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    Let's talk about Sex, Jürgen Becker

    Man kennt und liebt ihn als politischen Kabarettisten, der auch gern spitzzüngig mit der katholischen Kirche umgeht: Jürgen Becker. Nun ist der Kölner Humorist mit seinem neuen Programm unterwegs. Und jetzt redet er über die Triebe des Menschen. Das kann ja heiter werden.

    Seit Jahrzehnten ist Jürgen Becker eine feste Größe in der Kabarettszene. Der Kölner liebt es, spitzzüngig die Gesellschaft und die Kirche zu analysieren. Im Interview mit unserer Zeitung geht es diesmal ganz schön nah ran an die Gürtellinie ...
    Seit Jahrzehnten ist Jürgen Becker eine feste Größe in der Kabarettszene. Der Kölner liebt es, spitzzüngig die Gesellschaft und die Kirche zu analysieren. Im Interview mit unserer Zeitung geht es diesmal ganz schön nah ran an die Gürtellinie ...
    Foto: Simin Kianmehr

    Sie nennen Ihr neues Programm „Volksbegehren“ und meinen damit ein ganz besonderes Begehren ...

    Es geht um die Kulturgeschichte der Fortpflanzung und wie wirkmächtig unsere Triebe sind. Nehmen Sie nur die Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Da sind die Umfragewerte des SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig massiv abgesunken, nachdem er sich in der „Bunten“ mit seiner neuen Freundin ablichten ließ. Im Interview begründete er seine Trennung damit, „dass er mit seiner Frau nicht mehr auf Augenhöhe hätte sprechen können, wenn diese zu Hause durch Familie und Haushalt gefangen sei“. Das kostet natürlich unglaublich Stimmen, gerade bei den Frauen. Er hätte genauso gut sagen können: „Die Neue ist besser im Bett.“ Wie sehr Sex und Politik zusammenspielen, sehen wir auch an den Gesetzen. Bis Ende der 60er war Homosexualität strafbar, und es gab noch den sogenannten Kuppeleiparagrafen, da war es bei Strafe verboten, unverheirateten Paaren eine Wohnung zu vermieten. Da hätte Torsten Albig gar nicht bei seiner neuen Freundin einziehen dürfen.

    Wäre für seine Wahlergebnisse besser gewesen.

    Ja, die guten, alten 60er. Sex in der Öffentlichkeit ist übrigens heute noch strafbar. Probieren Sie das mal aus!

    Och.

    Es ist ja auch beruhigend, dass die CSU immer noch gegen die Gleichstellung der Homoehe ist, weil sie nur die „normale Familie“ unterstützen will. Für die CSU heißt „normale Familie“: ein Mann, eine Frau, zwei Kinder und eine nackte Sekretärin. Seehofer hat ein uneheliches Kind, Söder hat ein uneheliches Kind, Waigel ist geschieden, Generalsekretär Scheuer ist geschieden, und Strauß erwischte man permanent im Puff.

    Die Bayern und der Sex ... Haben die Kölner oder hat der Rheinländer an sich da einen entspannteren Zugang zum Thema?

    Das ist eine sehr gute Frage, die kann ich spontan gar nicht beantworten. Lassen Sie mich mal nachdenken. Ich glaube nicht, dass die Sexualität im Rheinland grundsätzlich eine andere ist als die in Bayern, Westfalen oder Sachsen. Aber die Frage lässt mich nicht los, ich werde das mal erforschen und dann ins Programm aufnehmen. (lacht meckernd) Hach, stopp, jetzt kommt mir ein Gedanke.

    Ein kluger Gedanke?

    Nicht direkt, aber ich habe mal einen Vortrag gehalten: „Die Bläck Fööss und der Sex“.

    Owei.

    Ja, passen S' op: Die haben das Thema Sexualität in vielen Liedern, „Rita Schnell“, „Wenn de Sonn schön schingk“ oder ganz zauberhaft in „Wenn et Leech usjing em Roxy“, eine Hommage an das erste Küssen und Knutschen im Kino. Ich darf zitieren: „Wenn et Leech usjing em Roxy, hatte mer schnell e Kääzje ston.“ Wenn das Licht im Roxy ausging, hatten wir schnell eine Kerze stehen, heißt das auf Deutsch – also eine sehr katholische Metapher für die magischen Kräfte, die bei den Jungen dann im Schritt walten. Und weiter: „All die Mädche un die Junge / soße, lore eng ömschlunge / hingen en d’r letzte Reih. / Un wenn dann jeder singem Mädche / unger et wieße Blüsje jing“ – die weiße Bluse, wieder eine Metapher für die Unschuld des Mädchens, wunderbar getextet! „Do hatte mir och schnell kapeet / öm wat et noch em Levve jeit / usser Fußball un Karl May / un Meßwing en d’r Sakristei.“ Das ist eine sehr katholische Variante, sich dem Thema zu nähern – wenn auch nur aus männlicher Sicht. Aber eines der schönsten kölschen Lieder über das Begehren.

    Heißt katholisch in dem Fall auch züchtig?

    Durchaus. Sex ist ja das Intimste und Heiligste, das man miteinander teilen kann – und da ist es normal, wenn man nicht so einfach darüber sprechen will. Und trotzdem wollen immer alle alles darüber wissen. Manchmal weiß man gar nicht, wo da die Grenze liegt, was noch richtig ist und was nicht – und für diese Grenze haben die Deutschen einen wunderbaren Begriff erfunden: die sogenannte Gürtellinie. Ich muss bei meinem Programm höllisch aufpassen, nicht unter diese Gürtellinie zu geraten, weil es dann abstoßend oder gar vulgär wird.

    Aber manche haben den Gürtel sehr hoch gezogen, und bei anderen hängt er eher kurz vor Kniekehle!

    Ja, ja, da sagense wat. Aber ich mach das immer so, dass es nicht peinlich ist. Die höchste Form der Kultur ist ja ohnehin, keinen Sex zu haben! Alle großen Werke, Bücher und Philosophien sind entstanden, weil die Menschen ihren Trieb abgeschaltet hatten und stattdessen ihren Geist zum Blitzen brachten. Sie haben einfach keine Zeit im Bett verplempert. Nehmen Sie mal Sokrates: Der hatte eine Frau namens Xantippe – dat ist Griechisch und heißt übersetzt: „Ich habe Kopfschmerzen.“ Die wollte sexuell nichts von ihm wissen, also hat er stattdessen nachgedacht und die ganze abendländische Philosophie begründet. Oder Pythagoras! Sein berühmter Satz lautet: „A-Quadrat plus B-Quadrat gleich C-Quadrat.“ Doch ein anderer Satz von ihm ist viel wichtiger: „Die Zeit der fleischlichen Beziehung ist der Winter.“ Das heißt: Frühling, Sommer und Herbst lief bei dem nix. Da er die Mathematik erfunden.

    Jetzt werden alle Schüler sauer auf die Frau von Pythagoras sein ...

    Ja, die sagen sich: Hätte er mal besser das ganze Jahr Freuden im Bett gehabt, dann müssten wir heute in der Schule keine Dreiecke berechnen. Kultur ist die Überwindung der Natur, und die größten Werke der Kultur entstehen, wenn der Mensch seinen Trieb abschaltet.

    Welchen Trieb müssen Sie abschalten, wenn Sie ein neues Meisterwerk für die Bühne texten?

    Sie wollen wissen, wie oft ich Sex habe?

    Meine Frage war indirekt-katholisch formuliert.

    Ich unterdrücke den Esstrieb. Wenn ich zu satt bin, bin ich träge. Ich stehe morgens auf, nix zum Frühstück, und dann lege ich sofort los, dann fallen mir die besten Sachen für meine Programme ein. Der Sexualtrieb – um auf Ihre eigentliche, versteckt formulierte Frage zurückzukommen – behindert mich eher weniger in meiner geistigen Produktivität. Es ist ja schon interessant, dass der Ernährungstrieb so alltäglich ist und man problemlos darüber redet, dass aber der Sexualtrieb immer geheimnisvoll, fast unseriös bleibt und immer mit einer Grenzüberschreitung stattfindet, weshalb der Liebesakt für uns nie so ganz alltäglich sein wird wie Essen und Trinken. Die größte Grenzüberschreitung aber ist und bleibt der Tod. Deswegen nennen die Franzosen den Orgasmus „la petite mort“, den kleinen Tod. Das tun sie, weil beim Orgasmus Teile des Gehirns ausgeschaltet werden, so wie beim Tod. Vor allen Dingen die Hirnregionen, die für die Selbstkontrolle zuständig sind. So entsteht ein wunderbarer Sinneszustand, in dem man keine Wünsche mehr hat. Dennoch tragen wir Menschen das Paarungsverhalten der Natur in uns.

    Der Mensch ist ein Tier.

    Da sagen Sie was. Und Politik und Religion versuchen, die Triebe zu begrenzen, und belohnen zum Beispiel die Treue.

    Aber geht das überhaupt?

    Das ist fraglich, denn in der Natur hängt der Fortpflanzungserfolg des Männchens davon ab, wie viele Weibchen es begatten kann. Die Strategie der Männchen ist immer: Sie wollen möglichst viele Weibchen und kämpfen darum. Man sieht es schon äußerlich: Ausladende Stoßzähne, Hauer oder Geweihe sind ja nicht für den Fressfeind gedacht, sondern einzig dafür da, den Sexualkonkurrenten um das Weibchen auszuschalten. Deshalb sind die Männchen meist größer als die Weibchen. Interessant ist dabei die Größe des Hodens.

    Herr Becker, bitte.

    Ja, ja, lassense mich dat noch sagen. In der Natur ist es ja üblich, dass paarungswillige Weibchen innerhalb kurzer Zeit Sex mit mehreren Männchen haben. Jetzt wissen die Männchen aber nicht, ob der Nachwuchs, der so entsteht, auch wirklich von ihnen ist! Die Chance des Männchens, dass eine seiner Samenzellen den Wettlauf zum Ei gewinnt, hängt von der Beweglichkeit und vor allem von der Menge der Spermien ab. Das ist wie bei einer Tombola! Je mehr Lose Sie in der Trommel haben, umso größer ist die Chance auf einen Treffer. Deshalb haben Arten mit hoher Promiskuität Männchen mit großen Hoden entwickelt. Bei Schimpansen sieht man das ganz deutlich, die haben einen stattlichen Hodensack und sind so für die Tombola gerüstet.

    Herr Becker, wirklich ...

    Der haremsbewachende Gorillamann, der immer kampfbereit aufpasst, dass kein anderer seine Weibchen begattet, hat trotz seiner schieren Größe einen winzig kleinen Hodensack. Der gewinnt die Tombola trotzdem, weil seine Weibchen treu sind und somit keine anderen Lose reinkommen. Jetzt ist interessant, dass bei uns Menschen die Männer einen recht stattlichen Hodensack haben, was man als prinzipielle Bereitschaft der Frauen zu einem Seitensprung deuten kann! Kann man! Zumindest aus Sicht der Männer.

    Na danke, jetzt fallen wieder alle Frauen über uns her.

    Genau. Wo Sie das gerade sagen: Wissen Sie, welche Männer Frauen attraktiv finden?

    Sie wissen es.

    Nach neuesten Forschungen macht es für Frauen einen Mann attraktiver, wenn dieser schon eine Partnerin hat. Das ist so, wie wenn man im Internet ein Hotel bucht, das schon positive Bewertungen hat. Da weiß sie: Frauen, die Peter gewählt haben, waren mit ihm zufrieden. Und nicht: Frauen, die Horst Seehofer gewählt haben, interessieren sich auch für Heißluftgebläse.

    Michael Defrancesco

    Zur Person

    Mit spitzer Zunge

    Biografie

    Jürgen Becker wurde 1959 in Köln geboren. 1983 gehörte er zu den Gründern der „Stunksitzung“, bundesweit bekannt wurde er mit der Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“, die der WDR produzierte.

    Live zu sehen ist Jürgen Becker mit dem Programmgramm „Volksbegehren“ am 23. Mai in Bad Kreuznach, am 9. Juni in Bad Ems, vom 12. bis 14. Juni in Köln und am 2. September in Cochem. Tickets gibt es im Internet unter hier.

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