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    Glashaus: Es ist richtig, wenn es schmerzt

    Die Band Glashaus prägt seit 20 Jahren die deutsche Musiklandschaft. Wir sprachen mit Moses Pelham und Cassandra Steen darüber, warum deutsche Texte so berühren.

    Mit Hits wie „Wenn das Liebe ist“ ist die Band Glashaus seit Jahrzehnten immer wieder in den Charts. Dabei geht es im Grunde stets um ein Thema: die Liebe in all ihren Facetten. Hinter der Band Glashaus stehen Sängerin Cassandra Steen (vorn) und Produzent und Rapper Moses Pelham (Mitte) sowie Peppa Singt und Martin Haas.
    Mit Hits wie „Wenn das Liebe ist“ ist die Band Glashaus seit Jahrzehnten immer wieder in den Charts. Dabei geht es im Grunde stets um ein Thema: die Liebe in all ihren Facetten. Hinter der Band Glashaus stehen Sängerin Cassandra Steen (vorn) und Produzent und Rapper Moses Pelham (Mitte) sowie Peppa Singt und Martin Haas.
    Foto: Katja Kuhl

    Moses und Cassandra, Sie sind jetzt schon seit mehr als 20 Jahren in der Soul- und Hip-Hop-Szene dabei. Hat sich die Musikszene verändert?

    Cassandra: Die Musik an sich ist deutscher geworden. Man darf deutsche Musik machen, ohne gleich verpönt zu werden. Vor allem im Pop ist es entspannter geworden.

    Wurdet ihr komisch angeschaut, dass ihr damals mit deutschen Texten kamt?

    Cassandra: Wir wurden eigentlich mehr gefeiert, dass wir das so gut hinbekommen haben. Ich denke, dass es auch einigen die Türen geöffnet hat. Ich behaupte jetzt mal, dass es immer noch sehr wenig gehört wird, da scheinen wir die Vorreiter zu sein.

    Moses: Ich denke, dass es heute eine höhere Selbstverständlichkeit gibt, in seiner eigenen Sprache zu musizieren.

    Es fällt auf, dass in der Sendung „Sing meinen Song“ viele gesagt bekommen, die sonst auf Englisch singen: Du klingst deutsch viel echter.

    Moses: Ich finde das auch krass, dass man das 2017 noch so erlebt.

    Woher kommt diese Lust am Deutschen?

    Moses: Ich habe zwei englischsprachige Platten gemacht und war sehr enttäuscht, dass meine Texte für viele eher ein weiteres perkussives Element waren als ernsthafte Kommunikation. Spätestens da war mir klar, dass es zwei Möglichkeiten gibt: entweder Musik in Amerika zu machen für Leute, die Englisch sprechen, oder es auf Deutsch zu machen. Wir reden jetzt von 1992. Und ich dachte damals, alles, was ich auf Deutsch kenne, ist Schlager oder witzig oder ironisch. So nach dem Motto: Ich bin zu cool, um echtes Gefühl zu äußern. Deshalb war ich nicht sicher, ob das überhaupt geht. Dass das 25 Jahre später eine Normalität hat, finde ich super, naheliegend und richtig und auch nachvollziehbar, dass Leute in ihrem eigenen Land Musik in ihrer eigenen Sprache hören wollen und nicht immer diesen Umweg gehen, dass jemand, dessen Muttersprache Deutsch ist, es in eine andere Sprache übersetzt und der Rezipient das nimmt und auch wieder übersetzt. Ist doch klar, dass dort auf dem Weg irrsinnig viel verloren geht.

    Cassandra, Sie sind Amerikanerin. Kam es für Sie nie infrage, englische Musik zu machen?

    Cassandra: Immer, heute auch noch. Für mich ist das meine Muttersprache. Ich genieße beide Sprachen, aber für mich gilt fürs Englische das, was Moses gerade für die deutsche Sprache gesagt hat. Im Englischen gibt es für mich noch andere Emotionen.

    Welche Rolle spielen Sie bei der Entstehung der Glashaus-Songs? Lässt Sie Moses mitmengen?

    Cassandra: Er hat das meiste bereits geschrieben, wenn wir anfangen. Ich kann dann mitmischen, dass ich sage: „Das mach ich“ und „Nö, das mach ich nicht.“

    Also gibt es ein Vetorecht?

    Cassandra: (lacht) Ja, gibt es. Es wird auch manchmal über einzelne Worte gesprochen, aber an seinen Texten ist selten etwas zu bemängeln.

    Gab es mal die Idee, die Rollen zu tauschen?

    Moses: Wir haben viel darüber nachgedacht, dass Cassandra schreibt und ich singe. (Cassandra lacht laut) So haben wir eigentlich auch angefangen.

    Cassandra: Ich glaube nicht, dass ich so schlecht texte. Ich kann ja mal für Moses ’nen Rap machen. Er muss dann rappen, das Singen lassen wir mal lieber.

    Moses, Sie wollten nie singen?

    Moses: Ich hab als Kind ein bisschen gesungen, irgendwann war ich dann zu cool dafür. Und irgendwann war es dann zu spät und ich zu schlecht. Aber Cassandra singe ich schon vor. Es gibt drei, vier Leute, zu denen ich Vertrauen gefasst habe, denen singe ich auch was vor. Ich habe natürlich ’ne Vorstellung davon, wie etwas klingen muss. Ich kann es nur nicht so gut wie Cassandra.

    Ist es heute noch möglich, etwas ganz Neues zu schreiben?

    Cassandra: Was Texte angeht, ja. Was das Instrumentale angeht, da wird es schwieriger, dass man was findet, das die Worte so unterstreicht, wie man es fühlt und wie man es rüberbringen möchte. Das Rad neu zu erfinden, glaube ich nicht, dass das geht. Auch wenn man meint, man hat etwas ganz Neues, hat es das sicher schon irgendwann gegeben. Aber beim Schreiben kann man sich immer wieder neu erfinden. Man kann endlos über Liebe reden. Allein die Wahrnehmung, was Liebe tatsächlich ist und was wir meinen, das sie ist, das ist immer anders.

    Gibt es Texte, bei denen Sie denken, nee, schon mal gehabt, weg damit?

    Cassandra: Ich glaube, man kann gewisse Themen, die in die Tiefe gehen, nie genug aussprechen.

     

    Cassandra, Ihnen fällt es aber in beiden Sprachen leicht, das zu formulieren?

    Cassandra: Das Formulieren ja. Schwierig ist immer das Drumherum, die Instrumente. Weil immer jemand sagt, das klingt nach dem oder jenem. Ich bin auch immer wirklich die Erste, die so was sofort raushört. Es gibt schon einen Unterschied zwischen dreistem Kopieren, weil es ein Hit war, oder etwas zu nehmen, weil man sagt, das liebe ich, das hat mich sehr berührt. Deswegen möchte ich das mit einbringen. Und diesen Unterschied meine ich zumindest schon zu hören.

    Moses, wie kommen Sie überhaupt auf Ihre Texte?

    Moses: Ich habe erst ein rudimentäres Playback, das können vier Takte sein, die sich immer wieder wiederholen. Aber ohne Musik fange ich nicht an zu schreiben. Eine Chordfolge in einem bestimmten Sound triggert etwas in einem, erinnert einen an Dinge, die man längst vergessen hat. Das ist eine schöne Tätigkeit. Echt.

    Verlieren Sie sich auch manchmal in dieser Tätigkeit, vergessen die Zeit?

    Moses: Total. Ich bin da so reingerutscht über die Jahre, es fing mit zwölf als ein ganz kindliches Ding an, sehr spielerisch. Und ich habe mir damit schon etwas sehr Kindliches bewahrt. Es gibt mir die Gelegenheit, über mich und meine Situation nachzudenken, es beeinflusst damit, dass es ausgesprochen wird, wieder Weiteres. Ich erkenne mich selbst und verändere mich. Das ist schon verrückt.

    Cassandra, erleben Sie das auch so, wenn Sie Moses' Songs umsetzen?

    Cassandra: Manchmal. Es sind schon Moses' Ideen und Moses' Welt. Meist kann ich mich schon selbst wiederfinden, ich erlebe auch so etwas wie einen Wachstumsschub. Auf jeden Fall ein schöner Prozess.

    Kommt man dabei auch an persönliche Grenzen? Rührt an Stellen, die man gar nicht rühren wollte?

    Moses: Das passiert ganz oft. Aber ey, wenn es nicht an diese Dinge gehen soll, dann sind wir hier falsch. Jedes Mal, wenn Cassandra „Gebt mir mein Leben zurück“ singt, hab ich einen Kloß im Hals. Es gab mal eine Probe, da habe ich mich wirklich so zusammenreißen müssen, dass ich nicht anfange zu flennen. Aber das ist geil. Dafür ist das gemacht. Das ist das Material, aus dem das Zeug ist. Das geht manchmal über eine Grenze hinaus, aber das ist gut.

    Cassandra: Das soll ja Gefühle befreien. Mir geht es jedes Mal so, wenn ich eines der Lieder von unserem Album „Kraft“ höre. Ich spüre ein Gefühl, wofür ich vorher keine Worte hatte und keinerlei Idee.

    Moses: Richtig gut, wenn es dann festgehalten ist.

    Cassandra: Ja, aber es fühlt sich nicht mal mehr nach Festhalten an, sondern nach absoluter Befreiung.

    Auf Tour müssen Sie die Songs haufenweise wiederholen. Lässt sich dieses Gefühl auch wiederholen?

    Moses: Manchmal mehr, manchmal weniger. Das ist der Flash am Spielen vor Leuten, dass man eben dieses Gefühl gemeinsam – die Menschen auf und vor der Bühne – rekonstruiert. Das ist jedes Mal neu, niemals das eine Mal wie das andere. Du bist in dem Moment auch ein anderer.

    Keine Angst, dass sich die Titel abgreifen mit der Zeit?

    Moses: Darf ich mal ganz ehrlich sein?

    Klar.

    Moses: Ich kann „Wenn das Liebe ist“ nicht mehr hören.

    Cassandra: (lacht) Ich weiß nicht, wie oft du das schon gehört hast. Ich habe das gar nicht mal so oft gehört. Auch wenn der erste Gedanke ist, dass es keine Dienstleistung ist, was wir da tun. Aber wenn ich es performe und es Menschen berührt, dann sehe ich es spätestens da als Dienstleistung, den Leuten zu geben, was sie so berührt. Mit dem Song haben wir das geschafft, was wir wollten.

    Moses: Ich wollte auch nicht vorschlagen, es auf der Tour nicht zu spielen. Aber ich brauch's nicht.

    Cassandra: Ich weiß. Ich kann auch gut ohne.

    Aber die Fans warten ja schon dadrauf, oder?

    Moses: Wenn einer auf ein Konzert gekommen ist und das auch haben will, na klar. Wenn er nur deswegen kommt, ist es irgendwie komisch. Aber ich kann auch nicht jemanden aus der Halle gehen lassen, ohne dass er das Lied gehört hat. Kein Problem.

    Moses wird zwar grimmig gucken, es trotzdem spielen und es ertragen.

    Cassandra (schmunzelt): Das glaub ich nicht. Er wird dann bestätigen, dass es genau passt.

    Moses: Wenn dann die Leute glücklich sind, ist das für mich auch schon wieder geil.

    Marta Fröhlich

    Soul auf Deutsch

    Zur Person

    Moses Pelham wurde 1971 in Frankfurt geboren. Musikalisch kam er schon früh mit Rap in Berührung. 1993 gründete er die Formation Rödelheim Hartreim Projekt und schuf das Label Pelham Power Productions (3P). 3P nahm Künstler wie Xavier Naidoo unter Vertrag und produziert auch die Alben von Glashaus.
    Cassandra Steen wurde 1980 in Ostfildern-Ruit geboren, hat den amerikanischen Pass und wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Die Soulsängerin arbeitete bereits mit Künstlern wie Freundeskreis, Curse und Xavier Naidoo zusammen, veröffentlicht regelmäßig Soloalben.
    Zu sehen ist Moses Pelham, teilweise unterstützt durch Cassandra Steen, in der aktuellen Staffel der VOX-Musikshow „Sing meinen Song“, dienstags um 20.15 Uhr.

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