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Mit DJ The Czap hinter den Kulissen der Nature One: Das Gefühl, am Leben zu sein

Melanie Schröder

Für Momente ist er der einsamste DJ der Welt. Die riesige Halle zu seinen Füßen: menschenleer. Er selbst: ein Mann, der hinter einem Mischpult verschwindet. Drumherum massige Musikboxen wie einbetoniert. „Er spielt für den heißen Asphalt“, schreit ein Kollege rüber. Doch das ist Artur Czabainka gerade so egal. Denn jetzt ist er The Czap. Und jetzt spielt er auf seiner bisher größten Bühne.

Vor 15 Jahren gab er sein Debüt auf der Nature One, nachdem er einen Talentwettbewerb der Rhein-Zeitung gewonnen hatte. Aus dem Bunker hat er sich rausgespielt, jetzt legt der Koblenzer The Czap auf der großen Bühne auf.
Vor 15 Jahren gab er sein Debüt auf der Nature One, nachdem er einen Talentwettbewerb der Rhein-Zeitung gewonnen hatte. Aus dem Bunker hat er sich rausgespielt, jetzt legt der Koblenzer The Czap auf der großen Bühne auf.
Foto: Andreas Jöckel

Er senkt den Blick aufs Pult, regelt und schraubt, stößt den Arm in die Luft und pumpt ihn mit dem Beat in die Höhe. Keiner antwortet. Noch. Erst in ein paar Minuten öffnen sich die Tore der Nature One. Erst dann kommen die Leute und werden wie er eins mit der Musik im Century Circus. The Czap – sein Künstlername – ist einer dieser Menschen, die die Nature One für Zehntausende Fans elektronischer Musik zum Herzensanliegen und Pilgerort machen. Er ist einer der rund 350 DJs, die die Raketenbasis Pydna am Wochenende berauscht, entfesselt, aber auch geerdet haben.

Endlich bei sich ankommen

„Endlich normale Menschen hier“, „Endlich sein, wer man ist“, „Endlich zu Hause“ steht auf Pappschildern, die Besucher herumtragen. Auch The Czap fühlt so: Inmitten wummernder Sounds, die von etlichen Bühnen und aus Bunkern ballern, kommt er hier bei sich an.

Von Montag bis Freitag ist er Artur Czabainka, 38 Jahre alt, Meister in einem mittelständischen Unternehmen, Mentor für die Azubis. Und dann beginnt sein zweites, vielleicht sein echteres Leben: Von Freitagabend bis Montagmorgen ist er The Czap. Keine Szenelegende wie Techno-Urvater Sven Väth und auch kein erfolgreicher Jungspund einer neuen Generation. The Czap ist ein DJ aus der zweiten Reihe. Bescheiden, leidenschaftlich und vor allem für die regionale Klubkultur von Bedeutung, weil er in festen Engagements regelmäßig auflegt, dem Publikum treu und sich selbst nicht zu schade für kleinere Gigs ist.

Der DJ als nahbarer Kumpeltyp – das prägt nicht nur sein Selbstverständnis, sondern scheint Trend in der Szene – oder manchmal auch clevere Selbstvermarktung. Ein gehypter Youngster wie der 23-jährige Felix Jaehn nennt sich etwa einen Jungen von nebenan, der „schon ein bisschen zum Anfassen“ ist. Und doch nicht ohne Filter auf den Bildern bei Instagram und Co. auskommt. Czabainka verzichtet hingegen gern auf unnötige Effekte. Sich als Marke zu definieren, fällt ihm schwer. Vielleicht, weil er solche Fragen überflüssig findet. Er hat kein Profil, das er vermarkten will, er hat nur einen Antrieb, sagt er: „Die Stimmung muss kochen. Die Leute müssen Spaß haben, tanzen, glücklich, harmonisch sein. Das ist mein Job.“ Ganz schlicht.

Dass diese Mentalität angesichts des ständigen Leistungs- und Inszenierungsdrucks irgendwie oldschool ist, weiß er: „Na klar läuft heute viel über die Darstellung. Die Musik steht nicht immer im Vordergrund. Da geht es vielleicht auch mehr um den Status, DJ zu sein. Für mich heißt oldschool aber auch, professionell zu sein.“ Heißt, das Handwerk zu beherrschen.

Auch wenn das für viele der rund 54.000 Besucher wohl zweitrangig ist. Hier feiern sie, wenn Bass und Beat in den Körper gehen. Wenn einen süße Melodien einkreisen, um gleich darauf von streng stampfenden Bässen verschluckt zu werden. Dann ist für die Fans – egal, ob auf dem Open-Air-Floor, im Zelt oder Bunker – alles, was zählt, ist Musik, ist das Gefühl, am Leben zu sein.

Der DJ – nur noch ein Bediener?

Der DJ, der weiß, was er tut – das ist ohnehin nicht mehr selbstverständlich, beobachtet Czabainka und meint das nicht so anklagend, wie es klingt. Er ist kein Kulturpessimist. „Ich sage nicht, früher war alles besser. Ich sage nur, heute ist alles anders.“ Natürlich hat die digitale Zeitenwende das DJ-Dasein komplett gewandelt – „und verbessert, mehr ermöglicht“. An die Stelle von Plattenspielern sind Laptop und Controller getreten. Und jetzt ist Czabainkas Welt noch einmal kleiner geworden. Sie passt in seine Hosentasche. Auch er hat all seine Tracks auf einem USB-Stick dabei.

„Es heißt heute oft, der DJ ist nur noch Bediener, weil ihm die Technik so viel Arbeit abnimmt. Man muss nicht mehr viel Ahnung haben. Für das Angleichen der Tracks hat man früher die Platten nachgeschoben, heute drückt man einen Knopf, und alles klingt perfekt.“ Das hat viele neue Künstler auf den Markt gebracht, die musikalisch auf Sparflamme fahren, bei Show und Unterhaltung aber drauflegen – auch ein Grund, warum elektronische Musik weltweit absolut im Trend liegt. Animation mit einem Megafon – für Czabainka ein befremdlicher Gedanke. Er ist da eher der Analytiker, der versucht, Stimmungen zu erspüren – und zu erzeugen. Er sucht Blickkontakt, schiebt energische Tracks nach, wenn wenig Bewegung ist, mischt Effekte dazu, die noch mehr prasseln, noch mehr kitzeln. Vor der Bühne bleibt sein Publikum zwar klein, für einen Eröffnungs-DJ ist das aber keine große Überraschung: Viele hängen noch in den Seilen, geplättet von Nacht, geplättet von der Hitze. Das größte Lob bekommt er aber trotzdem: Eine kleine Meute tanzt, wirbelt, hüpft, lebt – wie er.

DJ aus Berufung – auch das ist Czabainka. Mit 20 Jahren fängt er an, will seinem Idol Carl Cox nacheifern. Aus Partykellern und Schützenhäusern spielt er sich raus, in erste Klubs, auf erste Festivals. 1999 dann das große Jahr: das erste Mal auf der Nature One. Die Liebe wächst. 2003 gibt er hier sogar sein Debüt, nachdem er einen Talentwettbewerb der Rhein-Zeitung gewonnen hat. Doch zum Beruf wird das Auflegen nie. „Mir fehlte die Risikofreude“, glaubt er. Die Angst, dass die Leidenschaft über den Druck immer etwas Neues zu liefern, immer oben auf zu sein, verloren geht, hält ihn zurück. Zweimal im Monat ist The Czap jetzt in Koblenz, Köln oder Frankfurt unterwegs. Es dürfte gern mehr sein, auch seine Visitenkarte gibt er mit diesem Auftritt ab. Wohl wissend, dass er all das nicht wäre ohne prominente Unterstützer. Chris Liebing ist ein Name, der häufig fällt. „Ein Vorbild, Freund und Ermöglicher.“

Vielleicht auch ein Gesicht, das vor seinem inneren Auge vorbeizieht, als The Czap die ersten Tracks ins Nichts schickt. Schließlich ist dieser Schritt ein Meilenstein, ein Anlass den eigenen Weg Revue passieren zu lassen. Und eigentlich ist dieser einsame Moment auf den zweiten Blick auch gar nicht einsam. Er ist intim. Er zeigt einen Mann innig mit der Musik, die er seinen Lebensinhalt nennt. Worte für dieses Gefühl zu finden, ist schwer. Körpersprache sagt mehr: Kopfschütteln vor Freude, vor Überwältigung. Nichts mehr rausbringen können, außer „Hammer, Hammer“. Hände, die er vor die Augen schlägt und genau dahin, wo es ihn am meisten trifft: aufs Herz.

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

Nature One 2018
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