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Istanbul/Moskau

Tatort-Preview zu „Tschiller: Off Duty“ – Til Schweigers größter Flop

Vielleicht kam kein Film Til Schweigers Charakter je näher als die Kultkomödie „Manta Manta“: Darin spielt Schweiger den Unterhemdenträger Bertie, der seinen Manta zu einem Rennwagen aufmotzt. Bescheidene Grundausstattung trifft auf Selbstüberschätzung und schließlich auf blanken Übermut.

Acht Millionen Euro Produktionskosten für einen Kino-„Tatort“, den jedoch kaum jemand sehen wollte. Foto: Nik Konietzy/NDR/Warner Bros./ARD/dpa
Acht Millionen Euro Produktionskosten für einen Kino-„Tatort“, den jedoch kaum jemand sehen wollte.
Foto: Nik Konietzy/NDR/Warner Bros./ARD/dpa

Völlig betrunken will Bertie das finale Rennen fahren, nur seine Freunde können ihn davon noch abhalten. Ein solcher aufgemotzter Manta ist auch der „Tatort“-Kinofilm „Tschiller: Off Duty“, den die ARD nun in das von ihr selbst geschaufelte TV-Sommerloch wirft.

Im Februar 2016 lief der Film, der eine „Tatort“-Revolution sein sollte, in den Kinos an. Ein gigantischer Flop. Der wohl größte in Schweigers Karriere. Gerade einmal 280 000 Zuschauer wollten den Film sehen, trotz einer lärmenden Werbekampagne auf allen erdenklichen Kanälen. Zum Vergleich: „Honig im Kopf“ hatte mehr als sieben Millionen Besucher. Doch Schweiger wäre nicht wie Bertie, wenn er den Karren nicht vollends gegen die Wand fahren würde.

Fernsehgebühren verplempert

Auf Facebook postete er trotzig übertrieben positive Fanreaktionen. Er wollte es einfach nicht wahrhaben, und so geschah in der Kinogeschichte etwas aus gutem Grund sehr Seltenes: Fünf Monate später brachte Schweiger den Film erneut in die Kinos – das aber interessierte nun wirklich gar niemanden mehr.

Erfolg lässt sich bekanntlich nicht erzwingen. Das weiß man wohl auch im Öffentlich-Rechtlichen, das den acht Millionen teuren Flop großzügig unterstützte. Deshalb versendet man „Tschiller: Off Duty“ nun wohl in der Hoffnung, dass wegen Urlaub und WM möglichst wenig Leute von der kostenintensiven Blamage überhaupt Notiz nehmen. Ein Fünftel der Produktionskosten übernahm der NDR, außerdem gab es säckeweise Filmförderung. In Zeiten, in denen immer wieder über die Abschaffung der „GEZ“-Gebühren diskutiert wird, liefert der NDR mit dieser Produktion den „GEZ“-Gegnern die Argumente frei Haus. Skandalös war auch der Umgang mit der Presse, denn zum Kinostart durften nur ausgewählte Journalisten – das heißt, Schweiger wohlgesonnene – den öffentlich geförderten Film vorab sehen.

Nicht der kommerzielle Misserfolg ist schlimm, sondern dass sich das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen vor den Karren eines Mannes spannen ließ, der glaubt, mit seinen eher bescheidenen Talenten und einem, nun ja, sehr gewöhnlichen Regisseur wie Christian Alvart Hollywood-Kino machen zu können. Und das ausgerechnet mit einer wahren Fernsehinstitution, die ihre Konventionen und vor allem Grenzen hat.

Tatsächlich hat „Tschiller: Off Duty“ mit einem „Tatort“ so viel zu tun wie das „Frühlingsfest der Volksmusik“ mit den „Tagesthemen“. Und es ist ein Irrglaube, dass die rund acht Millionen regelmäßigen „Tatort“-Zuschauer ihre Sofas verlassen und ins Kino stürmen, nur weil Schweiger ruft. Selbst Götz Georges Schimanski ist dies in den 1980er-Jahren nicht gelungen, weshalb man sich nach zwei Kino-„Tatorten“ von dieser Idee wieder verabschiedete.

Diesmal aber sollte alles anders werden: Das beginnt schon damit, dass Kommissar Nick Tschiller nicht in deutschen Gefilden ermittelt. Nachdem Tschiller den Mörder seiner Frau, den kurdischen Kriminellen Firat Astan in der „Tatort“-Folge „Fegefeuer“ festgenommen hatte, und der Übeltäter nach Istanbul ausgeliefert wurde, macht sich Tschillers Tochter Lenny, gespielt von Schweigers Tochter Luna, heimlich auf den Weg in die türkische Metropole, um den Tod ihrer Mutter zu rächen.

Liam Neeson als Vorbild

Doch Astan entführt das Töchterlein, worauf sich Tschiller nicht lange bitten lässt: Er reist ihr mit seinem Kollegen Yalcin Gümer nach, tötet Astan, doch inzwischen wurde die Tochter – was sonst? – an einen Organhändlerring nach Moskau verkauft. Nicht nur das: Man hat Lenny eine Bombe implantiert, um einen Terroranschlag zu verüben. Also auf nach Moskau!

Klingt bescheuert, ist es auch. Dazu kommen endlos lange auf Rasanz getrimmte, eigentlich aber lahme Actionszenen mit viel Bumbum, in denen Til Schweiger eine besonders wütende Ausführung von Bertie verkörpern darf. Es ist jene Wut, die Besucher seiner mit Ausrufezeichen gespickten Facebook-Seite nur allzu gut kennen.

Die Dialoge klingen so cool wie deutsche Versionen von Frank-Sinatra-Hits und die Bilder sind so hollywoodreif wie Susan Stahnke einst zu sein glaubte. Das große Vorbild bei all dem ist die „Taken“-Reihe mit Liam Neeson als rachsüchtigem Familienvater. Und es ist eine hübsche Pointe, dass RTL ausgerechnet den dritten Teil dieser Reihe zur selben Sendezeit am Sonntag zeigt. In der ARD ist bloß das Imitat zu sehen.

Reporter Wolfgang M. Schmitt hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: Eine einzige Blamage – nicht nur für Til Schweiger, sondern auch für die ARD.

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