40.000
  • Startseite
  • » Nachrichten
  • » Magazin
  • » News & Leute
  • » "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 3
  • Aus unserem Archiv

    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche – Teil 3

    Während die anderen Material ausräumen, säubern und verstauen, stehe ich mit zwei neuen Hosengummis vor einer mit Schnee und Eis bedeckten Hindernisbahn. Ich frage mich, wer wohl das bessere Los gezogen hat. Schäfer führt mich an den Hindernissen vorbei und zeigt mir, wie ich sie überwinden soll. Hier das Bein hochgezogen, da gesprungen, hier dran runtergleiten.

    In der Grundausbildung mag es viele Gründe zum Jammern geben, das Essen gehört nicht dazu. Mehrere Menüs, Salatbüfett und Nachtisch sorgen für volle Tabletts.
    In der Grundausbildung mag es viele Gründe zum Jammern geben, das Essen gehört nicht dazu. Mehrere Menüs, Salatbüfett und Nachtisch sorgen für volle Tabletts.
    Foto: Marc Schilpp/Bun

    Alles eigentlich gar nicht so schwer bis auf die Wand, die mir so unüberwindbar wie die chinesische Mauer erscheint. „Wo ist denn hier die Damenvariante?“, frage ich voller Galgenhumor. Zum Glück ist bei der Bundeswehr aber alles auf Teamarbeit ausgelegt – deshalb darf ich Oberschenkel und Schulter meines Ausbilders dreckig machen und ihn als Trittleiter missbrauchen, um das Hindernis zu überwinden.

    Alles in Ordnung: So sieht ein aufgeräumter Spind aus.
    Alles in Ordnung: So sieht ein aufgeräumter Spind aus.
    Foto: Marc Schilpp/Bun

    Erst das Material, dann das Personal

    Mit jeder Menge nassem Sand in den Schuhen mache ich mich auf den Rückweg in meine Stube. Gesicht waschen und raus aus den Klamotten – Duschen ist erst drin, wenn alles andere erledigt ist. „Erst das Material, dann das Personal“, erklärt mir Schäfer einen der Grundsätze bei der Bundeswehr. Dass es hier so viele Regeln einzuhalten gilt, daran kann ich mich nur schwer gewöhnen. Sobald ein Gebäude verlassen wird Kappe auf, drinnen muss sie wieder ausgezogen und in der rechten (!) Seitentasche der Hose verstaut werden.

    Stramm gestanden, Augen geradeaus. In Reih und Glied warten die Rekruten auf die Befehle ihres Ausbilders.
    Stramm gestanden, Augen geradeaus. In Reih und Glied warten die Rekruten auf die Befehle ihres Ausbilders.

    So lange der Dienst andauert, dürfen nur Sachen sichtbar am Körper getragen werden, die die Soldaten dienstlich geliefert bekommen haben. Eigene Dinge, und sei es nur eine unscheinbare schwarze Wollmütze aus einem Militärbedarfsladen, sind unerwünscht. Wer mit ihnen erwischt wird, bekommt Ärger. Und die Vorgesetzten sehen wirklich alles. Mit meinen eigenen schwarzen Stiefeln, die ich mir anziehe, während meine Boots vor sich hintrocknen, komme ich keinen Gang weit.

    „Ist das dein Ernst mit den Schuhen? Ja, ich mein dich, Karla Kolumna!“, brüllt mir einer der Vorgesetzten entgegen. Ich mache mich aus dem Staub und muss über den Spitznamen lächeln. Aber der Feind lauert eben überall – heißt: falsche Anrede, falsches Handzeichen beim Gruß, falsche Tür, falscher Zeitpunkt, falsche Frage.

    Man sagt ja immer: Es gibt keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Nicht bei der Bundeswehr – hier gibt es sie zuhauf, diese dummen Fragen. Das lassen einige Ausbilder zumindest bei ihren Antworten durchklingen. Klappe halten, Augen geradeaus und irgendwie den Tag überstehen.

    Bis es um 16 Uhr endlich heißt: Dienstschluss. Ab unter die Dusche, die ich mir als Frau nur mit den neun weiteren weiblichen Rekruten der Kompanie teilen muss. Irgendwann liege ich endlich im Bett und habe Schmerzen, überall Schmerzen. Die Hände sind wund von Kälte und Arbeit, die Schultern ein Minenfeld von Schmerzpunkten. Die Hüften brennen, ebenso der Fußspann – aufgeschürft von den Wollsocken und den neuen Schuhen. Und die Knie – blau und rot, ebenso wie die Schulter, auf der der Baumstamm auflag.

    Ich bin kaum 24 Stunden hier und schon zu nichts mehr zu gebrauchen. Erschöpft falle ich in den Schlaf.

    „Zweite Kompanie – Aufstehen!“ schallt es am Mittwochmorgen lautstark durch den Flur. Es ist genau 5.30 Uhr und draußen noch stockdunkel. Ich krabble aus dem Hochbett und ächze. Was würde ich jetzt für ein warmes Bad und eine Massage geben. Stattdessen gibt es Gruppenduschen und ein paar eigene Händeklatscher ins Gesicht zum Wachwerden. Als ich Kajal und Wimperntusche heraushole, werde ich ungläubig angeschaut.

    „Du schminkst dich? Das interessiert doch hier keinen“, meint die Rekrutin, die neben mir am Waschbecken steht. Mich schon, denke ich und male trotzig weiter. Der Waschraum – er ist der Ort, wo frei gesprochen, gelästert, spekuliert und getratscht wird. Ich frage die Mädels, wie es denn so ist unter all den Jungs.

    „Ganz lustig“, meint die eine. Ärgerlich wäre nur, dass viele der Jungs häufiger blöde Sprüche machten: „Die meinen immer, dass wir bevorzugt werden. Dabei machen wir genau das Gleiche wie die“, erklärt mir die Kameradin. Als ich sie frage, wie es denn mit Beziehungen aussieht, muss sie grinsen.

    „Das ist hier nicht so einfach …“, beginnt sie und erklärt mir dann, dass Paare eine Belehrung erhalten, wenn ihr Zusammensein bekannt wird. Händchenhalten, Küssen, jegliche Art von Zuneigung zeigen, das ist in der Kaserne verboten. Feldwebel Schäfer erklärt mir auf meine Nachfrage, dass damit Auswirkungen auf den Dienstbetrieb verhindert werden sollen.

    So zum Beispiel Streitereien, falls mehrere Jungs an einer Rekrutin interessiert sind. Wer sich nicht zurückhält, der kann richtig Ärger bekommen. Im vergangenen Jahr soll ein Paar nach dem Zapfenstreich Sex auf der Mädchenstube gehabt haben – Resultat: zwei Disziplinarstrafen à 600 Euro. Merke: große Auswahl, wenig Ausübung. Die Bundeswehr ist als Singlebörse für Frauen wohl leider nicht so geeignet wie gedacht.

    Fehler: Rein in die Thermosocken

    Viel Zeit bleibt morgens nicht zum Fertigmachen, allerdings fällt das obligatorische „Was ziehe ich nur an?“ bei der Auswahl der Kleider auch weg. T-Shirt, Hose, Feldbluse. Wenn es kalt ist, statt des T-Shirts ein schicker beigegrüner Rollkragenpullover. Die schrecklichen grünen Kniestrümpfe lasse ich diesmal weg und greife zu meinen eigenen schwarzen, weichen Thermosocken, die gerade so über die Stiefel reichen (Natürlich wird das später bemerkt).

    Wieder kämpfe ich mit den Hosengummis. „Schlüpfrige, kleine Scheißerchen“ zetere ich noch, als ich höre, wie sich der Rest der Kameraden im Gang zum Frühstücksmarsch bereitstellt. Ich packe meine Jacke und die Mütze und geselle mich dazu. Stramm gestanden, Hände angelegt, nach rechts geschaut, neue Position eingenommen, mit den Händen hinter dem Rücken.

    Alle wissen genau, was sie hier tun, ich versuche mich in der Nachahmung. Das gleiche Spiel noch mal im Hof, wo der Unteroffizier vom Dienst Befehle für den Tag gibt. So viele Dinge, die hier schon vor dem ersten Kaffee erledigt werden – wie die Leute das schaffen, ist mir ein Rätsel.

    In einer langen Schlange geht es in die Truppenküche, in der ein Frühstück wartet, das mit so manchem Hotelbüfett gut mithalten kann. Es fehlt nur der frisch gepresste Orangensaft. Die Teller werden vollgeschaufelt, jede Menge Energie für den Tag. Obst landet bei den Jungs seltener auf dem Stramm gestanden, Augen geradeaus. In Reih und Glied warten die Rekruten auf die Befehle ihres Ausbilders.

    In der Grundausbildung mag es viele Gründe zum Jammern geben, das Essen gehört nicht dazu. Mehrere Menüs, Salatbüfett und Nachtisch sorgen für volle Tabletts. Tablett – naja, bleibt mehr für mich. Um 7.40 Uhr ist Dienstbeginn: Unterricht, Sport, praktische Übungen – jeden Tag steht etwas anderes auf dem Dienstplan. Die Gruppe, bei der ich heute eingeteilt bin, hat Trockendrill. In einer abgelegenen Halle stellen wir uns auf und üben das „Schießgestell“, die Haltung, in der nach dem neuen Ausbildungskonzept die Waffe gehalten wird. „Kackender Fuchs“ nennen es die Rekruten, wie mir einer zuflüstert, und ich muss grinsen.

    Das vergeht mir allerdings, als ich die Position mit gebeugten Knien und geradem Rücken selbst einnehme. Nach ein paar Sekunden beginnen meine von den Vortagen strapazierten Muskeln zu rebellieren und unaufhörlich zu zittern. Die anderen Rekruten nehmen die Haltung schon seit Wochen immer wieder ein, haben extra Aufbautraining dafür erhalten. Nach und nach werden die verschiedenen Positionen geübt, in denen Gewehr und Pistole gehalten werden – je nach Gefechtslage.

    Laden, Entsichern, Abfeuern, Sichern, Wegpacken, Nachladen, Magazinwechsel, Störung beheben. Immer und immer wieder, so lange, bis alle Abläufe sitzen. Wie im Flug ist der Vormittag vorüber gegangen, und mein Magen meldet sich. Es ist 11.30 Uhr – um die Uhrzeit habe ich normalerweise noch keinen Hunger. In voller Montur geht es quer über das Kasernengelände zurück, und ich nutze die Zeit, um meine Kameraden auszuquetschen.

    „Es geht darum, Handlungsabläufe so zu verinnerlichen, dass die Rekruten nicht mehr über das nachdenken, was sie tun.“ Feldwebel Schäfer

    „Warum bist du zur Bundeswehr gegangen?“, frage ich meinen gesprächigen Nachbarn in der Reihe, und er antwortet: „Weil das mein Traumberuf ist.“ Ein solches Statement hätte ich nicht erwartet. Das Schöne: Die Kameradschaft, der Zusammenhalt – das bekomme ich auch von vielen anderen im Laufe der Woche zu hören. Manche haben die Grundausbildung nur begonnen, um die Wartezeit auf einen Studien- oder Ausbildungsplatz zu überbrücken, andere aus Faszination an dem Umgang mit Waffen, wieder andere, weil sie etwas Gutes tun wollen.

    Einer sagt: „Ich wollte Disziplin lernen, raus aus der Familie und Verantwortung übernehmen.“ Diszipliniert, wie die Rekruten alle sind, verstauen sie ihre Sachen vor dem Mittagessen schön an den angeordneten Stellen in ihren Stuben.

    Manche Rekruten haben es nicht lange ausgehalten

     

    Ich gehe den Gang entlang und blicke auf die Zettel an den Türen. Schwarz auf weiß stehen dort die Namen der Rekruten, die sich eine Stube teilen. Immer wieder sind Namen mit Kugelschreiber mehrfach durchgestrichen – einige haben die Kompanie seit dem 1. Januar schon freiwillig verlassen. Insgesamt 15 von 129 sind es, die den Dienst vorzeitig quittiert haben. Manche aus familiären Gründen oder weil sie einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Aber es gibt natürlich auch die, denen es zu hart war.

    „Zu frühes Aufstehen“, wird dann zum Beispiel als Grund beim Abschiedsgespräch genannt. Ein Mädchen habe schon nach wenigen Stunden das Handtuch geworfen, erzählt mir eine Rekrutin. „Die hat sich einkleiden lassen, kommt in die Stube, schaut sich um und meint, dass es ihr hier zu dreckig wäre. Total bescheuert!“, meint die junge Frau voller Unverständnis.

    Nach dem Mittagessen wird wieder geschossen. Diesmal im Simulator. Auf dem Weg zum Gebäude stößt Feldwebel Schäfer zu unserer Gruppe und sorgt erst mal für Ordnung. „Schließen Sie gefälligst Ihre Jackentaschen!“, fordert er die Rekruten auf. Ausbilder Möller quittiert den Ausbruch des Kameraden mit Humor:

    „Gut, dass dir das aufgefallen ist, bevor wir losgegangen sind, sonst hätte sich der Wind beim Laufen in den Taschen verfangen und uns langsamer gemacht.“

    "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 2"AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 1 "AAACHTUNG!!!" Rekrutin für eine Woche - Teil 4Rucksack erzählt vom Schicksal eines SoldatenUnterm Strich: Der Weg zur Bundeswehr
    Magazin
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onlinerin vom Dienst
    Regina Theunissen
    0261/892267 oder 0170/6322020
    Kontakt per Mail
    Fragen zum Abo: 0261/98362000

     

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Montag

    10°C - 14°C
    Dienstag

    13°C - 16°C
    Mittwoch

    12°C - 20°C
    Donnerstag

    12°C - 19°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!