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Interview mit Mario Adorf: „Man kann nur Danke sagen“

Mario Adorf könnte als Mittsechziger durchgehen: Jeans, Pulli locker über das blau-weiß gestreifte Hemd geschlungen, schlohweiße Haare, wacher Blick unter buschigen Augenbrauen. Seinen ersten Film hat er vor über 60 Jahren gedreht, im Herbst geht er mit seinem neuen Buch auf Tournee. Darin schildert er, illustriert mit eigenen Zeichnungen, lustige und besinnliche Begebenheiten aus seinem langen Schauspielerleben. Am 8. September wird Mario Adorf 85 Jahre alt. „Ich will die Leute unterhalten, das ist mein Beruf“, sagte er im Interview der dpa.

Mario Adorf als kleiner Bub. Repro Peter Seydel
Mario Adorf als kleiner Bub. Repro Peter Seydel

Was ist wichtiger, um erfolgreich zu sein – Talent oder Fleiß?

Glück. Ich würde sagen, es ist sehr viel Glück dabei. Talent ist sicher Voraussetzung. Und bei mir war es sicher eine sehr frühe kindliche und eine bleibende Spielfreude, mein italienisches Erbteil. Die Freude am Spiel soll man sich bewahren. Fleiß ist da nötig, wo etwas gelernt werden will. Es kann nicht alles aus der schieren Freude kommen, das merkt man sehr schnell, wenn man ans Theater
kommt.

Waren Sie ein fleißiger Student?

Die Schauspielschule habe ich manchmal geschwänzt, denn ich hatte ja schon viel Wissen vom Studium vorher. In Theorie hatte ich da einen Vorteil. Stattdessen bin ich ins Theater gegangen, in die Kammerspiele. Da lernt man Bewundern, auch Demut und Bescheidenheit. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich fünf Minuten vor Beginn der Probe ins Theater ging, nur um einem bewunderten Schauspieler die Tür aufzuhalten.

Gefallen Sie sich als Schauspieler heute besser als zu Ihren
Anfangszeiten?

Wenn ich alte Sachen sehe, finde ich manches nicht so ganz toll, anderes wiederum erstaunlich, wo ich sage „ach, dass du das damals so gespielt hast“. Es gibt natürlich im Lauf der Jahre Erfahrung, Sicherheit und Gelassenheit. Aber grundsätzlich würde ich wahrscheinlich alles wieder genauso machen. Ich werde oft gefragt, ob ich weise bin – ich weiß überhaupt nicht, was das ist. Ich kann bei
mir keine große Veränderung entdecken. Ich habe vermieden, mich zu wiederholen, Rollen genauso zu spielen, wie ich sie schon mal gespielt habe, mich auf meine Wirkung zu verlassen.

In der Volksschule drückte er die Schulbank. Repro Peter Seydel
In der Volksschule drückte er die Schulbank. Repro Peter Seydel

Was ist Ihre Lieblingsrolle?

Da fallen mir einige ein, auch kleine, die man gar nicht mehr kennt. Ich habe aber doch letzten Endes immer gerne die komischen, schrägen Rollen gespielt. Alles, was ich gespielt habe, musste ich mal gesehen haben. Das gilt auch für den berühmten Generaldirektor Heinrich Haffenloher (in „Kir Royal“ von Helmut Dietl).

Als Schurke überzeugen und begeistern Sie die Menschen. Wie
machen Sie das?

Es kommt alles aus der Beobachtung. Ich habe auch echte Mafiosi kennengelernt. Das sind sehr beunruhigende Leute.

Wie haben Sie die kennengelernt?

Bei einem Besuch beim italienischen Teil meiner Familie in Kalabrien. Meine Stiefschwestern hatten eine Obstplantage. Die konnten ihre Mandarinen und Apfelsinen nicht auf den Markt bringen, sondern nur an die Mafia verkaufen, für einen erheblich geringeren Preis. Das war zwar ein festes, garantiertes Geschäft, aber ein Verlustgeschäft. Da kam so ein Mafioso zu Besuch und forderte ein
Hochzeitsgeschenk für seine Tochter ein. Er war ein hochgefährlicher Mann, der ganz schlimme Sachen gemacht hat und später im Gefängnis saß, im Kolleg, wie man dort sagt. Meine Schwestern waren beunruhigt, als er meinen alten Jaguar bewunderte, den ich damals fuhr.

Mario Adorf und der "Mayener Jung". Foto: Peter Seydel
Mario Adorf und der "Mayener Jung".
Foto: Peter Seydel

Von dem haben Sie gelernt, wie die sind?

Ja, wie die sprechen. Mit einer großen Sicherheit, mit einer gefährlichen, blumigen Art sich auszudrücken. Aufgefallen ist er mir durch die Stimme und die Art zu sprechen. Und das hat mir sehr
geholfen im Spiel dieser Typen. Es sind natürlich auch die Blicke, die Haltung, diese Undurchsichtigkeit – sehr verhalten und letztlich gefährlich.

Der Titel Ihres Buchs ist „Schauen sie mal böse“ – dazu hat
Sie 1957 der Regisseur Robert Siodmak aufgefordert und es Ihnen auch
vorgemacht. Kann man das böse Schauen lernen?

Ich konnte es ja gar nicht, aber bei der Darstellung des Bruno Lüdke („Nachts, wenn der Teufel kam“) hat mir mein Studium schon sehr geholfen. Ich hatte eine zeitlang Kriminologie belegt. Da
habe ich von den großen Mordfällen gehört und erfahren, wie Sexualmörder funktionieren.

In Ihrem Buch sind Zeichnungen von Ihnen – zeichnen Sie gerne?

Ich bin nicht ausgebildet. In der Schule hatte ich im Zeichnen eine Eins. Nach dem Krieg habe ich Geld damit verdient, indem ich für Leute Zeichnungen anfertigte, in denen ich zur Erinnerung ihre zerstörten Häuser nach alten Fotovorlagen wieder auferstehen ließ. Später habe ich mit dem Gedanken gespielt, Maler zu werden, habe auch Kunstgeschichte studiert, aber 1950 hatten wir keine Pinsel, keine Farben, keine Leinwand, es gab nichts. Es hat für den Maler nicht gereicht. Auch Bildhauer wäre eine Möglichkeit gewesen.

Adorf empfängt die Ehrendoktorwürde der Universität Mainz für sein Lebenswerk. Foto: Peter Seydel
Adorf empfängt die Ehrendoktorwürde der Universität Mainz für sein Lebenswerk.
Foto: Peter Seydel

War die Schauspielerei letztlich also der richtige Weg?

Es war zu jener Zeit der einfachste, direkteste Weg zum Erfolg. Es steckt viel Arbeit drin. Aber weil die Lust am Spielen da war, wurde es nicht als Arbeit empfunden. Ich habe einen Beruf, der glücklicherweise Spaß macht.

Was raten Sie Menschen, die mit 65 in Rente gehen? Die könnten
ja Ihre Kinder sein!

Ich habe Freunde, die in vollem Saft aufhören mussten und in ein Loch fielen. Wenn man einen körperlich anstrengenden Beruf hatte, ist es etwas anderes. Ich empfinde großes Glück, weitermachen zu können, ohne Pause, ohne Krise. Das war nicht allen Kollegen vergönnt. Man kann nur danke sagen.

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