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    Der "Tatort"-Denker

    Fabian Hinrichs ist ein Charakterkopf und spielt am liebsten komplexe Rollen. Zum Telefoninterview erwischen wir ihn bei einem Spaziergang am Hamburger Hafen und sprechen mit ihm auch über seinen aktuellen „Tatort“.

    Fabian Hinrichs ist ein Denker und inszeniert sich auch gern als solcher. Nach verkopften wie schwierigen Rollen samt Oscarnominierung zeigt er als Kommissar im aktuellen „Tatort“, wie ein Nordlicht im tiefsten Franken strandet.
    Fabian Hinrichs ist ein Denker und inszeniert sich auch gern als solcher. Nach verkopften wie schwierigen Rollen samt Oscarnominierung zeigt er als Kommissar im aktuellen „Tatort“, wie ein Nordlicht im tiefsten Franken strandet.
    Foto: Bayerischer Rundfunk

    Von unserer Reporterin Marta Fröhlich

    Herr Hinrichs, Ihr aktueller "Tatort", in dem Sie den Kommissar Felix Voss spielen, heißt "Das Recht, sich zu sorgen". Wann haben Sie sich das letzte Mal gesorgt?

    Ich bin ja Familienvater. Und da bleibt es nicht aus, dass man ständig besorgt ist und diese Sorgen eher zurückdrängen muss, damit diese nicht so im Vordergrund stehen und verängstigte Kinder aufwachsen, weil sich dauernd jemand Sorgen macht. Aber etwas anderes ist es ja, Sorge für jemanden zu tragen, das tue ich natürlich auch täglich.

    Sind Ihnen die Sorgen, die Sie privat haben, präsent, wenn Sie sich in eine Rolle einarbeiten?

    Das hat mich selbst noch nie so interessiert. Ich bin dann im besten Fall und spiele niemanden. Ich möchte niemanden darstellen.

    Ihr Zugang zum "Tatort" war die Figur des Gisbert Engelhardt, ein echter Sonderling. Sie spielen häufig auch Rollen, die nicht richtig ins Raster passen.

    Ist das so?

    Ich finde schon. Sind Sie mit der Rolle des Sonderlings nicht glücklich?

    Also als Sonderling sehe ich mich selbst nicht. Aber was ist schon die Bedeutung von "normal"? Gibt es überhaupt so etwas wie Normalität? Aber ich nehme das mal als Kompliment. Ich spiele ja hauptsächlich dramatische Rollen, das kann man vielleicht sagen. Das ist ja auch Film. Film sollte ja so sein wie das Leben, nur ohne die langweiligen Stellen, wie Hitchcock es einmal forderte.

    Der "Tatort" spielt in Franken. Wie kommen Sie mit dem fränkischen Dialekt zurecht so als Nordlicht?

    Ich finde den ganz niedlich, den Dialekt. Mir gefällt er. Nicht alle Dialekte gefallen mir, aber der gefällt mir.

    Welchen Dialekt können Sie gar nicht hören?

    Das sage ich lieber nicht. Dann bekomme ich Hassnachrichten oder so 'nen Shitstorm.

    Kann man einen frrrränggischen Polizisten noch erst nehmen, wenn er vor einem steht? Weil Fränkisch so niedlich ist ...

    Vielleicht sagen wir eher "erdig". Doch, ich glaube, das kann schon brutal klingen. Ich glaube nicht, dass das vom Dialekt abhängt, ob man Angst hat oder nicht, sondern wie bedrohlich die Situation oder der Mensch ist. Auch in Franken gab es ja nicht unbraune Flecken im Nationalsozialismus, aus den Mündern von Nazis klang das Fränkische mit Sicherheit nicht besonders charmant.

    Sie sind neben dem "Tatort" auch viel im Theater zu sehen. Ist es für Sie ein Gegensatz, neben Bühne auch ein klassisches Unterhaltungsformat zu machen?

    Nee, es sind einfach zwei unterschiedliche Berufe. Theater ist für mich eine abstrakte Kunst. Es geht darum, Gefühlsgedanken zu erzeugen. Der zeitgenössische Film zielt zumeist ab auf eine identifikatorische Verkörperung eines bestimmten Menschen. Das heißt, es ist also ein ganz anderer Vorgang.

    Bereiten Sie sich dann auch anders auf eine Rolle vor?

    Es sind ja ganz andere Texte, sich vielleicht so fremd oder so miteinander verwandt wie Prosa und Gedicht. So wie jemand, der schreibt, manchmal Gedichte und Prosa zugleich schreiben kann, können beziehungsweise wollen manche Schauspieler im Theater und auch im Film spielen.

    Fällt Ihnen das Umschwenken schwer?

    Das habe ich noch nie so empfunden.

    In Amerika boomen gerade Serien mit immer mehr Starbesetzungen. Auch im "Tatort" tauchen immer häufiger berühmte Köpfe auf. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

    Das hat viele Gründe. Einer ist im Niedergang des Kinos zu finden. Die Kinosäle sind ja mittlerweile hauptsächlich Arenen der Überwältigungsindustrie. Und doch - es gibt noch zwei, drei Schmuckkästchen für Cineasten, ja. Ich gehe da auch noch gern rein, manchmal.

    Gehen Sie lieber ins Kino, als dass Sie fernsehen?

    Nein, das würde ich so nicht sagen. Der traditionelle Kinobesuch war ja ein gemeinschaftliches Erlebnis, man saß zusammen in einem Raum, es gab keinerlei Ablenkung bis auf Rascheln und Tuscheln, man stand auch nicht auf und ging aufs Klo. Diese konzentrierte Situation war auch immer ein Biotop für alternative Kultur. Ich denke aber, dass das Sterben dieser Kinokultur weitergehen wird. Und deswegen wird eben auch das Fernsehen wichtiger. Das Problem der Kinos ist unter anderem, dass es so ein Wettrennen geworden ist. Unfassbar teure Filme, Produkte, die Geld einbringen sollen. Es sind vornehmlich Produkte für Filmliebhaber. Das Bezahlfernsehen aber, von dem Sie sprechen, also die allseits gelobten und besprochenen Serien, muss eben nicht die Masse erreichen. Sondern es muss sich lediglich rechnen.

    Ein Beispiel?

    "Breaking Bad" hatte nur eine Million Zuschauer in den USA, aber es verkaufte sich weltweit, es rechnete sich, und es geht formensprachlich auch über gutes Storytelling hinaus.

    Wie soll es dann weitergehen?

    Man muss Dinge entwickeln, die sich rechnen, weil sie sich entweder international verkaufen oder weil es aus irgendwelchen anderen Gründen immer noch wirtschaftlich ist. Das ist die große Frage: Wo können Dinge wachsen, die nicht die Masse erreichen müssen? Eigentlich sind die öffentlich-rechtlichen Sender ein guter Ort hierfür.

    Spüren Sie diesen Druck bei den Produktionen auch?

    Es kommt drauf an. Ich bin sehr glücklich beim Bayerischen Rundfunk. (stockt) Huch, 5 Euro gefunden.

    Jetzt gerade? Beim Herumspazieren im Hamburger Hafen? Glückwunsch!

    Das freut doch den Kleinbürger. (lacht) Ähm, zurück zum Thema, da sind die Bedingungen noch gute. Grundsätzlich aber ist der Beruf des Schauspielers sehr gefährdet, weil immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Die Bedingungen beim Fernsehen sind nicht immer, aber oft geprägt von einem großen Zeitdruck. Kino hat in der Herstellung oft ein Drittel mehr Zeit.

    Ach, der Unterschied ist so deutlich spürbar?

    Ja, man kann sagen, bis zu 30 Prozent mehr Zeit. Das muss aber nicht so sein. Man könnte ja auch mehr tun.

    Was denn?

    Man könnte gewisse Sachen eingrenzen wie Sport oder Volksmusik oder Vorabendformate und dafür noch intensiver gute politische Sendungen, gute Dokumentationen und Filmerzählungen befördern. Es geschieht bereits, aber meiner Meinung nach könnte es da noch ausgiebiger zu einer Umverteilung kommen, die weniger nach Quoten schielt, sondern mehr einem Kulturbegriff der Überforderung folgt. Darüber, was überhaupt ein guter Film ist, welche Kriterien hier angewendet werden können, darüber müsste ausgiebig debattiert werden.

    Sehen Sie sich in Ihrer Zunft als ein politischer Schauspieler?

    Ein Nachdenken über Bedingungen und Möglichkeiten der Gestaltung meiner Arbeit und Arbeitsbedingungen besitzt natürlich eine politische Dimension. Diese Dimension ist ein Teil, aber eben nur ein Teil meiner künstlerischen Identität.

    Und schauen Sie selbst auch Serien oder doch lieber TV?

    Hauptsächlich Serie, ja.

    Amerikanische oder deutsche?

    Deutsche Serien auf hohem Niveau kenne ich nicht so recht, bis auf "Polizeiruf" und eben "Tatort", und beides sind zudem noch Reihen, keine Serien. Man fragt sich immer, wann dieser schlafende kulturelle Riese eigentlich erwacht.

    Was war die letzte Serie, die Sie gesehen haben - bis zur letzten Folge?

    "Fargo". Richtig gut, nicht nur ausgefeiltes Storytelling.

    Im Franken-„Tatort“ spielt Hinrichs Hauptkommissar Felix Voss an der Seite von Dagmar Manzel in der Rolle der Paula Ringelhahn (2. von rechts).
    Im Franken-„Tatort“ spielt Hinrichs Hauptkommissar Felix Voss an der Seite von Dagmar Manzel in der Rolle der Paula Ringelhahn (2. von rechts).
    Foto: Bayerischer Rundfunk

    Biografie Fabian Hinrichs, Jahrgang 1974, tauschte das Jurastudium gegen die Schauspielschule und spielte von 2000 bis 2005 an der Volksbühne in Berlin. Seit 2003 dreht er Filme für Kino und Fernsehen. Als Schauspieler bekannt wurde der gebürtige Hamburger als Hans Scholl im Spielfilm „Sophie Scholl – die letzten Tage“, der auch für den Oscar nominiert war. Den Sprung in die „Tatort“-Welt schaffte Hinrichs mit seiner viel gelobten Rolle des Assistenten Gisbert Engelhardt im Münchner „Tatort“ „Der tiefe Schlaf“. Seine Figur verstarb jedoch nach kurzer Zeit – was bei den Zuschauern auf große Kritik stieß.
    Aktuell zu sehen ist Fabian Hinrichs als Kommissar Felix Voss im „Tatort“ „Das Recht, sich zu sorgen“ am Sonntag, 22. Mai, 20.15 Uhr, in der ARD.

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