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    Trampolinturnen: Das Gefühl zu fliegen

    Ein Barhocker, der ihr beinah bis zur Brust ragt. Trotzdem braucht sie nur einen Hopser, dann sitzt sie oben: Anna Dogonadze hat das Springen nicht verlernt. Sie ist Trampolinturnerin. Selbst vier Jahre nach dem Ende ihrer Karriere.

    Unsere Reporterin Sabrina Rödder (rechts) traf Anna Alexandra Dogonadze im RZ-Druckhaus zum Interview.
    Unsere Reporterin Sabrina Rödder (rechts) traf Anna Alexandra Dogonadze im RZ-Druckhaus zum Interview.
    Foto: Michael Defrancesco

    Von unserer Reporterin Sabrina Rödder

    Deutsche Meisterin, Europameisterin, Weltmeisterin, dann die Olympischen Spiele: Ist in Ihrem Leben - gerade in Ihrer sportlichen Karriere - ein roter Faden zu erkennen?

    Bei mir ist es so, dass ich schon von Kindheit an Ziele gehabt habe. Ich bin bei Oma großgeworden, und sie hat mir immer gesagt, dass ich irgendwann bei den Olympischen Spielen turnen werde. Als ich sechs Jahre alt war, hat sie mir dann die olympischen Ringe auf mein Trikot genäht. Seitdem war Olympia mein Ziel. Zu der Zeit war Trampolinturnen zwar noch nicht olympisch, aber trotzdem war dieser Traum irgendwo in meinem Kopf drin - wenn es auch unrealistisch war. Als ich mit Trampolin aufhören wollte, weil ich Garten, Familie, Kinder und noch mehr Kinder haben wollte - da ist Trampolinturnen plötzlich olympisch geworden: 2000 waren in Sydney die ersten Spiele. Das waren auch meine ersten Spiele.

    Könnten Sie heute noch die Kür turnen, mit der Sie 2004 in Athen Gold geholt haben?

    Unmöglich! Ich habe seit vier Jahren fast nichts mehr auf dem Trampolin gemacht und hatte mehrere Bandscheibenvorfälle. Ich kann zwar einen einfachen und einen doppelten Salto, aber keinen Dreifach- und Vierfachsalto mehr. Wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich bis 60 bei Wettkämpfen geturnt. Mein Trainer hat immer Scherze gemacht und gemeint, dass ich nie aufhören werde. "Irgendwann muss ich dich im Rollstuhl zum Trampolin schieben, damit du deine Übungen turnen kannst", sagte mein Trainer immer. Ich hänge halt sehr an diesem Sport. 2012 waren aber meine letzten Olympischen Spiele, weil ich gesund bleiben und weiterhin mein Leben genießen wollte. Wenn ich aber irgendwann wegen Verletzungen oder des Alters wirklich komplett mit dem Trampolinturnen aufhören müsste, würde mein Herz bluten. Trampolin ist mein Leben.

    Dann war es auch schlimm für Sie, als Sie 2000 bei den Olympischen Spielen ausgeschieden sind.

    Oh ja. Da war ich im Vorkampf Erste, bin dann aber auf den achten Platz abgerutscht. Das war richtig schlimm! Ich habe sogar Albträume gehabt, weil ich mich immer wieder an diesen einen dritten Sprung erinnerte, bei dem ich mich nicht bis zum Ende konzentriert habe. Eigentlich hätte ich zehn Sprünge machen müssen. Durch den Fehler habe ich aber auch dazugelernt: Erst wenn der letzte Sprung geglückt ist, darf ich mich freuen. Zum Glück bin ich im Kopf schon immer sehr stark gewesen - gerade bei Wettkämpfen. Für mich war der Fehler also kein Grund aufzuhören. Für mich war das so: hingefallen, aufgestanden und weiter.

    Was würden Sie sagen, wenn Trampolinturnen irgendwann keine Olympische Disziplin mehr wäre?

    Das wäre sehr schade. Es war ja zum Beispiel mal im Gespräch, dass Ringen keine Disziplin mehr sein soll, was immerhin eine der fünf Ursprungsdisziplinen ist. Obwohl Trampolinturnen erst seit 2000 olympisch ist, gehört es einfach dazu. Denn der Sport ist viel Arbeit. Die Drei- oder Vierfachsaltos und die Schrauben - das ist gar nicht so einfach.

    Der Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn war 2004 bei Olympia in Athen (Foto): Da holte Anna Dogonadze Gold im Trampolinturnen. Und auch nachdem die heute 43-Jährige ihre Karriere beendet hat, träumt sie von ihrem Lieblingssport und liebt das Gefühl zu fliegen – aber nicht gefangen in einem Flugzeug.
    Der Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn war 2004 bei Olympia in Athen (Foto): Da holte Anna Dogonadze Gold im Trampolinturnen. Und auch nachdem die heute 43-Jährige ihre Karriere beendet hat, träumt sie von ihrem Lieblingssport und liebt das Gefühl zu fliegen – aber nicht gefangen in einem Flugzeug.
    Foto: dpa

    Was fühlen Sie, wenn Sie Trampolin springen?

    Das Gefühl zu fliegen. Einfach hochfliegen. Frei zu sein. Und das ist bis heute so. Immer dann, wenn ich irgendwo ein Trampolin sehe, auch, wenn es nur ein Kindertrampolin ist, denke ich wieder daran. Dann versuche ich zu springen und dieses Gefühl zu bekommen. Im Flugzeug zu sitzen, ist nicht das Gleiche. Da habe ich nicht dieses eine bestimmte Gefühl, das ich liebe. Dass ich fliege. Im Flugzeug bin ich gefangen, auf dem Trampolin bin ich frei.

    Und was fühlen Sie, wenn Sie Ihre Trophäen und Medaillen sehen?

    Die Medaillen und Urkunden habe ich im Keller gelagert. Ich brauche die nicht immer sehen, weil ich auch so weiß, was ich erreicht habe. Letztens kam aber mein Bruder zu Besuch und hat alles im Wintergarten aufgehängt. Er ist einfach stolz auf mich.

    Bleiben wir bei Ihrer Familie: Sie haben eine Tochter. Turnt sie auch Trampolin?

    Meine Tochter hat auch Trampolin geturnt und Sportgymnastik und Bodenturnen gemacht Nur es war so: Ich habe es ihr überlassen, eine Kindheit zu haben. Denn Kind zu sein, ist sehr wichtig. Also das, was ich nie sein konnte, was ich nie gehabt habe. Deshalb habe ich sie nicht dazu gezwungen, so sehr hinter dem Trampolinturnen her zu sein. Für mich war es sowieso nicht wichtig, dass sie das Gleiche macht wie ich, weil ich weiß, wie viel Arbeit, Schweiß, Verletzungen und Nerven dahinterstecken. Und ich wollte einfach, dass sie glücklich bleibt.

    Das heißt, es gab einen Moment, in dem Sie nicht glücklich waren?

    Von Anfang an habe ich sehr viel trainiert, doch zwischendurch brauchte ich auch mal eine Pause. Die habe ich aber nicht bekommen. Also habe ich meiner Mama gesagt, dass ich beim Training bin, zu meinem Trainer habe ich gesagt, dass ich krank bin. Stattdessen war ich mit meinen Freunden im Kino. So habe ich mir dann meine Freizeit genommen und mich erholt - anders war es nicht möglich. Mein Trainer hat das oft herausbekommen, geschimpft und gesagt, dass ich Ärger mit ihm bekomme, wenn ich dadurch bei den Wettkämpfen schlecht abschneide. Zum Glück habe ich aber trotzdem Medaillen geholt.

    Ihre Kindheit in Georgien war also nicht leicht. Disziplin und Erfolg werden dort sehr hochgehängt.

    Dort wird und wurde ganz anders trainiert, die Einheiten waren sehr hart. Aber dafür stehen auch Siege und Erfolge dahinter. Ich sehe das eher als Glück an. Auch, dass ich für drei Länder turnen durfte: erst für die Sowjetunion, dann für Georgien, als sich das Land von der Sowjetunion trennte, und ab 1998 dann für Deutschland.

    Gibt es einen Punkt in Ihrer sportlichen Laufbahn, den Sie bereuen?

    Was den Sport und vor allem das Trampolinturnen angeht, da habe ich alles richtig gemacht. Das würde ich immer wieder so machen. Das einzige, was mich so ein bisschen... Naja, also ich habe mir immer gewünscht, ein bisschen mehr Zeit für die Familie zu haben. Durch die Wettkämpfe war ich sehr viel unterwegs. Meine Tochter habe ich sozusagen vernachlässigt. Und als ich dann zu Hause war, habe ich sie nicht erzogen, sondern verzogen: Ich habe ihr Geschenke gekauft und praktisch alles erlaubt, weil ich sie so sehr vermisst habe.

    Empfinden Sie das selbst so, dass Sie Ihre Tochter vernachlässigt haben, oder hat sie das gesagt?

    Das hat sie so nicht gesagt, sie hat sich viel eher gefreut, weil ich ja immer Geschenke mitgebracht habe, wenn ich von einem Wettkampf wiederkam. Aber ich selbst habe das als Mutter gefühlt. Und ich habe es verpasst, wenn sie einen kleinen Schwung gemacht hat, wenn sie gewachsen ist und irgendetwas Neues hinzugelernt hat. Das war alles andere als schön.

    Tut das im Nachhinein weh, wenn Sie daran denken?

    Jetzt ist es so, wie es ist. Ich habe Schritte gemacht, die nicht gut waren, aber andererseits habe ich auch Erfahrungen gesammelt. Ich heule nicht über das herum, was war, sondern gucke nach vorn und versuche, beim nächsten Schritt etwas besser zu machen. Ich habe zum Glück ein gutes Verhältnis zu meiner Tochter.

    In der Karnevalssession 2013/14 waren Sie Karnevalsprinzessin in Bad Ems. Es scheint, als sei es wichtig für Sie, immer wieder "oben" zu stehen?

    Karnevalsprinzessin war eine Überraschung. Ein Freund hatte mich gefragt. Ich wusste nicht genau, was da auf mich zukommt, aber ich springe gern ins kalte Wasser und probiere etwas Neues aus. Also habe ich zugesagt. Ich sammle gern neue Erfahrungen, bin ein Abenteuermensch. Früher schon und auch in Zukunft.

    Groß mit 1,58 Metern

    Biografie Mit 1,58 Metern eine ganz Große: Anna Alexandra Dogonadze, die seit 1998 deutsche Staatsbürgerin ist, wurde am 15. Februar 1973 in Mzcheta (Georgien) geboren. Zusammen mir ihrem Bruder Josef machte sie ihre ersten Sprünge auf dem Trampolintuch.

    Schon seitdem sie sechs Jahre alt ist, turnt sie und hat bis zu ihrem Karriereende mit 39 etliche Titel gewonnen – bei Deutschen Meisterschaften (3) sowie Europa- (4) und Weltmeisterschaften (3). Der Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn war Olympisches Gold 2004 in Athen. Nachdem sie 2012 bei den Olympischen Spielen das letzte Mal an einem Wettkampf teilgenommen hat, arbeitet sie als Sportlehrerin und Sportmentalcoach. So konzentriert sich Anna Dogonadze nach ihrer sportlichen Karriere auf die berufliche Weiterentwicklung – und gibt dadurch ihr Wissen und ihre Leidenschaft an andere Menschen weiter.

     

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