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Rheinland-Pfalz

Mobilfunk „klaut“ Kulturszene die Frequenzen

Kabellose Mikrofone und Funksender sind so gut wie überall dort im Einsatz, wo Menschen zum Publikum sprechen oder für ihre Fans musizieren – also bei Konzerten, Festivals, Kongressen und in Theatern. Doch bald werden fast alle diese Funkmikros nutzlos: Handys senden dann auf den Frequenzen...

Mobilfunk „klaut“ Kulturszene die Frequenzen
Erlebt das gute, alte Kabel-Mikro eine erzwungene Renaissance? Wenn demnächst verschiedene Mobilfunkanbieter auf genau den Frequenzen senden, auf denen jetzt Veranstaltungstechniker mit ihren Funkmikros arbeiten, könnte es sein, dass die alte Technik wieder gefragt ist – zumindest übergangsweise.
Foto: Jens Weber

Von unserem Redakteur Tim Kosmetschke

Rheinland-Pfalz – Kabellose Mikrofone und Funksender sind so gut wie überall dort im Einsatz, wo Menschen zum Publikum sprechen oder für ihre Fans musizieren – also bei Konzerten, Festivals, Kongressen und in Theatern. Doch bald werden fast alle diese Funkmikros nutzlos: Handys senden dann auf den Frequenzen, die bislang der Veranstaltungstechnik vorbehalten waren. Schon jetzt wird manchem Theater und Kulturklub schwindlig angesichts der möglicherweise drohenden Investitionen.

Die Zeiten, in denen Schlagersänger das Kabel ihres Mikrofons in großen runden Schleifen um ihre Hand legten, vielleicht romantisch gen Scheinwerfer blickten und dabei mit einer lässigen, beiläufigen Bewegung das Kabel hinter sich ordneten, sind lange vorbei. Im Veranstaltungsgewerbe sind Mikros schon lange drahtlos, auch Gitarren und sonstige Instrumente transportieren den Wohlklang per Funk zum Mischpult und damit zu den Fans.

Doch bald könnten Mikros mit Kabel eine ungewollte Renaissance erleben: Weil die Frequenzen, auf denen derzeit bei so gut wie allen öffentlichen Veranstaltungen vom Konzert über die Theateraufführung bis zum Expertenkongress die Mikros funken, bei einer Versteigerung im Frühjahr an diverse Mobilfunkanbieter neu vergeben wurden, werden die bisherigen Funkstrecken der Veranstaltungstechnik wertlos. Auf diesen Frequenzen wird demnächst das mobile Internet ausgebaut, vor allem für den ländlichen Raum.

Theater: 50 000 Euro Kosten

Allen Nutzern der Funktechnik bleibt dann aber wohl nichts anderes übrig, als neue Mikros, Sender und Empfänger anzuschaffen. Eine Maßnahme, die Michael Stein vom Theater Koblenz den Schweiß auf die Stirn treibt: „Wir können unsere gesamte Funkanlage in die Tonne kloppen“, findet der Verwaltungsleiter harte Worte. Erst 2003 wurde sie angeschafft, immer wieder kamen Funkmikros hinzu – „weil sie auch immer öfter eingesetzt werden, im Musical sowieso, häufig aber auch im Schauspiel oder bei Moderationen.“ Michael Stein findet es ärgerlich, dass die Geräte bald nicht mehr eingesetzt werden können: „Das ist ja voll funktionsfähiges Material.“

Nun macht er sich Sorgen für den Fall, dass die Lizenzen „Knall auf Fall“ neu verwendet werden – und weiß selbst nicht so recht, wie sein Haus eine neue Anlage bezahlen soll: „Unser Beschaffungsetat beträgt jährlich 10 000 Euro. Deshalb sind wir sowieso schon zum Beispiel auf unseren Freundeskreis angewiesen, wenn wir etwas Neues brauchen. Wie wir aber jetzt die geschätzten 50 000 Euro für eine neue Funkanlage aufbringen sollen, weiß ich nicht.“ Ohne Unterstützung, so Stein, sei das schlichtweg unmöglich.

Mainz erneuert sowieso

Auch am Mainzer Staatstheater ist das Problem bekannt. „Das betrifft ja alle, die mit Bühnentechnik zu tun haben, also auch uns“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer Volker Bierwirth. „Aber das passiert ja nicht von heute auf morgen.“ Die Übergangszeit will das Staatstheater nutzen, um die Funktechnik im Haus auf den neuesten Stand zu bringen. „Alle Maschinen und technischen Anlagen bedürfen einer regelmäßigen Erneuerung, und wir denken da in Mehr-Jahres-Zeiträumen und in Mehr-Jahres-Investitionen.“ Also: Das Theater hätte die Technik eh in den kommenden Jahren erneuern müssen, zieht jetzt die Maßnahme vielleicht vor, um gerüstet zu sein. „Was das kosten wird, kann ich noch nicht genau sagen.“

„Das heißt im Grunde, dass wir sämtliche alte Funkstrecken wegwerfen können“, bestätigt auch Lars Brennecke, Geschäftsführer der Koblenzer Veranstaltungstechnik-Firma „Action Light Veranstaltungstechnik“, deren Anlagen bei Open-Air-Festivals, Konzerten, Messeauftritten, Kongressen und Sportveranstaltungen im Einsatz sind. „Der Hersteller Sennheiser hat jetzt eine Alternative vorgestellt, Geräte aus der letzten Serie von Sennheiser können umgerüstet werden, ansonsten muss man neue kaufen“, erklärt der Meister für Veranstaltungstechnik.

Das Aufrüsten wird ungefähr 300 Euro pro Funkstrecke kosten, also pro Einheit aus Sender (zum Beispiel am Mikro oder an der Gitarre) und Empfänger. „Wenn man neu kauft, muss man dann überlegen, welche Ausführung man sich anschafft. Die Profiserie kann bis zu 6000 Euro pro Funkstrecke kosten.“

Gibt es eine Schonfrist?

Zwar spricht Brennecke von einer „Schonfrist“ bis 2015 – bis dahin sollen die neuen Mobilfunkfrequenzen komplett im Einsatz sein. Doch schon jetzt kann es passieren, dass die alte Technik nicht mehr funktioniert: „Dazu kann es schon reichen, dass ein Sendemast in der Nähe ist. Und Nähe kann 50 bis 100 Kilometer bedeuten.“

Seine Firma erneuert die Technik zwar sowieso regelmäßig, doch bislang konnte das alte Material zumindest weiterverkauft werden. „Die Sachen sind ja nicht schlecht, nur weil wir sie aussortieren. Und so konnten sie zumindest für den Privatgebrauch noch verwendet werden. Das fällt jetzt natürlich weg.“

Auch Christian Klotz von „Zeusaudio“ stellt sich darauf ein, seine Technik komplett zu erneuern – schneller als ursprünglich gedacht. „Eigentlich sollte es ja bis 2015 weitergehen, davon sind wir bislang ausgegangen. Aber jetzt wird es schon bald ernst“, sagt der Koblenzer Veranstaltungstechniker, der mit seiner Firma bei Konzerten und Festivals im Einsatz ist.

Klotz rechnet mit Investitionen zwischen 10 000 und 40 000 Euro, je nachdem, wie viele seiner rund 25 Funkstrecken er neu kaufen muss oder umrüsten kann. Verleiher wie er werden dann ins sogenannte C-Band wechseln und dort Frequenzen beantragen und nutzen können – natürlich gegen Gebühr.

Einzelne Künstler aber können das nicht. Veranstaltungshäuser stehen somit laut Klotz vor ganz neuen Problemen: „Nimmt man zum Beispiel das Café Hahn in Koblenz und denkt dort an Shows wie das Weihnachtsvarieté: Da ist bislang jeder der Künstler mit seiner eigenen Funkstrecke aufgetreten. Wenn jetzt das Haus ins C-Band umsteigt, sind diese Sender der Künstler nicht mehr zu verwenden. Das Haus muss dann also für die komplette Technik sorgen.“

Unterstützung für alle Betroffenen könnte aus Mainz kommen. Zumindest steht die Mainzer Staatskanzlei in Verhandlungen mit dem Bund, um eine Entschädigung für Nutzer der bald nutzlosen Funktechnik zu erstreiten. Grundlage ist eine Erklärung der Bundesregierung, die vor der Versteigerung der Lizenzen zu Protokoll gegeben hat, bei Störungsfällen für eine Entschädigung zu sorgen. Nun ist es eben eine Sache der aktuellen Verhandlungen, wie diese Entschädigung aussehen kann. Es laufen Gespräche. Die rheinland-pfälzische Staatskanzlei vertritt eine Gruppe von Ländern, auf der Seite des Bundes sitzen Wirtschafts- und Finanzministerium. Ausgang: ungewiss.

Aus Kreisen der Staatskanzlei heißt es jedoch, dass es zu irgendeiner Form der Entschädigung kommen wird. Komplette Anschaffungskosten wird der Bund allerdings kaum tragen können: „Wenn Sie ein zehn Jahre altes Auto ersetzen müssen, erhalten Sie ja auch nur den Zeitwert“, verdeutlicht ein Mitglied der Verhandlungsgruppe. Vorbild für ein solches Entschädigungsverfahren könnte die Abwrackprämie sein. Betroffene müssten ihren Bedarf glaubhaft bei einer Bundesbehörde darlegen und würden dann eine Summe ersetzt bekommen.

Experten schätzen den Bedarf bundesweit auf irgendwas zwischen 500 und 800 Millionen Euro. Beim Versteigerungserlösung von 4,5 Milliarden Euro für die Lizenzen sollte das für eine Entschädigung reichen.

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