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Hannover

Bürgerschreck und Visionär: Erinnerung an Kurt Schwitters

dpa

Kurt Schwitters kam schon in den 1920er Jahren auf die revolutionäre Idee, aus Müll Kunst zu schaffen. Sein spöttisch-romantisches Gedicht «An Anna Blume» wurde weltberühmt, sein Merzbau – eine grottenartige, begehbare Skulptur – gilt als erste Installation überhaupt.

Kurt Schwitters
Der Nachbau des Merzbaus von Kurt Schwitters im Sprengel Museum in Hannover.
Foto: Peter Steffen – DPA

Kurt Schwitters
Der Entwurf einer Pralinenschachtel.
Foto: Peter Steffen – DPA

Der gebürtige Hannoveraner, dessen Geburtstag sich am 20. Juni zum 125. Mal jährt, zählt zu den bedeutendsten internationalen Avantgarde-Künstlern. Das breite Publikum kann mit seinem Namen allerdings wenig anfangen, vielleicht weil sein Werk sperriger und widersprüchlicher ist als etwa die farbenfrohen Bilder von Expressionisten wie Franz Marc oder August Macke.

Kurt Schwitters
Handschriften von Kurt Schwitters.
Foto: Peter Steffen – DPA

«Er ist der Künstler für Kenner, für Liebhaber und vor allem für Künstler», sagt Isabel Schulz, Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum Hannover. Hier wird der Nachlass des Malers, Zeichners, Werbegrafikers, Literaten und Vortragskünstlers erforscht. Das mehr als 3600 Gemälde, Skulpturen, Collagen und Zeichnungen umfassende Werkverzeichnis wurde 2006 fertiggestellt. Das neue Mammut-Projekt ist eine neunbändige Edition des schriftlichen Nachlasses: Wenn die 11 000 Blätter ausgewertet sind, werden sie weitere Facetten von Schwitters ans Tageslicht bringen.

Kurt Schwitters
«Merzbild 20 A – Bild mit Drehrad» (l) und «Merzbild Einunddreissig» von Kurt Schwitters im Sprengel Museum in Hannover.
Foto: Peter Steffen – DPA

Im Jubiläumsjahr gibt es keine große Ausstellung, dafür plant das Sprengel Museum mit der Tate Britain derzeit die Schau «Kurt Schwitters in England». Sie wird Anfang kommenden Jahres in London und vom 2. Juni bis zum 25. August 2013 in Hannover präsentiert. Hier war im Herbst unter dem Titel «Anna Blume und ich» schon Schwitters als Zeichner mit hintergründigem Humor zu entdecken. Seine gegenständlichen Arbeiten – immerhin etwa die Hälfte des künstlerischen Nachlasses – sind lange ignoriert worden.

Im Bozar Palast der Schönen Künste in Brüssel waren vor kurzem in einer Per-Kirkeby-Retrospektive auch 15 Landschaftsbilder von Schwitters zu sehen. Der Däne Kirkeby ist Schwitters-Fan und hält ihn für einen der verkanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Auch der in Paris lebende Schweizer Thomas Hirschhorn zählt Schwitters neben Joseph Beuys und Andy Warhol zu seinen Vorbildern. Das betonte Hirschhorn im November, als er den Kurt-Schwitters-Preis 2011 der Niedersächsischen Sparkassenstiftung in Empfang nahm.

«Er ist der Großvater der zeitgenössischen Kunst», sagt die Schwitters-Biografin Gwendolen Webster, die vor zwei Jahren die Kurt Schwitters Society gegründet hat. «Schwitters überrascht uns noch heute, er irritiert immer.» An seiner «Sonate in Urlauten» oder «Ursonate» scheiden sich die Geister – auf dem Videoportal «YouTube» gibt es ausgelöst durch eine eingestellte angebliche Originalaufnahme von 1931 lebhafte Diskussionen, ob Schwitters' absurdes Lautgedicht («Fümms bö wö tää...») nun «krass gestört» oder «schwer genial» sei.

Der Künstler selbst ahnte, dass er die Anerkennung seines Schaffens nicht mehr erleben wird. Fast trotzig schrieb er im vorletzten Heft seiner Zeitschrift «Merz» 1931: «Ich weiß, daß ich als Faktor in der Kunstentwicklung wichtig bin und in allen Zeiten wichtig bleiben werde.» Schwitters bezeichnet sich in dem Beitrag als ein Veilchen, das im Verborgenen blüht.

Schon in den 20er Jahren galt er auch wegen seiner Nähe zu den Dadaisten als Bürgerschreck. Die Nazis diffamierten sein Werk als «Entartete Kunst». Mehrmals stand die Gestapo vor seiner Wohnungstür. Schwitters ging zunächst ins innere Exil, 1937 schließlich folgte er seinem Sohn Ernst, der nach Norwegen geflüchtet war. Nach dem deutschen Überfall flüchteten die beiden weiter nach England und wurden dort zunächst interniert. «Kurz vor seinem internationalen Durchbruch zerstörten die Nazis sein Lebenswerk», sagt Schulz. Im Exil lebte er am Existenzminimum und schlug sich als Porträt- und Landschaftsmaler durch.

Nach langer Krankheit starb Schwitters Anfang 1948 im nordenglischen Lake District. Hier hatte er noch versucht, wieder einen Merzbau zu errichten – das raumfüllende Lebenswerk in seiner Wohnung in Hannover war bei einem Bombenangriff der Alliierten 1943 zerstört worden.

Kurt Schwitters Archiv im Sprengel Museum Hannover

Programm zum 125. Geburtstag von Kurt Schwitters im Museum

Kurt Schwitters «Ursonate» bei YouTube

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