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    Max Giesinger: Auf die sanfte Tour

    Wir treffen den Frauenschwarm Max Giesinger in Frankfurt. In zwei Stunden wird er auf der Bühne stehen – beim Interview ist der Popsänger die Ruhe und Freundlichkeit selbst.

    „Eine von 80 Millionen“ ist derzeit Ihr großer Hit. Ist Ihnen die einzelne Persönlichkeit wichtiger als die große Masse?
    Ja, für mich sind Menschen mit einer guten Persönlichkeit sehr wichtig, das ist mein Hauptprinzip im Leben. Gleich gehe ich hier in Frankfurt auf die Bühne – und wenn ich mir die Leute anschaue, die ich um mich schare: Die habe ich alle einzeln ausgewählt. Für mich ist es wichtig, dass es gute Menschen sind, dass sie cool sind. Das gilt für meine privaten Freunde und auch für mein Team – gerade da ist es wichtig, dass die Persönlichkeiten stimmen. Wir verbringen unendlich viel Zeit zusammen, backstage oder im Tourbus.


    Wir leben in einer Zeit, in der die Masse zählt. Wichtig ist, wie viele Follower man in den sozialen Netzwerken hat. Und ein US-Präsident kann leidenschaftlich darüber diskutieren, ob bei seiner Einweihungsparty mehr Menschen waren als bei den Vorgängern oder nicht.
    (lacht) Im Livegeschäft sind Zahlen natürlich auch wichtig. Gerade, wenn man davon leben will. Ich weiß, dass ich vor fünf Jahren mit Ach und Krach 100 Leute zu einem Konzert bekommen habe, auf einmal kommen dann 300 Leute, und auf einmal ist man ausverkauft und spielt im Tausenderbereich. Das macht mich schon glücklich, weil ich sehe, dass die Massen größer werden, die ich anziehe. Aber dabei bleibe ich nicht stehen: Ich versuche, bei einem Konzert die einzelnen Personen im Blick zu haben und anzusprechen. Ich gehe ins Publikum rein, sage Hallo, quatsche mit vielen während der Show. Ich mag diesen Wohnzimmergedanken.

    Wie haben Sie Ihre Persönlichkeit entwickelt?
    Da gab es verschiedene Etappen. In meinem musikalischen Leben hatte ich immer große Ziele und habe mich auch unangenehmen Situationen gestellt – auch, wenn ich nicht auf alles Bock hatte. Große TV-Sachen zum Beispiel. Gott, da sind so viele Leute, vor die man sich stellt – aber daran bin ich gewachsen, dass ich aus meiner Komfortzone raus bin. Oder Talkshows! O Gott. Ich konnte vier Tage vor „Markus Lanz“ nicht schlafen – aber weil ich es dann doch ordentlich gewuppt habe, hat mir das enorm Selbstbewusstsein gegeben. Und dann ging es aber auch bergab in meiner Karriere! Es gab Jahre, da wollte niemand meine Musik hören – und aus diesem Tal herauszukommen, das macht stärker. Ich habe bei Null angefangen, dann der Hype um „The Voice of Germany“, und danach wurde es wieder weniger. Dieses Auf und Ab macht etwas mit einem.

    Was machte das mit Ihnen?
    Ich habe mich selbst besser kennengelernt. Ich habe keine Ausbildung und kein Studium gemacht – dabei sagen viele, dass das in Deutschland einfach dazugehört. Sehe ich anders. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden, und es geht auch ohne Ausbildung oder Studium. Ich habe mir alles selbst beigebracht. Dieses Musikmachen und Auf-Tour-Gehen ist ein Lebensstudium für mich; viele Musiker haben so viel zu erzählen, das sind echte Persönlichkeiten. Und ich mag es sehr, Teil dieser Szene zu sein.
    Sie waren Straßenmusiker in Australien und Neuseeland. Was haben Sie dort gelernt?
    Vor einem kleinen Publikum zu bestehen, das einen überhaupt nicht kennt. Da stehe ich vor denen, sage: „Hi, I am Max“ und singe los! Und ich muss die Leute trotzdem berühren, mit meinem Ausdruck, mit meinen Ansagen. Und auf einmal standen da 60, 70 Leute, und ich habe mich heiser gesungen. Das hilft mir bis heute: Ich weiß, dass ich die Menschen mit meiner Stimme und meiner Gitarre begeistern kann.

    Heute bezahlen die Zuhörer vor dem Auftritt, und Sie müssen nicht mehr mit dem Hut rumgehen.
    (lacht) Das ist von Vorteil, ja. Ich habe dann schon auch gemerkt, dass ich das Ding mit dem Straßenmusiker nicht 20 Jahre lang machen kann. Das war als 20-Jähriger super, aber nicht auf Dauer. Obwohl ich das immer noch cool finde; ich habe mich vor einiger Zeit in Hamburg auf die Straße gestellt und gesungen – einfach, weil es mir Spaß gemacht hat.

    Sie haben ein Album per Crowdfunding finanziert, die Fans haben Ihnen quasi das Geld gegeben. Waren Sie so sicher, dass Sie so beliebt sind?
    O ja, das hätte tierisch in die Hose gehen können. Und ich war der größte Angsthase in meinem Umfeld, ich war mir gar nicht sicher. Es gibt diese Schwelle von 10 000 Euro: Wenn die durch die Spenden erreicht wird, dann wird das Geld an den Musiker ausgeschüttet, und er kann seinen Plan umsetzen. Und dann bekommen die Spender auch ihre Dankeschöns. Ich sagte damals, dass wir lieber auf 5000 Euro gehen sollten, ich fand 10 000 Euro sehr viel und wusste nicht, ob wir die erreichen würden. Und da meinte ein Kumpel von mir: „Du, wenn wir die 10 000 Euro nicht erreichen, dann brauchst du auch kein Album zu machen für die paar Leute.“ Und wir hatten das Geld schon nach einem Tag zusammen und bekamen insgesamt 23 000 Euro! Und ich spürte: Wahnsinn, meine Musik läuft nicht ins Leere. Das Geld reichte, um die Platte zu finanzieren. Ganz allein, ohne Plattenfirma. Da habe ich viel gelernt.

    Sie legen sehr viel Herzblut in Ihre Texte. Wenn Sie mit eigenen Songs auf der Bühne stehen, können Sie sich nicht verstecken und sagen: „Ja, das kam nicht an, aber der Song ist ja auch nicht von mir.“
    In der Anfangsphase war das auch sehr schwierig für mich. Da fand ich viele Songs noch nicht auf den Punkt, aber ich musste sie spielen, weil ich keine anderen Lieder hatte. Bei der ersten Platte waren schon auch ein paar gute Nummern dabei, die spiele ich auch noch gern. Aber bei der zweiten Platte hatte ich mich deutlich mehr gefunden und habe mich getraut, mit Melodie und deutscher Sprache zu spielen. (singt) „Mein Herz liegt auf Eis, du bist nicht mehr da, es schlägt mit der Zeit immer langsamaaa“.

    Sie reimen „langsamer“ auf „da“.
    Ja, das ist jetzt nicht Goethe, aber das sind schöne Spielereien, so wird die deutsche Sprache weicher. Und die zweite Platte beinhaltet nur persönliche Stücke.

    Wer ist die eine aus „80 Millionen“?
    (grinst) Aber die Dame aus „Wenn sie tanzt“ ist meine alleinerziehende Mutti, die gibt es tatsächlich. Das habe ich gesehen, wie das lief: arbeiten und nebenher die Kids versorgen. Als ich ihr das Lied gezeigt habe, hat sie gleich gecheckt, dass sie das ist. Ich habe diese Story lange mit mir herumgetragen und immer gedacht, dass ich da mal ein Lied drüber schreiben muss. Aber ich wusste nie, wie ich das angehen soll, es ist ja doch ein schwieriges Thema. Dass das Lied zum Hit geworden ist, das ist schon Wahnsinn.

    Haben Sie ein Hitgefühl beim Schreiben?
    Erst mal schreibe ich, was ich auf der Seele habe. Das habe ich von Anfang an so gemacht. Bei den letzten Songs dachte ich dann: „Schreib noch ein bisschen klarer.“ Vor allen Dingen auch, was die Melodie angeht. Man braucht auch komplizierte Songs, in die man sich verlieben kann, die man aber drei- oder viermal hören muss. Aber dann müssen es auch mal so richtig coole Pop-Bretter sein. Und das habe ich mir vorgenommen, und es hat perfekt geklappt. Auch vom Text her wollte ich klarer sein, klare Geschichten erzählen und weniger Metaphern verwenden. Gut, ich war eh meistens klar, ich hatte wenige Songs, die naidoomäßig waren. Aber so konnten sich jetzt viele Leute damit identifizieren.


    Sie treten demnächst beim LEA auf, also bei der Vergabe des Live Entertainment Awards. Live aufzutreten, ist Ihnen ja sehr wichtig – was wäre denn Ihr Traumort für ein Konzert?
    Das „Hurricane“ wäre der Kracher, aber da bin ich wahrscheinlich zu poppig unterwegs. Ich habe letztens aber in Karlsruhe bei einem großen Festival gespielt – wir waren am Nachmittag dran, aber da standen schon 40 000 Leute, die meine Lieder mitgesungen haben. Das war unglaublich. Ansonsten wäre ein Strandkonzert mal genial. Wasser ist immer gut! Wir sind schon einmal auf eine Hallig gefahren und haben dort ein Konzert gemacht. Und dieses Jahr erlebe ich was ganz anderes: Die „Aida“ hat mich für eine Kreuzfahrt als Künstler gebucht. Da fahren wir rauf nach Skandinavien, Glasperlenspiel und PUR sind auch dabei. Arenen törnen mich für Konzerte gar nicht an. Die Größe zwischen 1000 und 1600, die wir derzeit spielen, ist perfekt. So kann ich allen noch halbwegs ins Gesicht gucken. Diese unpersönlichen Riesenkonzerte mag ich nicht so sehr. Gut, ich habe die Erfahrung auch noch nicht so oft gemacht.

    Was Sie auch kritisiert haben, waren Castingshows ...
    Ja, ich habe aus meinem Auftritt bei „The Voice“ gelernt, dass das nichts für mich ist. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin nicht der Castingshow-Typ, ich habe mich da nicht wohl gefühlt. Gut, ich bin da sehr blauäugig reingegangen, ein paar wichtige Leute hatten mir sehr zugeredet. Da war ich 21, hatte noch keinen richtigen Plan und riesige Probleme, selbst Entscheidungen zu treffen. Was wäre ohne „The Voice“ gewesen? Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre der Erfolg nie gekommen. Aber man kommt auch nicht aus so einer Show raus und ist ein gemachter Star. Bei mir ist es jetzt vier Jahre her, und mir war wichtig: Ich muss etwas Größeres schaffen als damals. Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich mehr kann. Zum Glück hat das geklappt. Man kann auch was werden, obwohl man an einer Castingshow teilgenommen hat – schreibt einfach gute eigene Lieder, Leute. Aber verlasst euch nicht auf den Fame aus dieser Show. Der ist schnell vorbei.


    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Biografie: Max Giesinger wurde 1988 in Waldbronn im Schwarzwald geboren. Bald hatte er neben der Schule erste Auftritte und lud bei YouTube Lieder hoch. Nach dem Abitur reiste er nach Australien und Neuseeland, wo er Straßenmusiker war. 2011 nahm er bei „The Voice of Germany“ teil. Erfolgreich wurden seine Lieder „80 Millionen“ und „Wenn sie tanzt“. Infos: www.maxgiesinger.de
    Award Die Musik- und Live-Entertainment-Szene versammelt sich am 3. April in der Festhalle in Frankfurt zur zwölften Ausgabe des PRG Live Entertainment Awards. Mehr als 1200 Gäste werden zu der Gala erwartet, Max Giesinger ist einer der Künstler. In 15 Kategorien gehen die begehrten LEA-Trophäen für herausragende Leistungen an Veranstalter, Manager, Agenten und Spielstättenbetreiber.
    Live zu sehen ist Max Giesinger am 11. Juni in Mannheim, am 6. August in Wiesbaden oder am 13. August in Troisdorf. Tickets: www.rhein-zeitung.de/tickets

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