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    Kommentar: Die neue Bundeskanzlerin – Merkel zeigt Führungsanspruch

    Bemerkenswertes ist in dieser Woche geschehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat einen Satz gesagt, wie man ihn in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft bisher nicht gehört hat. Er fällt, nachdem sie am Wochenende zuvor mehrere Tausend Flüchtlinge aus Ungarn kurzerhand in Deutschland aufgenommen hatte und dafür aus der CSU und in den eigenen Reihen kritisiert wird.

    Rena Lehmann
    Rena Lehmann

    Merkel sagt: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Es ist ein Satz ohne Rücksicht auf Verluste, ein Satz ohne doppelten Boden. Was ist da passiert?

    Zur bisherigen Regierungschefin Merkel wollen diese Worte gleich in mehrfacher Hinsicht nicht passen. Noch nie beruhte ihre Argumentation auf Emotionen. Jetzt aber muss Deutschland helfen, um ein freundliches Gesicht zu zeigen, wie sie sagt. Die Wortwahl nimmt Gegnern der großen Aufnahmebereitschaft den Wind aus den Segeln. Wer wollte schon allen Ernstes, dass Deutschland ein unfreundliches Gesicht zeigt?

    Noch mehr aber verrät der Satz über ein verändertes Selbstbewusstsein der Bundeskanzlerin. Nachdem sie schon zwei Wochen zuvor mit dem Satz „Wir schaffen das“ zur Flüchtlingskrise überrascht hatte, geht sie jetzt noch einen Schritt weiter. In früheren Krisen hat sie sich gern zunächst ein umfassendes Bild von der Stimmungslage des Volks gemacht, dann sorgfältig abgewogen und nach allen Seiten abgesichert entschieden. Gern blieb sie dann in ihren Äußerungen aber weiter so vage, dass sie sich immer noch mehrere Wege offen hielt, dass notfalls auch eine Rolle rückwärts noch zu machen war.

    Jetzt geht sie aber plötzlich voran und macht ihren Führungsanspruch deutlich. Es klingt fast wie eine Drohung: Wenn ihr mir jetzt nicht folgt, dann könnt Ihr zusehen, wie ihr künftig ohne mich klarkommt. Wenn jetzt nicht alle mitspielen, ist Deutschland ja in der Konsequenz nicht mehr ihr Land. Grob gesagt: Dann lässt sie uns einfach alle hängen. So einfach ist das.

    Sie weiß offenbar, wie mächtig sie ist. Denn natürlich werden ihre Leute ihr folgen. Merkel zeigt mit dem Satz aber auch eine neue Risikobereitschaft, die andere Regierungschefs erst gegen Ende ihrer Amtszeiten an den Tag legten. Man kann davon ausgehen, dass sie sich hier die Freiheit genommen hat auszusprechen, was sie wirklich denkt. Ein erstes Mal hat sie eine Sache womöglich nicht wie sonst von ihrem Ende her gedacht.

    Das spricht für eine große Unabhängigkeit, die sie plötzlich gewonnen zu haben scheint. Die Konsequenzen kommen für sie diesmal erst an zweiter Stelle. Natürlich könnte die Reaktion auf den Satz für sie auch negativ ausfallen. Dann nämlich, wenn das Land, das nicht mehr ihres sein soll, antworten würde: Na und?

    Je nachdem, wie gut oder schlecht es der Bundeskanzlerin gelingt, die Flüchtlingskrise zu meistern, könnte das irgendwann passieren. Jetzt aber mit Sicherheit noch nicht. Für noch etwas aber ist der Satz ein erstes Warnzeichen: Wer lange Macht hat, kann irgendwann zu Trotz und Sturheit neigen. Er wird dann unerreichbar für Beratung und Kritik.

    E-Mail: rena.lehmann@rhein-zeitung.net

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