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Berlin

Wohltemperiertes Klavier trifft auf Breakdance

dpa

Noch nie war Johann Sebastian Bach so cool: Mit wirbelnden Körpern, deftigen Bässen und Breakdance feierte das «Wohltemperierte Klavier» des Altmeisters seinen Einstand als Happening der jungen Kunstszene.

«Flying Steps»
Die Breakdance-Gruppe «Flying Steps» gibt Bach eine körperliche Note.

Geht es nach dem Regisseur Christoph Hagel, sollen Bach auch Leute kennen, die nie ins Konzerthaus gehen würden. Das ist mit der Premiere von «Flying Bach» gelungen.

Crossover ist die Markenzeichen von Hagel. Er inszeniert die sogenannte Hochkultur an ungewöhnlichen Orten, ob nun die «Zauberflöte» in der U-Bahn, «Don Giovanni» im E-Werk oder «Orpheus und Eurydike« auf dem Laufsteg. Dabei beamt er die Inhalte mit Pop-Elementen ins Hier und Jetzt. Seine Charaktere sind Fernsehköche, Bundeswehrsoldaten und Hartz-IV-Empfänger. Die Genres gehen wilde Ehen ein: Poesie wird zu Theater, die Bühne zur Leinwand, Klassik zum Beat-Battle.

In «Flying Bach» gibt Bachs «Wohltemperiertes Klavier» den Takt zum Breakdance vor. Hagel will zeigen, dass der Komponist auch cool und Hip-Hop große Kunst sein kann. Das Publikum ist jung. «Unter der Kombination von Breakdance und Bach kann ich mir erstmal ganz wenig vorstellen», meint ein Mitzwanziger vor der Aufführung.

Glamour und Lässigkeit verkörpert das aktuelle Exponat in der Neuen Nationalgalerie: Auf dem Teppich von Rudolf Stingel schlingen sich schwarze Muster um weiße, verschmelzen zu flimmernden Ornamenten. Für die Breakdancer ist der Teppich die Bühne. Wie in einem arabischen Festzelt ist der Besucher eingeladen, es sich bequem zu machen.

Die Berliner «Flying Steps» haben mit virtuosem Breakdance bereits vier Weltmeisterschaften gewonnen. «Flying Bach» ist auch für sie ein Experiment: Sie verkörpern die Mehrstimmigkeit von Bachs Präludien und Fugen, manchmal gibt dabei nur die Zimbel von Sabina Chukurova den Takt vor. In anderen Abschnitten wird Altmeister Bach gehörig mit Bass unterlegt. Erst dann verschmelzen Tänzer und Musik komplett.

Das Stück selbst thematisiert die Vermischung von Kulturen, die nur auf den ersten Blick voneinander entfernt sind wie die Polkappen: Eine Breakdance-Gruppe übt mit ihrem Lehrer, eine zarte Ballerina stößt hinzu und bringt alles durcheinander. Irritation und Ablehnung folgen, aber auch Neugier. Einmal noch muss es richtig knallen, bis elfisch und cool, Klassik und Hip-Hop, Ying und Yang verschmelzen. Wie ein seidenes Band im Sturm schwirrt die japanische Tänzerin Yui durch die sechsköpfige Männergruppe. Was bei ihnen so verspielt wirkt, ist großer Sport, daran lassen die Waschbrettbäuche keinen Zweifel.

Regisseur Hagel, der die Show auf dem Klavier begleitet, verwirklicht seine Vorstellung von Crossover nicht nur im Mix von Klassik und Pop: Videoprojektionen laufen über die Marmorsäulen. Am Ende der Premiere spendet das Publikum rauschenden Beifall. Auch die Tänzer sind außer sich vor Begeisterung. Und vor Erleichterung: «Wir wussten nicht, ob die Klassikfans offen genug für das Projekt sind,» sagt «Flying Steps»-Mitglied Mikel alias Michael Rosemann.

«Flying Bach» ist noch bis zum 1. Mai in der Nationalgalerie zu sehen.

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