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Udo Lindenberg: Er ist stark wie zwei

Ein Interview mit Udo Lindenberg ist ein Abenteuer – und das fängt schon bei der Vorbereitung an. Die Interviewanfrage, die ich ans Management gerichtet habe, ist schon einige Wochen alt und (ehrlich gesagt) fast vergessen. Eines Tages – man hat Urlaub und ist gerade mit der kleinen Tochter beim Friseur – klingelt das private Handy. „Ja, hallo, hier ist Lindenberg“, knödelt es. „Du wolltest mich interviewen. Jetzt kannste mich interviewen.“

Udo Lindenberg: Er ist stark wie zwei
Udo Lindenberg ist der Kumpel und Bruder von so vielen Menschen. Man muss ihn einfach mögen – und so kann es sein, dass er ganz unkompliziert auf dem Privathandy anruft, wenn ihn die Lust aufs Interview packt.
Foto: Tine Acke/Schwarzkopf & Schwarzkopf

Ein Interview mit Udo Lindenberg ist ein Abenteuer – und das fängt schon bei der Vorbereitung an. Die Interviewanfrage, die ich ans Management gerichtet habe, ist schon einige Wochen alt und (ehrlich gesagt) fast vergessen. Eines Tages – man hat Urlaub und ist gerade mit der kleinen Tochter beim Friseur – klingelt das private Handy.

„Ja, hallo, hier ist Lindenberg“, knödelt es. „Du wolltest mich interviewen. Jetzt kannste mich interviewen.“

„Äh ... Wer ist da?“

„Udo Lindenberg! Komm, interview mich.“

„Ja ... ist klar.“ (Wer will mich denn hier auf den Arm nehmen? Erstens: Woher soll Udo Lindenberg meine Handynummer haben? Und zweitens ruft so ein Star ja nicht persönlich an, um Termine zu vereinbaren.) „Nein, jetzt geht's grad nicht.“

„Hm. Okay. Dann um halb sechs.“

„Nein, auch nicht um halb sechs.“

„Ah. Gut. Dann am Freitag.“

„Nein!! Ich hab diese Woche Urlaub.“ (Wer auch immer Udo da imitiert – der ist echt gut.)

„Ach so. Dann meld dich am Montag, du hast ja jetzt meine Nummer.“

„Äh – die Nummer, die ich hier auf dem Display sehe?“ (Ha, verraten! Udo Lindenberg, der echte, würde garantiert seine Nummer unterdrücken.)

„Ja, genau. Schick mir 'ne Sims, wenn du cool bist und down bist und nüchtern bist – he, he – und dann interviewst du mich.“

„Ja, gut.“

Wir legen beide auf – die Verwirrung ist groß. War das jetzt Udo Lindenberg, oder ...?

Abends schaut man in die Dienstmails. Und dort steht die Lösung: Das Lindenberg-Management teilt mit, man habe (um den Terminfindungsprozess zu beschleunigen) Udo die Handynummer weitergegeben mit der Bitte, sich direkt bei mir zu melden. Ach du je – das war wirklich Udo ...!

Zweiter Akt: Man tippt am Montagnachmittag die versprochene SMS: „Haben Sie morgen um 10.30 Uhr Zeit für unser Interview?“

Die Antwort lässt auf sich warten. 21.39 Uhr, Udo antwortet: „nein, erst spaeter, so ab 14h. geht dS? herzl gruesse udoL“

Cool – Udo knödelt auch, wenn er simst!

Die nächste SMS: „14 Uhr – leider nein, da hab ich eine wichtige Konferenz. Geht ab 16 Uhr?“

Kurz vor 23 Uhr surrt das Handy. Udo schreibt. „17h?“

Kann man so spät noch antworten? Ach, bei Udo schon. Klar doch. „Ja, das passt. Bis morgen!“

Dritter Akt. Man hat eine Konferenz mit dem Chefredakteur extra vorverlegen können – Udo geht vor, da sind sich alle einig. 17 Uhr – ich rufe die Nummer an. Mailbox. Ich spreche darauf: „Hallo, Herr Lindenberg, wir hatten uns jetzt zum Interview verabredet. Ich versuche es in ein paar Minuten noch einmal.“

17.13 Uhr, mein Handy klingelt. Udo – Gott sei Dank. Wir können loslegen.

Sie haben mich ja ganz schön verblüfft, als Sie mich vergangene Woche einfach angerufen haben.

Ach, da brauche ich ja keine Sekretärin, die das macht, oder? Weißt du, ich dachte, ich meld mich einfach mal zwischendurch, wenn ich Zeit hab. Einfach so. Da ruf ich doch mal kurz an. Geht auch, oder? Und sag „Hallo“, he he ...

Aber es gibt ja so viele Leute, die Sie nachmachen können ...

Ah, da haste gedacht ...

Ja, dass Sie einer nachmacht.

Double und so, ne. Ja, ja, da gibt's auch viele. Helge Schneider macht das voll gut. Kennste? Helge?

Ja klar.

Helge – der ist echt top.

Oder Jörg Knör!

Jörg Knör auch. Hammer.

Aber jetzt spreche ich mit dem echten Udo Lindenberg – und der hat gerade mit seiner Lebenspartnerin Tine Acke einen Bildband herausgebracht, „Stark wie zwei“.

Ja, der Bildband blickt drei, vier Jahre zurück. Das ist die Dokumentation eines Projekts: die große Tour, Video machen, der Rockliner, Goldene Platten – so 'ne Art Tagebuch. Viel feiern und so. Das Buch zeigt den Udo meist in feierlichen Posen! Und es zeigt eine wichtige Episode, die goldenen Jahre, eine unglaublich glamouröse Zeit für meine Freunde und mich.

Sie sagten einmal so schön, dass Tine die Königin des Observierens und Beobachtens ist. Kann Tine ihre Gedanken fotografieren?

Ja. Sie ist ein Mensch, der mich unglaublich gut kennt und wo diese Vertrautheit da ist. Sie darf mich ständig fotografieren, immer, weil ich weiß, dass sie die Fotos sehr liebevoll aussucht und Topfotos macht. Das ist vor allem ihr Fotoband, da freut sie sich auch. Sie hat mich beim ganzen Projekt begleitet. Und das ist ein tolles Buch geworden für alle Sympathisanten von mir und für alle, die wissen wollen, was backstage so abgeht bei uns.

Was ist denn Ihre Lieblingspose, in der Sie fotografiert werden?

Da hab ich mehrere, mal im Liegen, mal beim Fliegen, zu Lande, zu Luft und im Wasser. Manchmal werde ich da reingeschoben auf die Bühne, oder ich hänge hoch in einer Kapsel über der Bühne. Da bin ich dann echt tierisch alleine, und da gibt's dann auch kein Bier für mich da oben. Da kann man nix machen, und unten sind die 17 000 Leute in der Halle – das ist der fliegende Udo. Bei manchen Titeln gibt's mich auch im Liegen, und bei manchen Liedern zeige ich meine Tanzkunst. Ich bin ja oft kopiert und nie erreicht, ne?

Das Buch heißt „Stark wie zwei“: Könnte das auch auf West und Ost zutreffen?

Das könnte man sehr, sehr gut so verstehen. Die zwei, West und Ost, müssen sich erst mal gut kennenlernen. Damals, zur Wende, wurde Deutschland nicht nur breiter, sondern auch tiefer. Und das bedeutet für uns alle, dass wir ein bisschen mehr reisen müssen; es gibt im Osten wunderbare Städte, wo viele noch nie waren! „Schmusedom“ oder zum Vergnügen nach Rügen, ne? He, he – was man da alles machen kann. Weimar, Frankfurt an der Oder, da gibt's Topstädte, da. Die meisten Leute fahren ja immer noch nach Mallorca, statt mal im Osten zu gucken. Wenn wir zusammenwachsen, so wie Willy Brandt das mal gesagt hat, dann entdecken wir auch die gemeinsame Power. Stark wie zwei – ja, genau.

Was kann der Westen besser und was der Osten?

Der Westen kann besser schnell, und der Osten kann besser sensibel. Das ist die große Stärke des Ostens. Viele aus dem Westen sollten sich von der Sensibilität der Menschen aus dem Osten etwas abgucken, wie die miteinander umgehen. Nicht hartes Business und die anderen plattmachen, sondern ein bisschen menschlich und Dschungelcamp.

Haben Sie auch 20 Jahre Wiedervereinigung gefeiert oder eher zur Kenntnis genommen?

Ich hab's richtig gefeiert. Ich war in Berlin leicht getarnt unterwegs.

Also den Hut tief im Gesicht.

Nein, mit dem Hut ging das gar nicht, ich hatte Tarnmützen auf. Und so konnte ich mich unter die Menschenmassen mischen und prima feiern. Das ging tagelang. So bin ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder bei Freunden in Ostberlin gewesen; da hab ich mich natürlich zu erkennen gegeben. Und dann war ich noch ein wenig im Osten unterwegs – ich war ja auch noch nicht überall –, und habe wieder neue wunderbare Menschen getroffen, Freunde und so. Die sagen: „Udo, du hast uns so viele Jahre mit deinen Songs begleitet, schön, dass wir dich mal treffen.“ Die sind so liebevoll und dankbar und empfinden mich wie einen Kumpel, wie einen Bruder.

Warum haben denn so viele die Feierlaune nach 20 Jahren verloren?

Die anfängliche Euphorie mit blühenden Landschaften ist durch, weil es einfach zu lange gedauert hat. Aber es ist ganz erstaunlich, dass aus den maroden Teilen der ehemaligen DDR ziemlich ordentliche Städte geworden sind. Leipzig, Dresden – das ist doch der Hammer, was die in der kurzen Zeit hingekriegt haben.

Kann Musik eine Diktatur zum Einsturz bringen?

Sie kann die Begleitmusik liefern. Zum Beispiel für große Demos! Die Leute haben da einen Song im Ohr, der auch Mut macht, der optimistisch stimmt, und dann können sie etwas bewegen. Wenn man in der Musik solche Ganoven wie Honecker demaskiert, dann hilft das den Leuten.

„Gitarren statt Knarren“: Sie haben Erich Honecker seinerzeit eine Gitarre geschenkt. War das eine übermütige Aktion?

Nee, das war einfach eine lustige Sache. Der wusste das nicht und war ziemlich erstaunt, das sieht man auch schön auf den Fotos, wie bedröppelt er da aussieht mit der Klampfe in der Hand. Ich sagte: „Hey, Honi, das kommt alles, bleib locker.“ Der war schon ein verrückter Vogel, so ein Panikindianer, das war dem alles total fremd.

Was ist aus der Gitarre geworden?

Die ist in der Panik-City, und bald kommt sie ins Panik-Museum. Das wird es bald geben; wir überlegen nur noch, ob es nach Berlin oder in meine alte Heimat, ins Ruhrgebiet, kommt. Das wird toll, da kommen alle alten Erinnerungen rein, die Memorabilien, und das wird auch ein zeitgeschichtliches Museum. Vor allem für die jungen Leute, die gar nicht mehr wissen, wie das früher war; für die, die denken, dass Honecker ein Brotaufstrich ist.

Aber vorher starten Sie noch im Januar mit Ihrem ersten eigenen Musical in Berlin: „Hinterm Horizont“. Haben Sie schon Panik vor der Premiere?

Nee, ich freu mich da! Ich finde das sehr ehrenvoll! Da wird nicht meine Story erzählt, sondern es geht um ein Mädchen aus Berlin, eine Art Eastside-Story. Aber es erinnert mich schon an meine Zeit, als ich in der DDR gespielt habe, in Erichs Lampenladen.

MICHAEL DEFRANCESCO

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