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Tatort Vorstadt – Ulrike Folkerts als Handlungsreisende

Am Ende einer Woche, die mit dem Attentat in Las Vegas begann, lotet das Mannheimer Nationaltheater mit „Für immer schön“ den amerikanischen Traum aus. Burkhard C. Kosminski inszeniert den Stoff von US-Autor Noah Haidle als bitteren Abgesang auf Glücksversprechen.

Ulrike Folkerts
Ulrike Folkerts als Cookie Close in Mannheim auf der Bühne.
Foto: Uwe Anspach – dpa

Mannheim (dpa). Die Frau ist verloren – das ist in Noah Haidles bitterem Sozialdrama „Für immer schön“ sofort klar. Mit strähnigem Haar und schmutzigem Sakko liegt Kosmetikvertreterin Cookie Close im Straßengraben, irgendwo im Mittelwesten der USA.

Vom Tellerwäscher zum Millionär: Diese Karriere wird sie an diesem Abend im Mannheimer Nationaltheater nicht erreichen. Der Intendant Burkhard C. Kosminski inszeniert Haidles Stoff als kompromisslose Abrechnung mit dem amerikanischen Traum. Als die in die Jahre gekommene Schönheitsberaterin Cookie überzeugt „Tatort“-Schauspielerin Ulrike Folkerts.

„Als ich das Stück gelesen habe, dachte ich: Wow, cool, ich bin sofort dabei“, erzählt Folkerts. Eigentlich spielt die 56-Jährige selten Theater. Angenommen habe sie das Engagement in Mannheim im Grunde wegen des Intendanten, der im nächsten Jahr nach Stuttgart wechselt. „Es braucht Leute wie Kosminski, der die Fantasie hat, mich so zu besetzen“, sagt Folkerts. Wer sich aber auf Parallelen zu ihrer TV-Rolle freue, sei im Nationaltheater völlig falsch, betont Folkerts. „Solche Erwartungen sollte man gleich an der Kasse abgeben. Wir spielen hier keinen „Tatort“, sondern ein Theaterstück.“

In der Geschichte zieht Cookie mit dem Rollkoffer von Haus zu Haus. Die Kosmetikvertreterin reibt sich auf, bis sie am Ende blind und ihre Tochter tot ist. Wie die Hauptfigur Willy Loman in Arthur Millers Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) betrügt sie sich selbst. „Die Frau geht wortwörtlich über Leichen. Das ganze Stück ist ein irrsinniger Trip“, sagt Folkerts. Ihr blaues Kostüm und das sektenhafte Auftreten ihrer Kolleginnen ist ein deutliches Zitat des Aufstiegs des US-Kosmetikkonzerns Mary Kay in den 1960er Jahren.

Doch man muss nicht lange suchen, um Parallelen zu erkennen zum heutigen Amerika unter Präsident Donald Trump und zum jüngsten Massaker in Las Vegas. Immer wieder sind Gewehre auf der Bühne, und einmal seufzt Cookie: „Dann ist also Schluss mit Schusswaffen?“ Aber auf Tagespolitik will Haidle sein Stück nicht verkürzt wissen.

Der Dramatiker aus Grand Rapids, Michigan, siedelt „Für immer schön“ in der Vorstadt an. Die Klischees vom Fliegengitter an der Tür und Barbecue-Grill auf der Veranda schimmern durch. Der amerikanische Traum als Glücksversprechen – aber die vermeintlich heile Welt der Vorstädte ist von Rissen durchzogen. Cookie wird um ihr Glück betrogen und kann dafür doch nur sich selbst verantwortlich machen.

Schonungslos nimmt Folkerts den Zuschauer mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Das minimalistische Bühnenbild, das den konturstarken Gemälden des US-Künstlers Edward Hopper ähnelt, steht dabei im Kontrast zum manchmal etwas grell geratenen Handlungsstrang.

Cookie, eine von fragwürdigen Idealen getriebene Frau, holt sich am Ende wortwörtlich eine blutige Nase. Ihre Klinkenputzerei betrachtet sie als Gottesdienst, denn Gott, sagt Cookie, hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Auf die Schuhsohlen hat ihre Mutter ihr einst den Bibelvers geschrieben: „Alles hat seine Zeit.“ Alles hat Cookie verloren – außer den Glauben an sich selbst.

„Zerfließ nicht in Selbstmitleid – niemand wischt dich auf“, sagt Folkerts mehrfach mit ihrer markanten heiseren Stimme. Das Schlachtfeld Straße verlässt Cookie nach rund 100 Minuten mit Würde und erhobenem Haupt als unbesiegbare Verliererin. Das Premierenpublikum belohnt die Inszenierung mit viel Applaus.

„Für immer schön“ ist Haidles sechstes Stück, das bisher nur in Deutschland gezeigt wird. Es ist von November an auch im Münchner Residenztheater zu sehen, mit Juliane Köhler als Cookie.

Nationaltheater

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