40.000
  • Startseite
  • » Nachrichten
  • » Magazin
  • » RZ-Interview der Woche
  • » Ei, ei, ei: Herr Verpoorten im Interview
  • Aus unserem Archiv

    Ei, ei, ei: Herr Verpoorten im Interview

    140 Jahre Verpoorten: Wir treffen den Chef des Eierlikörs in seinem Bonner Stammhaus. Gelbes Sofa, gelbe Vorhänge. William Verpoorten weiß, was die Gäste erwarten.

    Eierlikör wird aus – richtig – Eiern gemacht: Das Aufschlagen übernimmt natürlich eine Maschine. William Verpoorten (rechts), Chef des legendären Bonner Eierlikörherstellers, inspiziert auch gern persönlich die Anlagen seiner Firma. Gelernt hat er den Job von der Pike auf. Im Interview erzählt er, wie er im Familienbetrieb groß wurde, den es seit 140 Jahren gibt.
    Eierlikör wird aus – richtig – Eiern gemacht: Das Aufschlagen übernimmt natürlich eine Maschine. William Verpoorten (rechts), Chef des legendären Bonner Eierlikörherstellers, inspiziert auch gern persönlich die Anlagen seiner Firma. Gelernt hat er den Job von der Pike auf. Im Interview erzählt er, wie er im Familienbetrieb groß wurde, den es seit 140 Jahren gibt.

    Von Michael Defrancesco und Marie Brockers

    Sie blicken in diesem Jahr auf 140 Jahre Firmengeschichte zurück. Was war eigentlich zuerst da: Verpoorten oder der Eierlikör?

    Mein Ururgroßvater Eugen hat in Heinsberg bei Aachen seine erste kleine Destille gegründet. Und er kam mit einer Idee in Kontakt, die aus Bahia stammte, das liegt im nördlichen Brasilien. Dort haben die Ureinwohner aus vergorenen Avocados ein leicht alkoholisches Getränk hergestellt, und das haben die Kolonialfahrer sich abgeschaut. Aber als sie wieder nach Europa kamen, haben sie gemerkt, dass es hier keine Avocados gibt – denen ist es hier zu kalt und zu schattig. Also wurde experimentiert. Und man kam zu dem Schluss, dass eine ganz reife Avocado durchaus Ähnlichkeiten mit Eidotter hat: Also wurde der Likör mit Eiern, statt mit Avocados gemacht. Daher kommt auch der ursprüngliche Name Advocaat, der auf unseren alten Flaschen stand. Eugen Verpoorten erfand dann 1876 seine ganz spezielle Rezeptur.

    Wann haben Sie Ihren ersten Eierlikör getrunken?

    Das darf ich nicht sagen. (lacht)

    Oh! So früh?

    Sagen wir so: Obelix ist so stark, weil er als Kind in den Zaubertrankkessel gefallen ist. Das hat gewisse Analogien zu mir. (lacht) Ich mache gerade Spaß. Offiziell habe ich mit 18 den ersten "Verpoorten Original" probiert. Wir sind ja auch eher eine leckere Nascherei mit Alkohol – uns verwendet man für Drunter-Drüber-Drauf. Der Zugang zu unserem Produkt ist ein anderer als zu einem 42-prozentigen Whiskey.

    Wie war das für Sie, als ältester Sohn in einer solchen Dynastie aufzuwachsen?

    Ich habe in den Ferien immer mitgeholfen. Zum Beispiel durfte ich die Eier auspacken – wir verwenden immer frische Eier der Güteklasse A aus Bodenhaltung. Die habe ich dann zu den Maschinen transportiert, in denen sie weiterverarbeitet wurden. So habe ich mir in den Schulferien nebenher Geld verdient. Als ich noch kleiner war, bin ich gern mit meinem Vater in die Firma gefahren. Ich weiß noch, dass ich das Büro ganz aufregend fand: Da gab es lauter Sachen, die wir daheim nicht hatten, Fernschreiber mit langen Lochstreifen, Kopierer, Telefon mit zusätzlicher Hörmuschel. Das fand ich faszinierend.

    Ab wann war klar, dass Sie das Unternehmen übernehmen würden?

    Kann ich gar nicht so sagen. Man wächst da so rein. Nach und nach zeigten sich die Neigungen von uns Geschwistern. Zum Ende der Schulzeit war klar, dass ich später in die Firma gehen würde. Bei meiner Tochter Victoria lief das ähnlich. Sie ist jetzt fertig mit dem BWL-Studium und wird auch bei uns anfangen. Aber die schicke ich erst mal noch um die Welt, die soll sich noch ein bisschen die Hörner abstoßen. Also nicht Party machen, sondern andere Unternehmen kennenlernen.

    Ihre Tochter will freiwillig bei Ihnen einsteigen?

    Oja! Absolut. Sie kam eines Tages zu mir und meinte, ob es okay wäre, wenn sie sich für Verpoorten interessieren würde. Und ich sagte: "Von Herzen gern, ich weiß ja, dass dein Bruder etwas ganz anderes machen will." Ihr Bruder hat Forstwissenschaft studiert.

    Wäre sie die erste Frau an der Spitze Ihres Unternehmens?

    Nein, nein, Oma Elly war auch in der Firma.

    Ist das ein Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau die Firma leitet?

    Weiß ich nicht. Eine Frau hat natürlich andere Fähigkeiten als ein Mann. Ich muss ja auch nicht alles selbst können und immer in der ersten Reihe stehen. Ich muss einfach die richtigen Mitarbeiter an der richtigen Stelle haben, dann läuft das.

    Hat Ihr Unternehmen nach 140 Jahren noch einen natürlichen Feind?

    Nicht, dass ich wüsste. (lacht) Wir haben keine Feinde. Unsere Mitbewerber nenne ich liebevoll "Mitbewunderer". Ansonsten gibt es natürlich die Front der Alkoholverneiner. Aber ich glaube, man verbindet Verpoorten nicht mit Alkoholexzessen.

    Einverstanden. Mit Eierlikör knallt man sich eher nicht die Birne zu.

    Eben, Sie sagen es. Und zum Vorglühen für die Disco taugen wir auch nicht. Wir sind nicht "Sprit", wir sind Genuss. Im Übrigen hatten wir in 140 Jahren auch noch keinen Skandal. Wir bemühen uns wirklich, stets beste Qualität auszuliefern.

    Klischeetest: Eierlikör trinken schon eher die älteren Leute, oder?

    Nein, nein, den meisten Umsatz machen wir bei den Konsumenten zwischen 40 und 45. Es gibt natürlich auch ältere, aber auch viele jüngere. Wir werben bewusst in jungen Sendern, sind bei Facebook, YouTube, Pinterest und wollen mit modernen Rezepten attraktiv rüberkommen.

    Okay. Aber dass Eierlikör ein Frauengetränk ist, das stimmt, oder?

    Zu 80 Prozent ist der Einkäufer von Eierlikör weiblich, ja. Aber zu immerhin 40 Prozent trinkt der Mann dann doch, wenn die Flasche mal offen ist. (lacht) Es ist mir schon klar: In der Öffentlichkeit will der Mann den Kasten Bier ins Auto wuchten. Aber zu Hause geht er dann auch mal an den gelben Klassiker dran.

    Fußballgucken mit Eierlikör?

    (grinst) Man muss ja auch mal einen netten Film mit der Partnerin schauen! Und dann trinke ich den Eierlikör immer aus diesen Schokobechern. Im Übrigen sind die weniger hochprozentigen Liköre generell eher weibliche Getränke.

    Udo Lindenberg ist ja einer der wenigen Kerls, die sich zum Eierlikör bekennen.

    Ja, ich habe schon mit ihm im "Atlantik" zusammen gesessen. Er ist großer Fan von uns.

    Er malt sogar mit Eierlikör. Eine Beleidigung für Sie?

    (lacht) Nun ja, wir haben das zuerst mal zwiespältig gesehen. Aber wenn er mag. "Trinken wir noch ein Eierlikörchen zusammen" – das ist ja ein Lieblingsspruch von ihm.

    Es gibt immer noch dasselbe Rezept von 1876?

    Ja. Verändert hat sich lediglich die Hardware. Heute haben wir hoch moderne Maschinen, die unseren Eierlikör herstellen. Aber das Rezept ist noch das Original von vor 140 Jahren.

    Wie viele Personen kennen das Rezept?

    Zwei oder drei ... Bin mir nicht sicher ... Äh, Moment, ich verrate Ihnen jetzt nicht, wer die größten Geheimnisse von uns kennt!

    Welche Strafe droht dem, der das Rezept verrät?

    Der kommt auf die Osterinsel und wird da ausgesetzt. (grinst)

    Wurde es niedergeschrieben? Oder vom Vater-Mund zum Sohn-Ohr ...

    Niedergeschrieben. Wir haben kürzlich erst eine Rezeptesammlung der unterschiedlichsten Liköre gefunden, die Oma aufgeschrieben hatte. Die leckersten Dinger, mit Mokka, Blue Curacao ...

    Oh! Werden Sie schwach?

    Nein. (lacht) Wir bleiben in unserer Nische. Dort sind wir die Nummer eins. Wenn wir alles machen würden, dann wären wir überall nur die Nummer drei.

    Sie wurden nie übernommen – Sie haben aber auch nie jemanden übernommen.

    Schuster bleib bei deinen Leisten. Hier im Konferenzraum saßen schon viele, die solche Gespräche mit uns führen wollten. Es wird heutzutage nicht mehr getrunken als früher, sondern anders: Früher trank man einen Doppelkorn, heute einen Ouzo oder einen Grappa. Es wird viel importiert bei uns, weil die Deutschen das alles im Urlaub kennenlernen – also wollen sie auch daheim Limoncello oder Tequila trinken.

    Eins haben Ihre Mitbewerber schon mal nicht: einen Ohrwurm als Werbesong. Können oder wollen Sie den nicht abschaffen?

    Natürlich könnten wir unser "Ei, ei, ei, Verpoorten" ändern. Aber wir wären ja verrückt, und die Nachfahren würden uns auf die Osterinsel schicken. So etwas darf man nicht tun! Wenn man einen Slogan hat, den alle kennen, dann ändert man den nicht. Denken Sie mal an "Darauf einen Dujardin" oder "... das ist schon einen Asbach Uralt wert" – alles verschwunden. Da kommt jemand zu mir, sagt: "Tach, ich bin eine tolle Werbeagentur aus Düsseldorf" und will mir alles neu machen. Spätestens nach drei Jahren merken Sie: "Huch, die neue Kampagne greift gar nicht." Dann machen Sie wieder einen neuen Slogan. Nein, nein. Wir wären verrückt, wenn wir die bekannte Flaschenausstattung diesen Song und das "Ei, ei, ei" aufgeben würden. Der Song wurde in den 60ern eingeführt – eine Abwandlung von "Ay, ay, ay, Maria, Maria aus Bahia". Wir zahlen übrigens heute noch Lizenzgebühren für die Melodie an die Gema ...

    William Verpoorten: Chef des „gelben Klassikers“.
    William Verpoorten: Chef des „gelben Klassikers“.
    Foto: Michael Defrancesco

    Weitere Informationen:

    William Verpoorten ist der Sohn von Viktor Verpoorten und wurde in Bonn geboren. Nach dem Abitur machte er bei der Deutschen Bank eine Lehre. Ein Jahr lang war er Trainee bei Jägermeister, 1982 trat er bei Verpoorten ein. 1986 wurde er Mitglied der Geschäftsleitung, seit 2003 ist er alleingeschäftsführender Hauptgesellschafter. Seine Hobbys: Harley Davidson, Käfer Cabrio, Segeln, Joggen.

    Eugen Verpoorten gründete die Firma 1876 in Heinsberg. Der aus Antwerpen stammende Destillateur eröffnete auf der Heinsberger Hochstraße, neben dem adligen Damenstift, die „Liqeur-Fabrik & Colonialwaaren von H. Verpoorten“. Verpoorten befindet sich seit fünf Generationen im Familienbesitz. Heute werden unter dem Markennamen neben Eierlikör auch Tiefkühltorten, Gebäck, Pralinen, Schokolade oder Eiscreme vermarktet.

    RZ-Interview der Woche
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst
    Andreas Egenolf 

    0261/892320
    Kontakt per Mail
    Fragen zum Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    Das Wetter in der Region
    Freitag

    0°C - 6°C
    Samstag

    1°C - 5°C
    Sonntag

    2°C - 4°C
    Montag

    3°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    UMFRAGE
    Winter, oh Winter!

    Mit voller Kraft brach am Wochenende der Winter herein – allerdings ging ihm schnell die Puste aus. Wie finden Sie das Winterwetter?

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!