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    Jasmin Tabatabai: Eine starke Frau

    Wir treffen Jasmin Tabatabai in Köln zum Interview. 
Bald zeigt sich: Sie spielt die taffe Frau nicht nur im Film. Nein, sie hat klare Meinungen, die sie auch gern äußert.

    In der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ gerät Jasmin Tabatabai (rechts) als Kommissarin Mina auch mal unvermittelt in eine Geiselnahme. Die Schauspielerin zeigt im Interview, dass sie ihren Beruf zwar liebt, aber auch die Probleme der Branche sieht. Auch über aktuelle gesellschaftliche Dinge kann man mit Jasmin Tabatabai sprechen.<br />Foto: ZDF
    In der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“ gerät Jasmin Tabatabai (rechts) als Kommissarin Mina auch mal unvermittelt in eine Geiselnahme. Die Schauspielerin zeigt im Interview, dass sie ihren Beruf zwar liebt, aber auch die Probleme der Branche sieht. Auch über aktuelle gesellschaftliche Dinge kann man mit Jasmin Tabatabai sprechen.

    Foto: ZDF

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

    Sie spielen nun in der fünften Staffel der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“.
    Ja, und es gefällt mir praktisch von Staffel zu Staffel besser. (schmunzelt) Ich finde, dass wir großartige Bücher haben, die nicht nur einfach einen Fall von Vermisstensuche erzählen, sondern die das Augenmerk sehr auf die einzelnen Personen richten.


    Manchmal muss sogar das reale Leben eingebunden werden, so wie Ihre Schwangerschaft.
    Ja, als ich zum dritten Mal schwanger wurde, habe ich meine Produzentin angerufen, bevor es die Presse erfahren konnte. „Du, Geraldine, Andi und ich kriegen noch ein Kind!“ Und sie: „Oh! Herzlichen Glückwunsch!“ Und ich: „Aber mach dir keine Sorgen, ich will in der Serie dabei bleiben. Wir müssen es nur irgendwie einbauen.“ Also wurde meine Rolle, Kommissarin Mina, völlig überraschend mit 45 schwanger. Das war aber gar kein Drama. Jede Frau steht ja irgendwie mitten im Leben, wenn sie ein Kind bekommt – und so war das bei Mina und mir auch.


    Sie haben mit großartigen Filmregisseuren wie Oskar Roehler und Helmut Dietl zusammengearbeitet. Was ist beim Fernsehen anders?
    Der Zeitdruck ist größer. Fernsehen ist Rock'n'Roll, da hat man keine Zeit, um sich groß vor der Kamera auszuprobieren. Man muss seine Sinne beisammen haben, sehr diszipliniert sein, top vorbereitet sein. Man hat schlicht sehr wenig Zeit für den Dreh. Selbst die Amerikaner drehen nur noch acht Tage für 45 Minuten, so ähnlich hart arbeiten wir auch. Drehtage dauern meistens länger als zehn Stunden, oft drehen wir bis zu 15 Stunden am Tag. Da ist nichts mit Party am Abend oder „Ich suche noch meine Rolle“ – gar nicht.


    Sind das die Auswirkungen das Sparzwangs?
    Ja. Seit gut 15 Jahren verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen der Schauspieler ständig. Gut, jetzt merkt man, dass ich Gewerkschafterin bin, nicht? Aber Sie haben gefragt! (lächelt) Es heißt immer: „Wir haben kein Geld“ – das hören alle in der Branche. Aber irgendwann kannst du nicht mehr sparen, dann geht es auf Kosten der Qualität. Heute drehen wir wie gesagt 45 Minuten in acht Tagen. Früher haben wir dafür zwölf Tage gehabt, und das ist ein Riesenunterschied. Alle müssen härter arbeiten, jede einzelne Abteilung. „Wir müssen sparen“ – warum wir sparen müssen, hat man aber nicht so richtig verstanden. Das scheint einfach ein Ding dieser Zeit zu sein. In allen Branchen wird gespart. Ist so. Da vermisse ich ehrlich gesagt den Mut der Entscheidungsträger, da auch mal Nein zu sagen und sich für Qualität stark zu machen. Man kann nicht die Arbeitsbedingungen ständig verschlechtern, damit irgendwelche Zahlen besser aussehen. Auch das Thema Autor: Man könnte sich die Skandinavier oder Amerikaner zum Vorbild nehmen, denn die lassen einen Autoren erst einmal eine komplette Serie entwerfen, und dann folgt man auch dieser Vision des Autoren. Bei uns reden an die 50 Leute in ein Drehbuch hinein, da bleibt dann nicht mehr viel von der Ursprungsidee des Autoren übrig. Aber das geht jetzt wahrscheinlich zu sehr ins Detail. Wie auch immer, als Schauspielerin muss ich stets versuchen, mein Bestes zu geben. Egal, ob Fernsehen oder Kino.


    Und Party gibt es dann bei Filmfestivals. Zur Berlinale zum Beispiel.
    (lacht) Ach ja, die Partys und der rote Teppich. Wissen Sie, es gibt Schlimmeres als den roten Teppich, er gehört dazu. Aber das ist nicht mein Beruf. Roter Teppich ist Stress. Die Fotografen rufen und schreien, dass man in ihre Linse schauen soll – und ich weiß ja auch, dass sie teils fünf Stunden in der Kälte stehen. Für die paar Euro, die sie pro Bild bekommen. Also versuche ich, in so viele Kameras wie nur möglich zu schauen. Und dann geht es weiter zu den Fernsehreportern – und die sind auf der Jagd nach einem knackigen, kurzen O-Ton. Da bekommst du in der Regel keine intelligenten Fragen gestellt. „Was hast du heute an, Jasmin?“ – Äh, ein Kleid. Ich antworte dann ganz höflich, dieses Spiel gehört dazu. Aber das ist nicht meine Lieblingsdisziplin.


    Ist es heute noch der Traumberuf, Schauspieler zu sein? Wie ist Ihr Ansehen in der Öffentlichkeit?
    Das ist ein ganz interessanter Punkt. Unabhängig davon, dass einige bekannte Schauspieler Fans haben, hat der Beruf des Schauspielers keinen so guten Ruf in Deutschland, würde ich sagen. Wenn im Fußball jemand ein Foul vortäuscht, dann sagt man, dass er geschauspielert hat!


    Ist das so?
    Ich denke schon. Schauen Sie mal nach Frankreich, da erfahren Schauspieler eine wirklich große Verehrung. Bei uns ist man eher der Gaukler, man erntet als Schauspieler nicht so großen Respekt.


    Das vereint Schauspieler mit Journalisten, die man „Lügenpresse“ schimpft heutzutage.
    Ach, das würde ich mir nicht zu Herzen nehmen. Was aber schlimmer ist, das ist dieser Mob, der sich heutzutage im Internet so rasend schnell bildet. Es wird heute alles in einem so schnellen Tempo bewertet! Ursprünglich war der Beruf des Journalisten ja einmal der des Reflektierenden, der das Zeitgeschehen mit Abstand betrachtet und intelligent einordnet. Wie soll das heutzutage gehen, wenn die Nachrichten nach drei Stunden schon nicht mehr bei Twitter trenden und damit nicht mehr interessant sind? Das Tempo, in das wir uns alle hineinmanövriert haben, ist ein großes Problem.


    Können Sie sich heraushalten?
    Ich versuche es! Ich bin jedes Mal froh, wenn ich mich nicht an einem Trend beteilige oder mich sofort über etwas empöre. Die Reflexion vermisse ich sehr. Man bekommt keine Zeit zum Nachdenken mehr eingeräumt. Und man liest auch nicht mehr in Ruhe kluge Dinge. Ich habe kürzlich einen Artikel aus der „Neuen Zürcher Zeitung“ gepostet auf Facebook, einen klugen, reflektierenden Artikel einer Frauenrechtlerin über das Frauenbild im Islam. An den Kommentaren habe ich gemerkt, dass kaum jemand den Artikel wirklich mit Muße und Geist gelesen hatte.


    Sie sind mit zwölf Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Sie konnten Deutsch, Sie waren kein Flüchtling. Aber dennoch: Was hat Ihnen damals geholfen?
    Ich weiß, was es heißt, mitten im Schuljahr das Heimatland zu verlassen und nur einen Koffer dabei zu haben. Obwohl ich die Sprache sprach und auch den Pass hatte, weiß ich, dass Integration ein langfristiges und schweres Unterfangen ist. Und dazu gehören zwei Teile: Es muss vonseiten der Ankommenden eine Bereitschaft vorliegen, sich zu integrieren. Und die Einheimischen müssen die Bereitschaft haben, Fremdes zuzulassen. Wir brauchen nicht nur eine Willkommenskultur, sondern eine Integrationskultur. Aber das braucht wie gesagt beide Beteiligten! Ich kann auch nicht in ein fremdes Land gehen und sagen: „Ich bin aber mein Frauenbild gewohnt, und das soll jetzt bitteschön hier weitergelten.“ Da sind beide Seiten gefordert. Es gibt in diesen Fragen keine einfachen Wahrheiten oder schnelle Lösungen. Integration ist eine große Aufgabe unserer Zeit, und da werden wir alle noch sehr lange dran zu knapsen haben.


    „Wir schaffen das“ ist Ihnen zu einfach?
    Ja. Ich persönlich denke, dass die Bundeskanzlerin damals gar keine andere Wahl hatte, als die Flüchtlinge einzulassen – menschlich war es das Richtige, das zu tun. Das heißt aber nicht, dass jetzt alles so einfach ist! Und dass man Dinge, die schieflaufen, totschweigen darf. Es müssen alle Dinge auf den Tisch gelegt werden dürfen, die die Menschen beschäftigen. Tabus sind da nicht gut. Natürlich darf auch die Frage diskutiert werden, inwieweit Dinge und Einstellungen mit dem Islam zu tun haben oder nicht. Man muss über das Frauenbild in muslimischen Ländern sprechen dürfen! Was nicht heißt, dass bei uns in Deutschland alles dufte ist, auch bei uns war bis in die 80er-Jahre Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar.


    Da Sie im Iran aufgewachsen sind, kennen Sie beide Seiten.
    Oh ja. Und ich darf sagen, dass meine Familie nicht zuletzt auch vor dem muslimischen Frauenbild ausgewandert ist. Ich bin gewiss nicht vor gut 30 Jahren nach Deutschland gekommen, um mich dann hier irgendwann mal dem Frauenbild, vor dem ich damals weggegangen bin, fügen zu müssen, weil es heißt, dass wir Frauen selbst an allem schuld sind, wenn wir abends ausgehen wollen.


    Wird es irgendwann zu einem Konsens in einer arg zerstrittenen Gesellschaft kommen?
    Es macht mir große Sorgen, dass sich viele nur noch gegenseitig beschimpfen. Diese Radikalisierung missfällt mir sehr. Wie wäre es, kein Öl mehr ins Feuer zu gießen, das gegenseitige Beschimpfen sein zu lassen und zu versuchen, den anderen zu verstehen? Man könnte dann sogar versuchen zu akzeptieren, dass sich die Probleme unserer Zeit nicht mit Schlagwörtern lösen lassen. Zunächst könnten wir das Gemeinsame suchen und finden und behutsamer miteinander umgehen. Das wäre doch ein guter Ansatz.

     

    Weitere Infos:

    Jasmin Tabatabai wurde 1967 in Teheran im Iran geboren, ihr Vater ist Iraner, ihre Mutter ist Deutsche. Sie besuchte die Deutsche Schule in Teheran. Während der Islamischen Revolution verließ die Familie das Land. Tabatabai studierte an der Hochschule für Musik und Kunst in Stuttgart Musik und Schauspiel, bekannt wurde sie 1997 mit dem Film „Bandits“. Seither war sie in unzähligen Kino- und Fernsehfilmen zu sehen und steht auch regelmäßig als Musikerin auf der Bühne.
    „Letzte Spur Berlin“ erzählt von den Fällen der Vermisstenstelle des Berliner LKA. Im Zentrum der Ermittlungen stehen Kriminalhauptkommissar Oliver Radek und seine Kollegen Mina Amiri (Jasmin Tabatabai), Mark Lohmann und Lucy Elbe. Die fünfte Staffel beginnt mit einem Knall: Mina Amiri wird in eine Geiselnahme verwickelt, und das Team der Vermisstenstelle kann nur in letzter Sekunde eine Katastrophe verhindern. Zu sehen sind die neuen Folgen ab 26. Februar freitags um 21.15 Uhr im ZDF.

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