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    Trickfilm: Die Frau, die alles kopfstehen lässt

    „Alles steht kopf“ ist einer der intelligentesten Trickfilme überhaupt. Erzählt wird höchst unterhaltsam, wie es in unser aller Gehirn aussieht. Wie wir von Gefühlen gesteuert werden, die teilweise mit- und teilweise gegeneinander arbeiten. Gerade ist der Film auf DVD erschienen. Wir haben uns mit Tanja Krampfert unterhalten. Die Karlsruherin arbeitet bei den Pixar-Studios und hat die Hauptfigur Freude maßgeblich mitgestaltet.

    Viel Geduld bei der Arbeit braucht Tanja Krampfert. Die Karlsruherin ist bei den Pixar-Studios zuständig für das Modellieren der Trickfiguren am Computer. Klingt kompliziert – ist es auch. Im Interview erzählt sie von ihrer 
Arbeit.<br />Fotos: Disney
    Viel Geduld bei der Arbeit braucht Tanja Krampfert. Die Karlsruherin ist bei den Pixar-Studios zuständig für das Modellieren der Trickfiguren am Computer. Klingt kompliziert – ist es auch. Im Interview erzählt sie von ihrer 
Arbeit.
    Fotos: Disney

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Im Film "Alles steht kopf" schauen Sie in die Köpfe der Menschen hinein. Wie schaut es denn im Moment in Ihrem Kopf aus?

    Da regiert die Müdigkeit. Ich bin derzeit in Deutschland bei meinen Eltern und leide noch sehr unter dem Jetlag. (lacht)

    Müdigkeit? Da sagen Sie etwas! Müdigkeit fehlt als Figur in Ihrem Film. Dort treten nur Freude, Kummer, Angst, Ekel und Wut auf.

    Müdigkeit ist ja auch keine Emotion.

    Doch. Schauen Sie sich an. Müdigkeit ist mehr als nur ein rein körperlicher Zustand.

    Ich beginne, Ihnen recht zu geben. (lacht) Wir hätten definitiv Müdigkeit auch als Figur animieren sollen. Aber normalerweise, wenn ich keinen Jetlag habe, dann bin ich ein Sonnenschein. Insofern würde Freude ganz klar in meinem Kopf regieren. Wohl deshalb durfte ich auch an Freude arbeiten.

    Was haben Sie konkret gemacht?

    Ich bin für das Entstehen der Figuren zuständig. Das muss ich wohl erklären. Zunächst entwerfen unsere Designer Zeichnungen und Tonskulpturen, wie die Figur aussehen soll. Ich modelliere dann die Figur im Computer nach diesen Vorgaben. Nur benutze ich keinen Ton, sondern mache dies virtuell. Danach setze ich virtuelle Knochen, Muskeln und Gelenke ein, damit die Animatoren meine Figur später auch bewegen können. Ich sorge also für die Figur, für die Haut und das Skelett - aber ich gestalte keine Szene. Ich bin also keine Animatorin.

    Eine Trickfigur hat ein Skelett?

    Ja! Auch wenn eine Trickfigur natürlich viel biegsamer ist als ein Mensch oder ein Tier. Aber dennoch muss ich definieren, wie sich die Figur bewegen kann, damit es nicht unnatürlich aussieht. Ich gebe deshalb für jedes Gelenk zum Beispiel genaue Kontrollpunkte ein, wie weit es vom Animator bewegt werden darf.

    Das hört sich kompliziert an.

    Ist es auch! An Freude habe ich ein gutes halbes Jahr gearbeitet. Da wird auch immer wieder viel verändert, es gibt Rücksprachen mit dem Designer der Figur, mit den Animatoren und natürlich mit dem Regisseur höchstpersönlich. Der kommt dann in mein Büro und schaut sich alles an - das ist bei Pixar sehr schön, dass die höchste Instanz auch selbst vorbeikommt.

    Sind das die Tage, wo Sie mit feuchten Händen am Computer sitzen?

    Schon, aber das liegt auch daran, dass ich ein schlimmer Groupie bin und unsere Regisseure sehr verehre. Ich habe mit John Lasseter, unserem obersten Chef, an "Cars 2" gearbeitet - und der nimmt mich heute noch in den Arm, wenn er mich trifft. Das ist so schön! Ich mag es sehr, dass ich als Modeler nicht nur mit dem Abteilungsleiter sprechen darf, der dann alles nach oben weitergibt, sondern dass ich die Möglichkeit habe, direkt mit der obersten Führungsetage zu sprechen. So geht nichts von meiner Botschaft verloren.

    Das klingt so, als würden Sie sehr kleinteilig arbeiten.

    O ja, da sagen Sie was. Bei einer Hauptfigur wie Freude achtet man auf jedes noch so kleine Detail. Ungeduldig darf man da nicht sein, man muss mit sehr viel Liebe zum Detail vorgehen. Und ich muss auch in Kauf nehmen, dass ich umsonst gearbeitet habe und dass dann doch wieder einiges oder auch viel geändert werden muss.

    "Alles steht kopf" hat bei den Golden Globes gewonnen, und jetzt stehen die Oscars an. Wie fühlt sich das für Sie an?

    Das ist unwahrscheinlich aufregend, vor allen Dingen, weil meine Figur Freude auch für den VES Award im Bereich "Outstanding Animated Performance in an Animated Feature" nominiert ist. Damit haben wir gar nicht gerechnet.

    Ach was. Sie arbeiten bei Pixar! Da sind Oscars doch Standard ...

    Ja und nein - der Druck ist dadurch auch da. Und man gewöhnt sich an so etwas wie die Oscars niemals. Als die Nominierungen kamen, haben wir uns wild geschrieben und uns so gefreut! Die Kollegen haben uns gratuliert, das war alles extrem aufregend. Wir waren auch vor der Veröffentlichung des Films sehr nervös: Ob dieser doch sehr besondere Film ankommt, ob man ihn versteht? Es ist so schön, dass er so gut angekommen ist.

    Woran arbeiten Sie derzeit?

    Am neuen Film von Lee Unkrich, der auch bei "Toy Story 3" Regie führte. Er heißt "Coco".

    Erzählen Sie!

    Der Film erzählt die Geschichte eines 12-jährigen Jungen, der in Mexiko lebt. Sein Leben ändert sich am Día de los Muertos, am Tag der Toten. Das ist einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage, an dem in Mexiko der Verstorbenen gedacht wird. Mehr kann und darf ich nicht erzählen, wir sind auch noch ziemlich am Anfang. Aber es wird bestimmt ein sehr schöner Film!

    Sie sind ja eine magere Quelle - Sie sprudeln gar nicht.

    Tja, das Dichthalten gehört zu meinem Job dazu. Meine Freunde haben schon längst aufgegeben und löchern mich schon gar nicht mehr. Sogar mein Ehemann will nicht mehr wissen, woran ich arbeite.

    Bitte? Sie reden auch zu Hause nicht über Ihre Arbeit?

    Er will das gar nicht.

    Was ist denn das für eine Ehe?

    (lacht schallend) Er schaut sich auch die Trailer nicht im Internet an. Mein Mann liebt es, mit mir zur Premiere zu gehen, überhaupt keine Ahnung von dem Film zu haben und sich überraschen zu lassen. Aber es ist wirklich schwer, nichts zu erzählen. Ich arbeite ja ein bis zwei Jahre an einem Film und erlebe so viel. Und wenn ich mit meiner Arbeit an den Figuren fertig bin, dann dauert es noch mal fast ein Jahr, bis der Film wirklich ins Kino kommt. Wenn ich alles getan habe, dann übergebe ich meine Arbeit den Animatoren und beginne mit dem nächsten Film - aber es dauert noch mal ein gutes Stück, bis die Animatoren dann auch ihre Arbeit gemacht haben.

    Wie sehr vermissen Sie Ihre Heimat?

    Am meisten vermisse ich meine Familie und meine deutschen Freunde. Das Leben in San Francisco ist aber wirklich schön. Die Stadt ist wahnsinnig schön, und die Menschen sind sehr lebensfroh, multikulturell, offen und tolerant. Ich fühle mich da sehr wohl. Aber meine Familie wohnt eben hier. Und die Flüge sind sehr lang, sehr anstrengend und sehr teuer. Deshalb komme ich in der Regel nur einmal im Jahr nach Deutschland - aber dann ausgiebig.

    Und jetzt sind Sie ausgerechnet im eiskalten Winter hier?

    Das mag ich! In San Francisco gibt es praktisch keinen Schnee. Ich finde es schön und genieße es, wenn es überall weiß ist.

     

    Liebe zum Trickfilm

    Biografie Tanja Krampfert (39) stammt aus der Nähe von Karlsruhe. Sie studierte Kommunikationsdesign in Mannheim und besuchte die Filmakademie Ludwigsburg. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie für diverse deutsche Filme im Bereich der Spezialeffekte, zum Beispiel bei „Roter Baron“. Dann wurde Pixar auf sie aufmerksam und rekrutierte sie. Seit 2009 arbeitet sie für die Trickfilmschmiede und war unter anderem für die Figur Merida im gleichnamigen Film verantwortlich.

    „Alles seht kopf“ feierte 2015 bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere und ist jetzt auf DVD erschienen. Der Film erzählt die Geschichte des Mädchens Riley – und zwar blickt er in ihren Kopf. Fünf Emotionen steuern die Geschicke des Mädchens – was recht chaotisch wird.

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    Jochen Magnus

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