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Kommentar: Der Westen kann islamistischen Terror nicht allein bekämpfen

Wen berührt das nicht: Tausende jesidischer Frauen, Kinder, alte Männer, Familien haben sich auf den Dschabal Sindschar geflohen, einen Höhenzug im Nordirak. Weit oben, auf dem 1453 Meter hohen Gipfel Çêl Mêra, steht ein Heiligtum dieser im Westen nahezu unbekannten monotheistischen Religion. Der Berg ist die letzte Zuflucht vor dem islamistischen Terror.

Dietmar Brück kommentiert.
Dietmar Brück kommentiert.
Foto: Jens Weber

Dutzende Kinder sollen in der brütenden Hitze bereits gestorben sein. Die Flüchtlinge drohen zu verdursten und zu verhungern. Manche essen in ihrer Verzweiflung Blätter, wenn die Hilfspakete nicht reichen, die aus der Luft abgeworfen werden. Inzwischen ist einem Teil die Flucht nach Syrien gelungen. Doch was wird sie in diesem Bürgerkriegsland erwarten?

Es ist das Schicksal der Jesiden, das US-Präsident Barack Obama zur Aufnahme seines Luftkrieges gegen die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bewogen hat. Er wollte diesen Einsatz nicht. Obama weiß, wie leicht ein Krieg zu beginnen und wie schwer er zu beenden ist. Doch den Bildern und Berichten aus dem Nordirak konnte der Oberbefehlshaber der schlagkräftigsten Armee der Welt nicht ewig tatenlos zuschauen. Nicht, wenn Amerika noch Reste seines Führungsanspruchs aufrechterhalten will. Viel ist davon ohnehin nicht mehr übrig.

Ein weltpolitisches Desaster

Die Lage in Syrien und im Irak ist ein weltpolitisches Desaster. In Syrien sind die Fronten so unübersichtlich, dass selbst Spezialisten den Überblick verloren haben. Dort kämpfen Regierung gegen Oppositionelle, radikale Islamisten gegen noch radikalere Islamisten. Dort bekriegen sich die Milizen einzelner Volksgruppen, Bürgerwehren, Banden, einfach alles, was Geld und Waffen hat. Und der Irak ist ein politisches Trauerspiel. Die Regierungssoldaten desertieren regelmäßig, weil sie nicht wissen, für wen sie kämpfen sollen – den zerstrittenen Haufen in Bagdad, der sich politische Elite nennt? Die Ohnmacht des Westens ist längst mit Händen zu greifen.

Chaos und Vakuum sind wie gemacht für straff organisierte Terrormilizen wie den Islamischen Staat. In ihrem religiösen Wahn metzeln sie alles nieder, was nicht ihrem rigorosen Glaubensbild entspricht. Christliche Kirchen brennen, uralte Relikte des Glaubens werden zerstört, Bücher und Schriften werden verbrannt, jesidische Heiligtümer geschändet. Wer seiner alten Religion nicht abschwört, stirbt. Da ist es auch ohne Bedeutung, dass Jesiden überhaupt nicht konvertieren können.

Kaum Alternativen

Natürlich dürfen solche Exzesse der westlichen Welt nicht egal sein. Wenn auf syrischem und irakischem Territorium ein islamistischer Staat brutalster Prägung entsteht, haben alle Terroristen auf dem Globus eine neue stabile Operationsbasis. Da können Deutschland und andere europäische Länder noch so viele Pässe von Fanatikern einziehen, sie werden davon nicht verschont bleiben. Zudem halten es offene, demokratische Informationsgesellschaften nicht aus, derartige Massaker an hilflosen Zivilisten als bloße Zuschauer zu ertragen.

Daher gab es zu den US-Luftschlägen kaum eine Alternative, auch wenn darin viel Hilflosigkeit zum Ausdruck kommt. Ansonsten bleiben humanitäre Hilfe, diplomatische Schadensbegrenzung und eine konsequente Unterstützung besonnener und gemäßigter Kräfte in Krisenregionen wie dem Irak und Syrien. Der Westen sollte bei der Auswahl seiner Verbündeten erheblich wählerischer sein. Alles andere rächt sich.

Zugleich gilt: Das Erstarken der IS-Milizen ist zu einem großen Teil hausgemacht. Die politischen Führungen in Ländern wie dem Irak (Libyen, Jemen oder Afghanistan) müssen endlich bereit sein, Verantwortung für einen gesellschaftlichen Ausgleich zu übernehmen. Ansonsten verpufft jegliches westliches Engagement. Wenn sich die Elite eines Landes korrupt, zänkisch und selbstsüchtig präsentiert, muss sie sich nicht wundern, dass der nationale Zusammenhalt zur Farce wird. Die Tür für unerbittliche Fanatiker öffnet sich sperrangelweit. Natürlich hat der katastrophale Irak-Krieg unter US-Führung viele alte Strukturen zerschlagen. Doch für die Fehler beim Wiederaufbau ist im Irak und anderswo nicht allein der Westen verantwortlich. Allzu oft opfern einheimische Politiker lieber den gesellschaftlichen Frieden, als auch nur auf den kleinsten Vorteil zu verzichten. Den Preis dafür zahlen andere. Menschen wie die Jesiden, die auf dem Dschabal Sindschar um ihr Leben bangen.

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