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    Köln

    Grass-Grafiken: «Von Katz und Maus und mea culpa»

    Es ist eine jener «Blechtrommel»-Szenen, die sich nachhaltig einprägen: Allein in der Kirche klemmt Oskar Matzerath dem Jesuskind spaßeshalber sein Schlagwerkzeug zwischen die Ärmchen, woraufhin die Gipsfigur, oh Wunder, zu trommeln beginnt.

    'Von Katz und Maus und mea culpa'
    «Selbst mit Ratte» nannte Günter Grass 1985 sein Selbstporträt.
    Foto: Henning Kaiser - DPA

    Vergnügt gibt der lockige Gottessohn ein Potpourri von Schlagern zum Besten. Woraufhin Oskar die Verzweiflung packt: «Jesus, so haben wir nicht gewettet», krächzt das kleinwüchsige Großmaul. «Sofort gibst du mir meine Trommel wieder. Du hast dein Kreuz, das sollte dir reichen!»

    Im Werk von Günter Grass wimmelt es von Bezügen zur christlichen, vor allem katholischen Religion. Doch im Gegensatz zu seinem politischen Engagement hat dieser Aspekt in der Forschung bisher nur wenig Beachtung gefunden. An diesem Wochenende nun beschäftigte das Thema in Köln erstmals einen Kongress. Dazu wurde am Freitagabend eine Ausstellung mit grafischen Werken des Künstlers Grass eröffnet, Titel: «Von Katz und Maus und mea culpa».

    «Ich bin im katholischen Sinn gläubig gewesen bis zum 19. Lebensjahr, da fing es an abzubröckeln», hat Grass einmal gesagt. Doch erst viele Jahre später, 1974, trat der ehemalige Messdiener aus Protest gegen die Haltung der Bischöfe zum Abtreibungsparagrafen 218 aus der Kirche aus.

    «Was er beibehalten hat, ist das christliche Menschenbild», erläutert der Grass-Herausgeber und -Biograf Volker Neuhaus. «Dass der Mensch unvollkommen ist, dass der Mensch gefallen ist. Er hat vom Frühwerk bis zum Spätwerk das Dogma von der Erbsünde übernommen. Was er ablehnt, ist die Lehre von der Sündenvergebung und der Auferstehung Christi.» Es gibt also keinen Ausweg aus dem Schlamassel, und gleichwohl ist der Mensch verantwortlich für das, was er tut. Nur von dieser Grundeinstellung her könne man das politische Engagement des Dichters überhaupt verstehen, meint Tagungsleiter Anselm Weyer. Grass sei ein «Bußprediger, der einer säkularen Welt eine jüdisch-christliche Kernbotschaft» verkünde. Zentral für ihn sei dabei die Bergpredigt.

    In jedem Fall liebt Grass die biblische Bildsprache - Schuld und Sühne, Höllenfahrten und Höllengelächter und ganz besonders die Apokalypse, egal ob es nun um Atomwaffen, Waldsterben oder den Untergang der «Wilhelm Gustloff» geht. Sein autobiografisches Werk «Beim Häuten der Zwiebel», in dem er 2006 seine SS-Vergangenheit offenlegte, gleicht einer Beichte.

    Die etwa zwei Dutzend Radierungen und Zeichnungen, die noch bis zum 17. Oktober, einen Tag nach Grass' 85. Geburtstag, in Köln besichtigt werden können, wurden überwiegend von ihm selbst ausgeliehen. Zwei Zeichnungen neueren Datums (2010) sind zum ersten Mal ausgestellt: Sie zeigen den Engel der Apokalypse und die drei Gekreuzigten von Golgatha. Die Schwarz-Weiß-Bilder passen gut in die preußisch strenge Trinitatiskirche, das älteste eigens für Protestanten errichtete Gotteshaus im katholischen Köln.

    Seit Erscheinen der «Blechtrommel» ist Grass immer wieder auch Gotteslästerung vorgeworfen worden. Vorschnell, wie Neuhaus meint. So hebe seine groteske Darstellung einer gekreuzigten Ratte gerade hervor, was den Menschen vom Tier unterscheide: die Fähigkeit zum Guten wie zum Bösen - das Kreuz als Essenz des Menschlichen sozusagen. Der Germanistik-Professor Neuhaus ist nebenbei evangelischer Geistlicher im Ehrenamt und gestaltet durchaus auch mal einen Gottesdienst mit Grass-Texten. Damit ist er nicht der einzige: Vor allem die «Predigt über den Zweifel» aus «Ein weites Feld» wird von Theologen gern aufgegriffen. So findet Grass - ebenso wie Oskar - auf Umwegen doch wieder in die Kirche.

    Informationen zu Kongress und Ausstellung

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