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    Die Uni-Nesthäkchen: Mit 16 Jahren schon mitten im Studentenleben

    Schneller, immer schneller: Hochbegabtenförderung, Turbo-Abitur, das Einführen des 
Bachelor – die Zeit von Schule und Universität soll straffer werden. Doch wie fühlt man sich, wenn man Jugendlicher ist und studiert? Wir haben die Uni-Nesthäkchen besucht.

    Neele Schauer ist 17 Jahre jung und studiert Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Zahlreiche hochbegabte 
Jugendliche haben sich an den Universitäten unserer Region eingeschrieben – im ersten Semester sind sie in der Regel noch minderjährig. Das sorgt für ganz eigene Herausforderungen. Foto: Michael Defrancesco
    Neele Schauer ist 17 Jahre jung und studiert Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt. Zahlreiche hochbegabte 
Jugendliche haben sich an den Universitäten unserer Region eingeschrieben – im ersten Semester sind sie in der Regel noch minderjährig. Das sorgt für ganz eigene Herausforderungen.
    Foto: Michael Defrancesco

    Sie sind 16, 17 Jahre alt. Sie sind die „Jugend von heute“. Lassen wir mal die Klischees rattern: party- und konsumbesessen sind sie, garantiert. Hängen nur am Smartphone herum. Befinden sich noch in der Restpubertät, schlagen sich eher mit Liebeskummer als mit der Schule herum.

    Neele Schauer ist im Mai 17 geworden und gehört zu den Erstsemestern der Goethe-Universität Frankfurt. Und sie erfüllt so gar keins der eben genannten Klischees. Seit wenigen Tagen ist sie erst immatrikuliert, aber sie bewegt sich schon sehr vertraut auf dem Campus Westend. „Die ersten Vorstellungsrunden waren schon lustig“, sagt die junge Frau und lacht. „Die meisten Erstis sind 18, 19 bis 24 Jahre alt. Da bin ich mit 17 die Jüngste.“

    Stören tut sie das nicht. „Ich war immer die Jüngste, für mich war das nie ein Thema.“ Neele ist hochbegabt, hat die neunte Klasse übersprungen, mächtig Gas gegeben und ist nun als Minderjährige an der Uni gelandet, um Rechtswissenschaften und Mathematik zu studieren. Streng genommen dürfte sie hier nichts ohne ihre Eltern tun. Sie dürfte nichts unterschreiben, müsste alle Klausuren ihren Eltern vorlegen, die Professoren müssten die Erziehungsberechtigten über alles informieren. 

    Unis sind vorbereitet

    „Jedes Jahr hat die Goethe-Uni etwa 50 bis 100 Studienbewerber, die zum Semesterstart noch minderjährig sind. Dieses Jahr sind es 101 Personen“, sagt Olaf Kaltenborn, Pressesprecher der Frankfurter Universität. „Um den Einstieg in das Studium reibungslos zu gestalten, haben wir eine Satzung verabschiedet, die es den minderjährigen Studierenden möglich macht, voll handlungsfähig am Studium teilzunehmen, wenn ihre Eltern einmalig das schriftliche Einverständnis geben.“
    Darin wird geregelt, dass „die Erbringung von Studien- und Prüfungsleistungen, die Anmeldung zu Prüfungen und der Rücktritt davon, das Stellen von Nachteilsausgleichs- oder Härtefallanträgen, die Erhebung von Einsprüchen oder Widersprüchen, die Mitwirkung in der akademischen und studentischen Selbstverwaltung einschließlich der Wahrnehmung des aktiven und passiven Wahlrechts, die Nutzung der Bibliotheken, der IT-Infrastruktur und anderer öffentlichrechtlich ausgestalteter Angebote der Universität oder der Studierendenschaft“ in vollem Umfang ermöglicht wird. 

    Mathis Ventura ist gerade 18 geworden – und schon im dritten Semester an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Mit 16 machte er Abitur, war dann Gasthörer und schrieb sich mit 17 ein. Filmwissenschaft und Kunstgeschichte sind seine Fächer, den Bachelor hätte er im Alter von 20 Jahren in der Tasche. „Eigentlich wollte ich nie direkt nach der Schule studieren“, sagt der junge Mann. „Aber ich wollte keinen Leerlauf.“

    Was die Hochgeschwindigkeit ihm bringt? Mathis Ventura überlegt nicht lange: „Gar nichts“, sagt er. „Ich würde meine Kinder niemals eine Klasse überspringen lassen. Man kommt raus aus der Schule, ist minderjährig und findet mit 16 nirgends eine Anstellung. Der Arbeitsmarkt ist gar nicht auf uns vorbereitet. Wir haben keinen Führerschein, dürfen nichts unterschreiben.“ Zur Uni sah er kaum eine Alternative. „Ich hätte durchaus eine Lehre anfangen können, aber nicht in meinem Fachbereich, da hätte man die Volljährigkeit gebraucht. Auch hätte ich ins Ausland gedurft, aber nur im Rahmen eines High-School-Austauschs, da man für ,Work and Travel' volljährig sein muss, sowie für alle anderen üblichen Auslandsaktivitäten für Abiturienten.“

    Studium oft die erste und einzige Perspektive nach der Schule

     

    Neele Schauer ist selbst politisch aktiv und wird oft auf Sinn und Unsinn des Turbo-Abiturs angesprochen. „Für mich wäre es gar keine Option gewesen, eine Arbeit zu suchen. Ich liebe es gerade, mich an der Uni geistig zu beschäftigen“, sagt die junge Frau. „Ich bin eine G8-Verfechterin. Aber ich bin auch der Meinung, dass man nur dann Abitur machen sollte, wenn man wirklich studieren will.“ 

    In Mainz ist Mathis Ventura eher die Ausnahme. „An der Johannes Gutenberg-Universität waren zum Stichtag 1. Mai 2016 insgesamt nur 16 minderjährige Studierende eingeschrieben“, sagt Sprecherin Kathrin Voigt. Zum Stichtag 30. September 2016 für das Semesterende sind davon noch sechs Studierende unter 18 verblieben. Ähnlich wie in Frankfurt müssen die minderjährigen Studenten auch hier eine Generaleinwilligung der Erziehungsberechtigten vorlegen – dann ist die Uni zufrieden und verlangt keine weiteren Einzelunterschriften mehr. 

    Bei der Universität Koblenz-Landau kennt man keine U-18-Studenten, in Trier machen sie nur einen geringen Anteil aus, etwa 0,5 Prozent. Erik Schake ist einer von ihnen. Der 17-Jährige studiert Wirtschaftsinformatik und könnte mit 22 Jahren seinen Master in der Tasche haben. Und dann? „Ich weiß noch nicht, wo ich in fünf Jahren stehen werde“, sagt Erik Schake, „vielleicht reizt mich dann das Ausland doch zu sehr. Wer weiß.“ Er muss lachen: „Ich bin ja noch jung!“ 

    Schnelligkeit bringt Vor- und Nachteile

    Das Unileben besteht ja nicht nur aus Lernen und Studieren – gerade die Ersti-Feten sind legendär. „Wein und Bier darf ich ja zum Glück trinken“, sagt Erik schmunzelnd. Auch Neele Schauer muss grinsen: „Es gibt ja diese Muttizettel – mit denen komme ich auch problemlos auf die Ersti-Feten.“ Muttizettel? Die junge Studentin erklärt das Prinzip: Die Jugendlichen laden sich einen Vordruck aus dem Internet herunter. Den füllen die Erziehungsberechtigten aus und übertragen die Verantwortung für ihre minderjährige Tochter an eine erwachsene Person. Heißt im Klartext: „Meine Freundin an der Uni ist über 18, und sie trägt dann die Verantwortung für mich“, erklärt Neele und muss lachen. Überhaupt hat sie keine Probleme damit, als Nesthäkchen an der Uni zu leben und als Studentin in ihrem normalen Freundeskreis. „Ich habe Freundinnen, die müssen jetzt noch zwei Jahre in die Schule gehen. Das funktioniert bestens: Ich erzähle von meinen Professoren, und die anderen erzählen von ihren Lehrern.“ 

    Wer mit den Studienberatungen der jeweiligen Unis spricht, hört überall: „Keine Probleme.“ Die jungen Studenten scheinen ihren Alltag also bestens im Griff zu haben. Mehr als so mancher ältere Student. „Es kommen immer häufiger Eltern mit zu den Studienberatungsterminen“, sagt Peter Kuntz, Sprecher der Trierer Universität. „Das ist nicht unbedingt eine Frage des Alters, auch die 18-/19-Jährigen erscheinen in Begleitung. Es kommt auch schon mal vor, dass die Kollegen das Gefühl haben, die Eltern wollen sich an der Uni einschreiben, nicht die Kinder.“
    Für Fabian Vogel wäre dies eine absurde Vorstellung, alle Termine mit den Eltern zu besuchen. Der 16-Jährige studiert Informatik in Frankfurt, übersprang zwei Klassen und machte mit 15 Jahren sein Abitur. „Das fühlt sich ganz normal an“, sagt er bescheiden, „ich bin 1,93 Meter groß, und deshalb schätzt mich ohnehin jeder älter ein als ich bin. Und ich bin gewohnt, mit Älteren umzugehen.“ Wenn alles glatt läuft, dann hat er mit 19 Jahren den Bachelor in der Tasche. „Ich finde, dass die Hochgeschwindigkeit eine Menge Vorteile bringt“, sagt er. „Ich habe mich riesig auf die Universität gefreut. Nach dem Abitur hatte ich fast ein halbes Jahr Leerlauf, das war nichts für mich.“ Fabian muss lachen: „Als ich mich online bei der Uni anmelden wollte, war ich zu jung. Ich musste das Geburtsdatum fälschen, um mich über das Standardformular anmelden zu können.“ Wenn er fertig ist, träumt er davon, bei der Lufthansa einen Job zu bekommen.

    Neele Schauer überschlägt ihre Zukunftsaussichten, während sie an ihrer Tasse Kaffee nippt. „An der Uni wäre ich mit Jura mit 21 fertig. Dann könnte ich mit 23 Jahren Volljuristin sein.“ Weiter geht's. Mit Hochgeschwindigkeit natürlich.

    Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

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