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    @herzloewin: Mein virtuelles Leben

    Mehr als 12 000 Menschen interessieren sich dafür, was sie twittert: Henriette Scheibner ist als „@herzloewin“ in der Szene zu Berühmtheit gekommen. Wir treffen die 
27-Jährige in ihrer Lieblingsstadt Boppard zum Interview.

    Ein Selfie muss sein: die @herzloewin in Boppard.
    Ein Selfie muss sein: die @herzloewin in Boppard.
    Foto: Michael Defrancesco

    Das Internet hat sich sehr gewandelt. Anfangs herrschte Goldgräberstimmung, Euphorie. Inzwischen ist es ein Ort, an dem man sich nicht mehr so gern aufhält – Hasskommentare und „Fake News“ haben eher die Bronx aus dem Internet gemacht. Fühlen Sie sich noch wohl dort?

    (schmunzelt) Ja, die Stimmung im Internet hat sich wirklich sehr geändert, aber ich verbringe immer noch gern viel Zeit dort. Ich lebe nicht im Internet, aber ich informiere mich dort, ich bekomme neue Eindrücke, ich unterhalte mich mit Menschen.

    Warum sind Sie Twitterin geworden?

    Ich habe eigentlich nur nach schnelleren Informationen gesucht anfangs, darum habe ich mich bei Twitter angemeldet. Das hat sich inzwischen ganz schön geändert. (lacht) Jetzt habe ich kaum noch Zeit, die Nachrichtenportale zu lesen, weil ich so viel selbst schreibe. Das ist schon verrückt: Ich habe einfach Gedanken, die mir gekommen sind, oder Dinge, die mir passiert sind, aufgeschrieben. Und immer mehr Menschen fanden das offenbar interessant, haben Sterne und Herzchen verteilt und sind mir treu geblieben.

    Überlegen Sie, was sie twittern?

    Ja. Anfangs, als ich noch wenig Follower hatte, da war ich sehr spontan, und es war mir egal, was ich geschrieben habe. Heute wäge ich jeden Tweet ab und überlege schon, was ich schreibe und was nicht. Kann es falsch verstanden werden? Manchmal passieren mir auch sprachliche Fehler – ich habe meine ganze Kindheit in Irland verbracht und fühle mich heute noch im Englischen sicherer als im Deutschen. Manchmal sorge ich für Irritationen, was ich gar nicht beabsichtigt habe. Und einen Shitstorm – also dass alle im Internet über mich herfallen – muss ich jetzt auch nicht unbedingt haben.

    Aktuelles Beispiel: Bibi, eine junge Kölnerin, die sehr erfolgreich auf YouTube ist, hat ein eigenes Lied ins Internet gestellt. Und Hunderttausende sind wie ein Hagelsturm über sie hergefallen.

    Ja, das ist die hässliche Seite des Internets. Natürlich muss man den Song nicht gut finden, aber man wird ja regelrecht an einen Pranger im Internet gestellt und mit Dreck beworfen. Es ist schade, dass man nicht einfach etwas ausprobieren darf, wenn man Lust auf etwas Neues hat – sondern man muss immer Angst haben, von allen zerrupft zu werden. Wenn ich etwas nicht mag, dann schaue ich es einfach nicht an – fertig.

    Manche haben auf Twitter 100 oder 1000 Follower: Wie haben Sie es geschafft, dass mehr als 11.000 Menschen Sie lesen möchten?

    Ich kann mir das überhaupt nicht erklären, ich finde mich selbst gar nicht so interessant. Es ist aber ein wirklich schönes Gefühl, das muss ich schon sagen.

    Als ich bei Twitter angefangen habe, habe ich mir die ersten Tweets genau überlegt und aufgeschrieben.

    (lacht) Ich hatte auch anfangs ein Büchlein dabei, in das ich mir meine Tweets notiert habe.

    Wie wichtig sind Herzen, also das Belohnen, für Sie?

    Nicht wichtig. Es sind einfach meine Gedanken. Wenn der Tweet ankommt, ist es schön, aber wenn er nicht ankommt, ist das für mich auch nicht tragisch. Ich möchte nicht das schreiben, was eine größtmögliche Resonanz erzeugt – einfach nur deshalb, weil ich hoffe, dass ich dann viele Herzchen bekomme. Was ich sehr interessant finde: Twitter ist wirklich eine Community geworden, also eine Gemeinschaft. Wenn jemand Hilfe braucht, dann hilft man sich untereinander.

    Wirklich?

    Ich habe Fälle konkreter Hilfe erlebt, ja. Als meine Mutter gestorben ist, habe ich unglaublich viel Unterstützung und Zuspruch bekommen.

    So privat haben Sie getwittert?

    Ich habe damals überlegt, ob ich das erzählen soll. Aber ich habe mich ja durch den Tod meiner Mutter verändert. Und wenn ich mich weiter in dem Medium Twitter bewegen will – was ich ja will –, dann muss ich meinen Followern auch erklären, warum ich derzeit anders schreibe als normalerweise. Warum ich ruhiger bin, trauriger bin, keine lustigen Tweets schreibe. Und es war so schön, dass die Community daran Anteil genommen hat.

    Wie haben Sie diesen Tweet über den Tod Ihrer Mutter formuliert?

    Ich habe an meine Mutter geschrieben und einen irischen Segenswunsch verwendet.

    Viele werfen Twitter vor, banal zu sein.

    Ich schreibe alles, was mich beschäftigt. Auch, dass ich gerade Kopfschmerzen habe oder schlecht geschlafen habe heute Nacht. Das gehört für mich genauso dazu wie eine pointierte Analyse oder dass ich auf einen Missstand aufmerksam mache, der mich aufregt. Ich denke nicht, dass das banal ist, sondern man steckt mit seiner ganzen Persönlichkeit in seinem Account. Es gibt natürlich auch großartige Accounts, die dieses private Element komplett weglassen und nur Satire, Politik oder gesellschaftliche Analysen schreiben.

    Gerade gab es in Berlin wieder ein großes Treffen von Bloggern und Twitterern. Dort gab man sich das Motto: „Love out loud“ – braucht das Internet mehr Liebe?

    Ja. Es ist so wichtig, dass die Umgangsformen im Internet wieder zurück zur Normalität gelangen. Und es ist wichtig, dass wir Internetnutzer uns zusammenschließen und den Hasserfüllten sagen, dass wir sie nicht haben wollen. Viele Hasskommentare oder viel Kritik würden wir dem anderen nicht sagen, wenn wir beim Kaffee zusammensitzen würden. Durch das Internet werden viele mutig, „du kannst mir ja nichts tun, es folgt keine Maßregelung“.

    „Ihr seid nicht das Volk, und ihr seid nicht das Internet.“

    Ganz genau. Natürlich weiß ich auch, dass das bei den Trollen nichts bringt. Das sind wohl nur Einzelfälle, die man noch umstimmen könnte. Aber es ist wichtig, dass wir ein Gegenbeispiel dafür geben, wie man im Internet respektvoll und nett miteinander umgehen kann. Man muss nicht seinen Hass auskippen, man muss nicht alles und jeden kritisieren. Man kann auch fair sein, sich für ein Miteinander einsetzen. Ich muss dem anderen auch seine Art und seine Gedanken lassen – solange diese Gedanken nicht wiederum andere verletzen und beleidigen. Mein persönliches Empfinden ist es tatsächlich, dass die Trolle schon nachlassen. Sie merken, dass sie nicht weiterkommen mit ihrem Hass und dass es nicht gern gesehen wird, was sie schreiben.

    Ihr Rezept gegen einen Shitstorm?

    Es reicht schon, wenn nicht jeder auf diesen Zug aufspringt und mitlästert. Wer mutig ist, der kann auch eine Gegenstimme erheben und kann den Angegriffenen im Internet verteidigen. Aber wer sich das nicht traut, kann auch etwas tun, indem er einfach nicht auf den Zug mit aufspringt.

    Eigentlich ist der Twitterer an sich ja ein ganz umgänglicher Typ.

    (lacht) Danke! Wer sich auf Twitter tummelt, muss wissen: Twitterer lieben Nutella und ihre Couch, sie glauben an Einhörner, und sie hassen den Montag. Ich esse leider gar kein Nutella, das darf ich hier gestehen.

    Oha, das wird die Zahl Ihrer Follower rapide senken.

    Die werden mich verstoßen, ja. (lacht)

    Was essen Sie stattdessen?

    Erdbeermarmelade.

    Dann müssen Sie einen neuen Trend begründen!

    Yes, wir starten den Hashtag #erdbeermarmelade! Das wird ein neuer Hit auf Twitter.

    Aber den Montag hassen Sie schon?

    (lacht) Och, ich habe gute und schlechte Montage ... Ich merke gerade, dass ich so gar nicht dem Klischee entspreche. Hilfe. Aber ich liebe Twitter wirklich. Man hat nur 140 Zeichen, um Dinge auf den Punkt zu bringen. Das ist großartig. Ich liebe die Wortspiele, die pointierten Gedanken – das ist genau meins.

    Das Gespräch führte unser Journalchef Michael Defrancesco

     

    Biografie:

    Henriette Scheibner wurde 1989 in Gießen geboren und wuchs in Irland auf, weil die Familie beruflich auswandern musste – „mitten in der Natur, mit einer Schaffarm neben uns“. Als Henriette im Gymnasiumsalter war, zog die Familie zurück nach Deutschland. Heute studiert sie an der Universität Koblenz-Landau und macht ihren Master in Umweltwissenschaften. Freiberuflich arbeitet sie als Fotografin.
    Im Internet ist Henriette Scheibner auf Twitter unterwegs (www.
twitter.com/herzloewin), dort hat sie derzeit rund 12 000 Follower. Auf Instagram ist sie zu finden unter www.
instagram.com/henslens – rund 3300 Menschen haben sie dort abonniert.

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