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Die Muskelfrau

Wir treffen Julia Schamotzki im Café und sind erst einmal verwirrt: Da kommt kein Muskelprotz, der sich vor Kraft kaum bewegen kann. Also wird die Probe aufs Exempel 
gemacht – und wir verlieren das Armdrücken mit ihr haushoch. Ideale Voraussetzungen für ein fröhliches Interview.

„Marmor, Stein und Eisen schmilzt, wenn du deinen Body buildst“ – das wusste schon die Erste Allgemeine Verunsicherung in ihrem Satirelied. Die Koblenzerin Julia Schamotzki erzählt im Interview, was es heute heißt, Bodybuilding zu machen. Sie ist sehr erfolgreich und nahm dieses Jahr bei den deutschen Meisterschaften teil.
„Marmor, Stein und Eisen schmilzt, wenn du deinen Body buildst“ – das wusste schon die Erste Allgemeine Verunsicherung in ihrem Satirelied. Die Koblenzerin Julia Schamotzki erzählt im Interview, was es heute heißt, Bodybuilding zu machen. Sie ist sehr erfolgreich und nahm dieses Jahr bei den deutschen Meisterschaften teil.
Foto: Ramona Schulz

Von unserem Journal-Chef Michael Defrancesco

Wie kommt man mit 21 Jahren zum Bodybuilding?

Kurz vor dem Abitur hatte ich genug vom vielen Herumsitzen. Aufstehen, lernen, zum Kühlschrank, wieder an den Schreibtisch. Außer Reiten machte ich keinen Sport, und das reichte mir nicht mehr aus. Irgendwann habe ich mich beim Fitnessstudio angemeldet. Dort bin ich an einen Trainer geraten, der mir Bodybuilding vorgestellt hat – und wenn ich etwas anfange, dann mache ich es richtig. So bin ich. (lacht) Ich habe Trainingspläne bekommen, habe sie befolgt und habe tatsächlich schnell gemerkt, wie sich bei mir etwas verändert hat am Körper.

Und auf einmal waren Sie Teil der Bodybuilder-Szene. Ist das eine Szene?

Ja, schon. Viele – sagen wir mal "normale" – Menschen verstehen nicht, was ich da tue. "Warum gehst du sechsmal in der Woche für zwei Stunden trainieren? Warum?"

Sechsmal in der Woche?

Ja, eben. Die verstehen das nicht. "Warum isst du das? Bist du bescheuert?"

Was ist das Gruseligste, das Sie essen müssen?

Gar nicht gruselig. In der Vorbereitung auf einen Wettkampf esse ich Reis mit Hähnchen – das ist ja durchaus lecker. Gut, irgendwann kann ich es dann nicht mehr sehen, aber das halte ich aus. Die Lebensmittel haben unterschiedliche Auswirkungen auf unseren Körper, beim Bodybuilding muss man die genau kennen.

Wie würden Sie diese Szene beschreiben?

Bodybuilder sind ganz normale Leute. Wir reden nicht nur über den Sport, sondern haben ein normales Leben, gehen arbeiten, haben andere Hobbys, interessieren uns für Politik oder was auch immer. Aber wir gehen halt viel und schwer trainieren und achten auf unser Essen – worüber sich ein anderer keine Gedanken machen muss. Ob da Kräuterbutter auf dem Steak ist oder nicht, das ist mir nicht egal.

Wie haben Sie sich körperlich verändert?

Ich war vorher nicht dick, sondern eher dünn, ein Strich in der Landschaft. Jetzt ist mein Körper fest geworden. Unter meinen Alltagsklamotten sehe ich auch ganz normal aus, da würde niemand denken, dass ich Bodybuilding mache. Aber auf der Bühne stehe ich im Bikini, und da sieht man es schon. (lacht)

Da haben Sie einen Sixpack.

Genau. Sie haben ja auch einen Sixpack, man sieht ihn nur nicht.

Öh.

(grinst) Sie meinen, dass ich meinen Sixpack trainiert habe und vorführe!

Genau so. Wie bereiten Sie sich auf den Wettkampf vor?

Vier Monate Diät und Training. Eine Woche vor dem Wettkampf wird entladen, es werden also die Glycogenspeicher im Körper geleert, ich esse keine Kohlenhydrate. Zwei bis drei Tage vor dem Wettkampf wird dann wieder geladen, und ich esse viele Kohlenhydrate. Die ziehen Wasser mit in den Muskel. Weil die Glycogenspeicher im Muskel leer sind, will der Körper die auffüllen, und so werden Kohlenhydrate und Wasser nur in den Muskel gezogen. Dadurch sieht man noch voller und muskulöser aus. Dann wird entwässert, damit die Haut dünn wird und man die Muskulatur sieht. Tja und dann kommt der Wettkampf! Man wird mit so einer Rolle, mit der man Heizkörper streicht, angemalt – mit Bronzefarbe, damit wir schön glänzen. (lacht) Man wärmt sich auf, und auf der Bühne mache ich dann das Posing, das ich monatelang eingeübt habe. Das ist dann nur noch ein Abspulen von gelernter Routine. Und immer lächeln!

Sie präsentieren das Endergebnis.

Genau. Das Ergebnis der vielen Arbeit und Mühe. (lacht) Man post dann nur noch für die Jury. Fragen müssen wir keine beantworten.

Worauf achtet die Jury?

In der Figurklasse achten sie auf eine schöne Linie, auf die Härte der Muskeln. Wenn da eine steht, die ein Riesenkreuz hat und keine Beine, dann ist das weniger gut, als wenn eine weniger Rücken hat, aber dafür die Gesamterscheinung passt. Mein Trainer David Hoffmann ist auch oft aufgeregter als ich. Er ist derjenige, der mich trainiert. Er muss im Vorfeld sehen, welche Muskeln noch aufgebaut werden müssen und ob alles stimmig ist. Ich befolge dann nur genau seinen Trainingsplan und präsentiere das Ergebnis.

Das setzt eine Menge Vertrauen voraus, oder?

Ja. Wir trainieren seit einem guten Jahr zusammen. Und zu einem Wettkampf gehe ich nur, wenn er die Vorbereitung macht. Sonst starte ich nicht.

Wie groß ist der Zickenterror hinter der Bühne?

Null. Hinter der Bühne herrscht ein gutes Miteinander.

Echt? Sie legen der Hauptkonkurrentin nicht ein Steak mit Kräuterbutter hin?

(lacht schallend) Nein, nein. Hinter der Bühne dürfen wir im Übrigen auch laden.

Ich muss mich noch dran gewöhnen, dass Sie statt "essen" "laden" sagen.

(lacht) Kuchen und Eis sind erlaubt. Schnelle Kohlenhydrate, die schnell in den Muskel gehen und Energie geben. Ganz viel Honig wird zum Beispiel gegessen. Es wird nur nichts getrunken, weil wir ja entwässert sind. Da freut man sich, wenn man von der Bühne runter ist und endlich etwas trinken darf.

Ohne Disziplin läuft da nichts, hm?

(schüttelt den Kopf) Meine Familie steht zum Glück voll und ganz hinter mir. (muss lachen) Am Anfang hat sich meine Mutter nur aufgeregt, dass ich so viel Fleisch esse. Sie lebt vegan.

Ouh.

Mittlerweile hat sie sich dran gewöhnt. Es gibt übrigens auch vegane Bodybuilder! Die essen ganz viel Linsen, Hülsenfrüchte. Erbsen, Bohnen. Da muss man aber viel kombinieren und aufs richtige Verhältnis achten, weil die Pflanzen kein vollständiges Eiweiß haben. Ich halte davon nichts.

Sie könnten Ernährungsberaterin werden!

Definitiv, ja. Aber meine Eltern sind beide Bauingenieure, und es ist der Plan, dass ich das Geschäft übernehme. Also studiere ich derzeit fleißig an der FH Koblenz. (lacht) Straßenplanung, Städteplanung, ... Ich plane, mache Bauleitung. Also später, wenn ich fertig bin.

Spannend?

Teilweise. Es gibt durchaus Vorlesungen, die ... Lassen wir das. (lacht)

Ich weiß, ich berühre ein Vorurteil: Aber ist es eher die Ausnahme, dass eine Bodybuilderin studiert?

(grinst) Bodybuilder sind nicht dumm! Man muss sich so intensiv mit der Ernährung und dem Körper auseinandersetzen ... Gut, natürlich gibt es auch in unserer Szene Menschen, die jetzt nicht gerade so die Leuchte sind. Aber das gibt es ja überall. Dafür haben wir Bodybuilder immerhin den Gouverneur von Kalifornien gestellt!

Wäre eine Filmkarriere was für Sie?

O Gott, nein. Ich bin keine Rampensau. In den nächsten Semesterferien mache ich lieber meine Trainerlizenz und kann dann als Personal Trainer arbeiten. Anderen die Übungen erklären und so. Das macht mir viel mehr Spaß.

Ist Arnold Schwarzenegger in der Szene ein Idol?

Definitiv, ja. Er ist ein Vorbild. Allein schon wegen seiner Trainingsphilosophie und mit welcher Einstellung er da reingeht. Und weil er nicht dumm ist! Er hat unseren Sport sehr geprägt und in die Öffentlichkeit gebracht. Er kann sich präsentieren – die meisten Bodybuilder machen das eher für sich selbst. Und keiner merkt, dass Bodybuilding ein Lifestyle ist! Weil wir wirklich 24 Stunden auf alles achten müssen, was auf unserem Teller landet. Das ist schon auch anstrengend. Und Arnold sieht super aus, hat eine irre gute Linie und ein tolles Muskelvolumen. Er hat auch als Gouverneur weitertrainiert, das sieht man. Den Sport kriegt man auch nicht wieder aus sich heraus. Ich würde mir niemals im Supermarkt ein Fertiggericht kaufen! Ich schaue da drauf und denke: "O nein, wie kann man nur."

 

Wissenswertes

Julia Schamotzki wurde 1994 in Koblenz geboren und machte 2014 ihr Abitur. Seit Oktober 2014 studiert sie Bauwirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Koblenz. Vor zweieinhalb Jahren begann sie mit dem Bodybuilding. Die Deutsche Junioren- und Masters Meisterschaft in Offenbach war ihr erster Wettkampf, sie belegte den sechsten Platz. Auf der Newcomer Meisterschaft in Fulda wurde sie Dritte, auf dem Hellcup in Bad Ems konnte sie sich mit dem zweiten Platz für die deutsche Meisterschaft in Wiesloch qualifizieren.
Bodybuilding ist ein Sport mit dem Ziel der aktiven Körpergestaltung. Zentrales Element ist ein starkes Wachstum der Muskelmasse, das durch Krafttraining unter Zuhilfenahme von Fitnessgeräten erreicht wird. Es unterscheidet sich von den Kraftsportarten dadurch, dass es primär um die Körpermodifikation und nur sekundär um die Kraft geht. Das moderne Bodybuilding geht auf Eugen Sandow zurück, der 1901 in London den ersten Wettbewerb veranstaltete.

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