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    Amsterdam

    Der «Entdecker des Himmels» – Harry Mulisch ist tot

    Seine Orden bewahre er in alten Schuhkartons auf, gestand Harry Mulisch einmal Reportern. Vielleicht lag es auch daran, dass ihn die Schwedische Akademie stets überging.

    Harry Mulisch
    Der 1927 in Haarlem geborene Autor war international hochgeehrt und über Jahre hinweg immer wieder als Anwärter auf den Literaturnobelpreis im Gespräch.

    Lesern und Kritikern galt der Autor von Romanen wie «Das Attentat» und «Die Entdeckung des Himmels» hingegen jahrelang als Anwärter für den Literaturnobelpreis. Sollte er den jemals bekommen, witzelte Mulisch, wäre das in Holland ein nationaler Feiertag. Nun herrscht Trauer, denn Mulisch, einer der bedeutendsten und beliebtesten Schriftsteller Europas, starb im Alter von 83 Jahren am Samstagabend in Amsterdam.

    Mulisch schrieb mit Witz und überraschte gern mit unerwarteten Wendungen, was seine anspruchsvollen Werke «verdaulicher» machte. Sein Schaffen umfasst mehr als 60 Romane, Essays, Reportagen, Dramen, Opernlibretti und Gedichtbänden. Einige Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und weltweit insgesamt rund vier Millionen Mal verkauft.    

    Sein bedeutendstes Werk ist «Die Entdeckung des Himmels». Die fantasievolle Gesellschaftschronik wurde 1992 ein internationaler Bestseller. Vor drei Jahren wählten Leser das Buch bei einer repräsentativen Umfrage zum besten niederländischen Roman aller Zeiten. Es geht darin um nichts geringeres als Gott und die Menschen. Weil die sich kaum noch um die Zehn Gebote scheren, schickt der verärgerte Chef des Großkonzerns Himmel seine Engel aus, die auf der Erde Verwirrung stiften. Immer wieder schimmern in dem Jahrhundertroman autobiografische Züge durch - etwa die Verstrickung von Niederländern in die Judenverfolgung.

    «Krieg! Herr Mulisch! Es ist Krieg! Die Deutschen sind da!» - mit diesem Aufschrei seiner Erzieherin Frieda wurden für den damals Zwölfjährigen in seiner Geburtsstadt Haarlem der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus plötzlich zur greifbaren Realität. Die Erinnerung daran sollte Mulisch nie mehr loslassen: «Ich bin der Zweite Weltkrieg, diese Zeit steckt mir im Blut», sagte er noch Jahrzehnte später.

    Damit meinte er auch seine innere Zerrissenheit: Mulisch war Sohn einer Jüdin, deren Mutter im Konzentrationslager umkam, und eines Vaters, der mit den Nazis kollaborierte. Der Offizier und Bankier war nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Sudetenland in die Niederlande ausgewandert. Unter den Nazis saß er dort in der Chefetage einer Bank, die beschlagnahmtes Eigentum von Juden «arisierte». Dank dieser Position konnte Karl Mulisch allerdings den Sohn und dessen aus Belgien stammende jüdische Mutter Alice Schwarz, von der er sich 1936 hatte scheiden lassen, vor der Deportation bewahren.

    Das Gute und das Böse, die Verflechtung zwischen beidem, Schuld und Sühne - in diesem Spannungsfeld hat Mulisch Werke mit einem präzisen Sprachstil geschaffen, der an Thomas Mann denken lässt. Nicht selten mit einer Portion Okkultismus, zu der ihn wohl neben seinem Interesse an den Wissenschaften ein weiteres Vorbild inspirierte: Edgar Allan Poe.

    Am liebsten wäre er Forscher geworden, etwa Molekularbiologe, bekannte Mulisch, als ihm 2007 die Ehrendoktorwürde der Universität Amsterdam verliehen wurde. Doch stärker zog es ihn zur Schriftstellerei. Dafür ließ er sogar seine Schulbildung schleifen. Ohne Abschluss verließ er 1945 das Christliche Gymnasium in Haarlem; seine umfangreiche spätere Bildung erwarb er als Autoditakt.    

    Mit 19 konnte er eine Kurzgeschichte im angesehenen Wochenmagazin «Elsevier» veröffentlichen. 1951 erschien sein Debütroman «Archibald Strohhalm». Rasch galt Mulisch als einer der bedeutendsten Autoren seiner Heimat. «In den Niederlanden bin ich weltberühmt», sagte er sarkastisch. Der internationale Durchbruch kam 1983 mit «Das Attentat». Der Roman über Widerstand gegen die Nazi-Besatzer wurde 1986 verfilmt, der Streifen gewann einen Oscar. Auch «Die Entdeckung des Himmels» wurde ein Kino-Erfolg.    

    Das Ausland entdeckte nun auch Mulischs in Holland schon hochgelobte Werke. Dazu gehörte der Roman «Das steinerne Brautbett» über die Zerstörung Dresdens von 1959, der 1995 auf Deutsch erschien. Als Mulisch 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, ging Günter Grass in der Laudatio auf den Dresden-Roman und würdigte den Beitrag des Autors für die Versöhnung zwischen Niederländern und Deutschen. Mulisch habe «das verminte Gelände zweier Nachbargärten präzise kartographiert und neu vermessen».

    Ein Jahr zuvor war Mulischs fantastisch-grotesker Hitler-Krimi «Siegfried. Eine schwarze Idylle» erschienen. Vor allem habe ihn eine Frage interessiert, sagte Mulisch seinerzeit der «Süddeutschen Zeitung»: «Wie hat es der Österreicher Hitler geschafft, ein Kulturvolk wie die Deutschen ... zu Antisemiten zu machen?» Eine schlüssige Antwort gelang ihm mit diesem, seinem letzten Roman nicht mehr.

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