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    Manfred Lütz: Milliarden Wege zum Glück

    Er selbst stand schon mehrfach auf den Bestsellerlisten. Von der Flut an Glücksliteratur hält Manfred Lütz jedoch nichts. In seinem Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ rechnet der Psychiater und Psychotherapeut 
mit anderen Autoren ab.

    In seinem Beruf und während seines ehrenamtlichen Engagements wird Psychiater und Glücksexperte Manfred Lütz regelmäßig mit menschlichen Schicksalen konfrontiert. Sein Lachen hat er dennoch nicht verlernt.<br /><br />
    In seinem Beruf und während seines ehrenamtlichen Engagements wird Psychiater und Glücksexperte Manfred Lütz regelmäßig mit menschlichen Schicksalen konfrontiert. Sein Lachen hat er dennoch nicht verlernt.

    Foto: Amanda Berens
    Die Buchhandlungen sind gut gefüllt mit Glücksliteratur. Auch Sie haben ein Buch zum Thema veröffentlicht – noch dazu einen "Anti-Ratgeber". Wozu braucht es so etwas?

     

    Weil man dann sein Leben lang keine Ratgeber mehr kaufen muss. Das ist also sozusagen ein Glücksbuch für Schwaben: Sie sparen wahnsinnig viel Geld (lacht). Aber ernsthaft: Diese ganzen Ratgeber sind eine einzige Anleitung zum Unglücklichsein. Denn da beschreibt ein Autor, wie er persönlich glücklich wurde, und lässt den Leser traurig zurück, weil der Leser nun mal leider nicht der Autor ist, und dann kann der gleich das nächste Buch kaufen. Wenn Glücksbücher tatsächlich funktionieren würden, gäbe es ein einziges Glücksbuch, Ende!

    Also sind all diese Bücher völliger Quatsch?

    Aber aus psychologischer Sicht gefährlicher Quatsch. Wenn Autoren ihnen nämlich einreden, sie seien Experten für ihr Leben, dann kann das unsichere Leser so verunsichern, dass sie immer wieder meinen, für ihr höchstpersönliches Leben Experten zu brauchen. Dabei gibt es in Wirklichkeit für ihr Leben nur einen einzigen Experten, nämlich sie selbst. Man kann sich Anregungen von außen holen, aber man selbst muss entscheiden, ob die Anregungen auch passen.

    Woher kommt denn überhaupt diese große Nachfrage nach Ratgebern?

    Die Welt ist unübersichtlicher geworden. Deswegen haben die Leute den Eindruck, sie brauchten irgendwelche Experten, die angeblich kompetent sind. Aber gerade was das Glück betrifft, ist das natürlich völliger Blödsinn. Es gibt ungefähr sieben Milliarden unterschiedliche Wege zum Glück – nämlich so viele, wie es Menschen gibt.

    Wie kann denn jeder seinen eigenen Weg finden?

    Ich habe in meinem Buch erzählt, was die gescheitesten Menschen der Welt, also die Philosophen, zum Glück gesagt haben. Das sind sehr unterschiedliche Ideen, und der Leser kann dann selber aussuchen, was zu ihm passt. Auf diese Weise ist das Buch eine kleine Geschichte der Philosophie des Glücks. Damit das alles auch stimmt, habe ich es von einem der bekanntesten deutschen Philosophen lesen lassen. Und damit es allgemein verständlich ist, hat es mein Friseur kontrolliert. Denn ich bin davon überzeugt, dass man alles Wichtige auch in normalem Deutsch sagen kann. Friseure sind geerdete Leute, und was die nicht verstehen, ist auch nicht wirklich wichtig im Leben.

    Und was verstehen Sie persönlich unter Glück?

    Glücksdefinitionen machen unglücklich. Glücksbücher beginnen meist mit einer Definition. Aber wenn Sie ehrlich sind, lesen Sie mal eine Glücksdefinition, Sie sind anschließend ein bisschen unglücklicher. Denn Sie merken, dass es bei Ihnen eben nicht ganz so ist.

    Sondern? Was muss man denn stattdessen tun?

    Man sollte überlegen, wann man selbst zuletzt glücklich war. Wenn man sagt: "Ich bin glücklich", kann niemand genau verstehen, was man damit meint – noch nicht einmal Ehemann, Ehefrau, Kinder oder Freunde. Denn man verbindet dieses Wort mit bestimmten Gerüchen, Melodien, Menschen oder Situationen, die niemand anderes genau so erlebt hat. Am besten also jemand überlegt, wann er selbst schon mal glücklich war, und versucht, etwas Ähnliches zu machen.

    Und was verschafft Ihnen Glücksmomente?

    Ehrlich gesagt, denke ich selbst über diese Frage nicht viel nach, zumal so etwas ja unglücklich macht. Wenn ich etwas tue, was ich total sinnvoll finde, dann bin ich glücklich. Tatsächlich ist auch unser Dorf im Rheinland glücklicher, seit wir hier einige Flüchtlinge haben. Manch einer, der alleine seine Rente verzehrt hat, gibt jetzt Deutschkurse, begleitet Familien zum Arzt und zu den Behörden. Menschen in Not zu helfen, das ist in sich sinnvoll. Und etwas Sinnvolles zu tun, das macht glücklich. Glück ist kein Ego-Trip.

    In Ihrem Buch versprechen Sie, dass jeder unvermeidlich glücklich werden kann. Gilt das auch für die Flüchtlinge selbst, die viel Not und Leid erfahren mussten?

    Ja, der Buchtitel hat einen ganz ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, dass die Grenzsituationen menschlicher Existenz, also Leid, Schuld, Kampf und Tod, für jeden Menschen unvermeidlich sind. Wenn man also zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden. Kann man wirklich im Leiden glücklich sein? Als ich mich mit dieser Frage befasste, lernte ich zufällig den Auschwitz-Überlebenden Jehuda Bacon kennen.

    Sie haben mit dem israelischen Künstler gesprochen und dazu erst vor Kurzem das Buch "Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden" veröffentlicht.

    Jehuda Bacon ist der beeindruckendste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. Wir trafen ihn, als wir mit einer Jugendgruppe im vergangenen Jahr in Israel waren. Zwei Stunden hat er mit uns geredet, und die jungen Leute hatten Tränen in den Augen, denn da war nicht jemand, der, was man ja gut verstehen könnte, verbittert über dieses Grauen berichtete. Jehuda Bacon hat aus diesen entsetzlichen Erlebnissen zutiefst humane Konsequenzen gezogen. Man könne auch im Leiden Sinn erleben, sagte Jehuda Bacon, nämlich dann, wenn man so tief erschüttert sei, dass man erlebe, dass jeder Mensch jemand ist, wie man selbst, dass auch der Verbrecher eine Mutter hatte ... Sofort habe ich damals mit meinem Verleger telefoniert, und herausgekommen ist vielleicht das kostbarste Buch, das ich je herausgebracht habe, natürlich nicht wegen meiner Fragen, sondern wegen des Lebenszeugnisses eines weisen Menschen. Seit ich Jehuda Bacon begegnet bin, ist mein Leben heller geworden.

    Bei Ihrer Arbeit in der Klinik werden Sie sicher auch häufig mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um, damit Sie solche Dinge nicht allzu sehr mitnehmen?

    Die Psychiatrie ist die erfolgreichste medizinische Disziplin der vergangenen 50 Jahre. Es ist durchaus beglückend, wenn man Menschen aus tiefem psychischen Leid erfolgreich heraushelfen kann.

    Trifft das auch auf Ihr ehrenamtliches Engagement zu?

    Vor 35 Jahren habe ich in Bonn eine Gruppe von behinderten und nicht behinderten Jugendlichen gegründet, die es heute noch gibt, und da habe ich gelernt, dass Behinderung auch eine Fähigkeit sein kann. Wir haben da zum Beispiel Burkhard, der ist schwer geistig behindert, aber wenn Sie den in eine Gruppe von 20 depressiven Ostwestfalen setzen, hat der die in 20 Minuten in bester Stimmung.

    Neben der Medizin und Philosophie haben Sie auch Theologie studiert. Hilft Ihnen der Glaube dabei, Glück zu empfinden?

    Der Schriftsteller C. S. Lewis hat gesagt, er sei nicht Christ geworden, um glücklich zu sein, er habe immer schon gewusst, dass das ein Glas Portwein viel einfacher bewerkstelligen könne. Ich mache mir eigentlich über diese Frage keine Gedanken.

    Sie sind auch ein Kabarettist. Wie bedeutsam ist Humor, um glücklich zu sein?

    Es hat mich immer schon gereizt, ernsthafte Dinge unterhaltsam rüberzubringen. Deswegen trete ich auch ab und zu im Kabarett auf. Mein Freund Eckart von Hirschhausen hat mich dazu motiviert, denn auch er versucht ja, mit viel Humor wichtige Botschaften zu senden. Wer lacht, kann auch mal eine andere Perspektive einnehmen, und so kann Kabarett glücklich machen.

    Zur Person: Manfred Lütz, Arzt und Theologe

    Nicht nur als Mediziner ist Manfred Lütz tätig. Auch aals Vortragsredner und Kabarettist ist der 62-Jährige gefragt.
    Nicht nur als Mediziner ist Manfred Lütz tätig. Auch aals Vortragsredner und Kabarettist ist der 62-Jährige gefragt.
    Foto: dpa
    Biografie

    Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz, geboren 1954, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenarzt und Theologe. Er hat Humanmedizin, Philosophie und katholische Theologie in Bonn und Rom studiert. Seit 1997 ist er Chefarzt eines Fachkrankenhauses für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie in Köln. Der Autor verschiedener Bestseller ist inzwischen auch als Kabarettist und Vortragsredner gefragt. Darüber hinaus ist der Vater zweier Töchter als Kolumnist tätig. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Bonn.

    Live zu sehen Als Kabarettist und Autor ist Manfred Lütz am Freitag, 4. November, um 20 Uhr in Naunheim (Kreis Mayen-Koblenz) zu erleben. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.kulturverein-naunheim.de

     

     

     

     

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