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    Hamburg

    Warum Castingshows Kulturkampf sind

    Das Fernsehen spaltet Deutschland – vor allem bei Castingshows. Angeblich gibt es bei diesem Format auch Frontlinien untereinander. Doch stimmt das überhaupt?

    Castingshow
    Kandidat Menowin Fröhlich (vorne) und Moderator Marco Schreyl bei DSDS.

    Castingshows wie die ARD/ProSieben-Reihe «Unser Star für Oslo», der RTL-Erfolg «Deutschland sucht den Superstar» oder Heidi Klums ProSieben-Reihe «Germany's Next Topmodel» sind Renner beim jungen Publikum. Fans kürzen die TV-Shows gerne im Stil des Netzjargons ab: zu «USFO», «DSDS» oder «GNTM».

    Zuletzt hat das vergangene Wochenende wieder einmal gezeigt, wie sehr die Generationen in Sachen Fernsehen inzwischen geteilt sind. Während den «Musikantenstadl» in der ARD etwa fünf Millionen Menschen über 50 einschalteten, guckten den sogenannten Migrantenstadl «DSDS» (so nennt «Der Tagesspiegel» die RTL-Reihe seit Jahren) etwa vier Millionen Menschen unter 50 (31,4 Prozent Marktanteil). In der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen hatte die «Superstar»-Suche sogar einen satten Marktanteil von 33,8 Prozent.

    Warum begeistern sich vor allem junge Menschen für die Auslese- Shows? Mancher meint, weil sie ihrem Erfahrungshorizont als ständige Selbstdarsteller entgegenkommen. «Mit dem Prinzip Casting sind sie groß geworden (...) Man muss etwas zeigen, dann sagen andere, ob man drinbleibt oder rausfliegt. Ähnlich funktioniert das in Online- Netzwerken. Man präsentiert sich auf Fotos in seinen Profilen und kriegt Kommentare...», schrieb etwa der Autor Johannes Gernert kürzlich im Berliner Stadtmagazin «Zitty».

    Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» stilisierte die ungleichen Castingsendungen «USFO» mit Stefan Raab und «DSDS» mit Dieter Bohlen kürzlich zum «Kampf Bürgertum gegen Prolls, Bildung gegen Breitreifen, Uni gegen Hauptschulabschluss, oben gegen unten».

    Plattenmillionär Bohlen fühle sich nicht als «Künstlergenie» akzeptiert, deshalb übe er mit «DSDS» «Rache am Establishment». Und bei «USFO», der Qualifikation zum Eurovision Song Contest 2010, galt demnach: «Raabs Rache an den jugendlichen TV-Legasthenikern, denen er einst erste Popularität verdankte.»

    Wer jedoch Raab plötzlich nur noch als zahmen Zuarbeiter des öffentlich-rechtlichen NDR beschrieb, der innerhalb der ARD den Grand-Prix-Zirkus organisiert, übersah ein wichtiges Detail: Das Bild von Raab als dem «braven Bohlen» stimmte nur bedingt. Zwar ging man die Kandidaten bei den Hauptshows von «Unser Star für Oslo» nicht hämisch an, doch gab es durchaus eine Art Schmuddel-Ecke mit gehässigen Kommentaren.

    In seiner ProSieben-Sendung «TV Total» zeigte Raab auch gescheiterte Kandidaten. Die «Bild»-Zeitung, die kein gutes Verhältnis zu dem ehemaligen Jesuitenschüler und Boulevard- Verweigerer hat, nutzte daraufhin den tragischen Tod eines «vorgeführten» Hamburgers zu einer Seite-Eins-Geschichte – auch wenn der Tod in keinem Zusammenhang zur Show stand. Doch damit wies man wenigstens eine breitere Öffentlichkeit auf die Zweigleisigkeit des Grand-Prix-Vorentscheids 2010 hin.

    Doch selbst medienkritische Blogs ignorierten das. Für sie bestätigte sich lediglich eine These des Philosophen Peter Sloterdijk. Der schreibt in seinem Werk «Kritik der zynischen Vernunft» (1983) über «Primitivjournalismus», der mit einem «erlogenen und sentimentalen Moralismus» täglich zynische Restauration betreibe: «indem er jeden Tag so tut, als könne er jeden Tag seine eigene Sensation haben und als sei nicht, gerade durch seine Berichterstattung, in unseren Köpfen längst eine Bewusstseinsform entstanden, die den Skandal als Lebensform und die Katastrophe als Hintergrundgeräusch hinzunehmen gelernt hat.»

    Die Frage ist, ob beim Casting-Boom im deutschen Fernsehen eigentlich nur «Sensibelchen» erschaudern, wenn Juroren und Redaktionen Privates und Intimes der Bewerber ans Licht zerren, Scheiternde der Lächerlichkeit preisgeben und es nur noch darum zu gehen scheint, Emotionen – möglichst mit Tränen – zu produzieren.

    In den vergangenen Jahren ist das Wort «Castingopfer» in den Sprachgebrauch gesickert. Klum, Bohlen und auch Raab sorgen dafür, dass es sich festsetzt.

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