, von den Übersetzungsbüros, vom Bewusstsein, von der Selbstvertretung her. Leichte Sprache als Rechtsanspruch ist auch im Bundesbehindertengleichstellungsgesetz erst 2016 eingeführt worden. Eine entsprechende Regelung will ich im nächsten Jahr auch für Rheinland-Pfalz erreichen, wenn die Novellierung unseres Landesbehindertengleichstellungsgesetzes ansteht. Eckpunkte liegen bereits vor, vom Landesbehindertenbeirat verabschiedet. Unter anderem ist dort ein Rechtsanspruch auf Information in Leichter Sprache enthalten. Ab 2018 gibt es von Bundesseite her diesen Rechtsanspruch bereits.

Wie soll das in der Praxis aussehen?

Menschen mit Lernschwierigkeiten erhalten auf Verlangen Bescheide von der Bundesbehörde in Leichter Sprache. Einzelne Kommunen wie die VG Nieder-Olm betreiben das bereits vorbildhaft. Klar ist, ein Bescheid muss rechtssicher sein. Aber eine Erläuterung in Leichter Sprache ist auf jeden Fall möglich.

Das Interview führte Marta Fröhlich

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