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Die Ludolfs: Ein Phänomen zerstört sich selbst

Die Brüder vom Schrottplatz faszinieren seit Jahren: 
die Ludolfs aus dem Westerwald. Erfolgreich im Fernsehen, erfolgreich im Kino waren sie – doch in letzter Zeit bröckelt der Ruhm. Unser Redakteur Ulf Steffenfauseweh hat die Ludolfs seit Längerem begleitet.

Da war die Ludolfs-Welt noch in Ordnung: 2009 kommen die Schrottbrüder aus Dernbach mit „Dankeschön für Italien“ ins Kino. Die „Weltpremiere“ des Streifens schauen sie gemeinsam mit 1400 Fans in der großen Lagerhalle von Reifen Gundlach.  Foto: Jörg Niebergall
Da war die Ludolfs-Welt noch in Ordnung: 2009 kommen die Schrottbrüder aus Dernbach mit „Dankeschön für Italien“ ins Kino. Die „Weltpremiere“ des Streifens schauen sie gemeinsam mit 1400 Fans in der großen Lagerhalle von Reifen Gundlach.
Foto: Jörg Niebergall

Von unserem Redakteur Ulf Steffenfauseweh

Sie sind so verschroben wie erfolgreich, die Geschichte der Ludolfs ist unglaublich: Vier einfache Brüder aus Dernbach im Westerwald schreiben TV-Geschichte, werden über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Die Popularität der schrägen Vögel hält länger als die der meisten RTL-Sternchen – und ist nach 14 Jahren nun doch im Sinkflug begriffen: Statt Familienidyll herrscht Bruderkrieg. Viele Fans wenden sich mit Grausen ab.

Entdeckt werden die Ludolfs 2002, als der SWR zur 700-Jahr-Feier von Dernbach ein Ortsporträt dreht. Nach zwei Dokus und mehreren Kurzbeiträgen über ihren kuriosen Schrottplatz bekommen die Brüder ihre eigene Serie: 96 Folgen lang sind Uwe, Günter, Peter und Manni bei DMAX zu sehen, bescheren dem Spartensender zwischen 2006 und 2010 die besten Quoten seiner Geschichte. Hunderttausende schalten zur besten Sendezeit ein. "Vier Brüder auf'm Schrottplatz" läuft untertitelt im niederländischen TV und synchronisiert im russischen Discovery Channel.

Die Ludolfs und das chaotische Haufenprinzip ihres Schrottplatzes werden Kult. Als gerade die zweite Staffel ihrer Dokusoap aktuell ist, laden sie zum Tag der offenen Tür nach Dernbach ein und ahnen selbst nicht, dass daraufhin mehr als 10.000 Menschen den kleinen Ort im Kreis Neuwied praktisch überrennen. Selbst auf der nahen A 3 geht rund um die Abfahrt Dierdorf zeitweise nichts mehr. Die Fans, die sie Freunde nennen, vergöttern die Brüder förmlich. Es gibt nicht wenige, für die sie weit mehr als nur Abendunterhaltung sind.

2009 dann der nächste Höhepunkt. Die Ludolfs kommen ins Kino. Für die Premiere von "Dankeschön für Italien" räumt Reifengroßhändler Gundlach im benachbarten Dürrholz seine Lagerhalle leer. Es werden Eintrittskarten für knapp 10 Euro verkauft, was ein neuerliches Chaos verhindert. Und doch kommen 1400 Gäste – in der Mehrzahl "ganz normale Menschen", keine Freaks, keine verschrobenen Autofanatiker.

"Die Ludolfs sind echt, ehrlich – einfach wahrhaftig", analysiert damals der Stuttgarter Medienexperte Prof. Eckhard Wendling in unserer Zeitung. Und die "taz" beschreibt die vier Brüder zum Start der sechsten Staffel als "das Gegenprogramm zu Heidi Klum". Das stimmt nicht nur wegen der augenfälligen äußerlichen Unterschiede. Vor allem sind die Ludolfs nicht gekünstelt, nicht verbogen, sondern so, wie sie sind: skurril, lustig – und einfach nett. Wo ein Dieter Bohlen im Nachbarsender unbedarfte Kandidaten gnadenlos herunterputzt und vorführt, da rufen die Ludolfs jedem Einzelnen zu: "Wir haben dich lieb!" Ein Drehbuch brauchen sie dafür nicht.

Sie sind Gute-Laune-Bären, sie verkörpern eine "schöne alte Zeit". Der richtige Gebrauch von Dativ und Akkusativ ist ihnen egal. Die Schrottbrüder schämen sich nicht dafür, wie sie sind. Nichts ist peinlich. Im Kinofilm packt Peter den Plattenspieler aus, trällert schief und viel zu hoch "Funiculì, Funiculà", gibt dazu den Tanzbären. Dass er dann wenig später in seinem Stuhl trotz laufender Kamera einschläft, nimmt man ihm sogar ab.

Kurz: Die Ludolfs sind im modernen Privatfernsehprogramm lange das, was Philosophen in der Dialektik als die Antithese bezeichnen. Und philosophisch sind sie selbst – auf ihre Art jedenfalls: "Wir denken jeden Tag an Vatter und Mutter, ihr Zimmer ist so wie am ersten Tag, nur gewaschen", flötet Peter in einer Folge der Originalserie und beteuert: "Viele Menschen wünschen sich einen guten Vatter und eine gute Mutter. Das ist wichtig. Man braucht nicht reich sein. Man muss zusammenhalten. Das ist wichtiger wie alles andere. Geld kann jeder haben, mit Geld rumschmeißen, aber keine Liebe anne Kinder bringen. Das ist ganz, ganz wichtig", schwärmt er. Und an anderer Stelle erklärt er seine "Wohlfühlphilosophie": "Umso mehr ihr lacht, umso gesünder werdet ihr."

Doch zumindest bei einem der vier Brüder kommt das nicht an: bei Horst Günter, dem Schweiger, der an die Gammeltapete gelehnt die Anrufe entgegennimmt. Publizist Henryk M. Broder schrieb kürzlich in einem Artikel für die "Welt", dass der schnelle Erfolg ihn schwermütig gemacht hat. In Wahrheit sind es wohl eher Probleme mit seiner Frau. Und so treibt Günter die ungesunde Lebensweise im Männerhaushalt auf die Spitze. Dass Peter im TV Nudeln kocht, ist nämlich nur die halbe Wahrheit. "Die haben aus der örtlichen Metzgerei schon immer Berge von Fleisch geholt", erinnert sich Dernbachs Ortsbürgermeister Heinz-Rudi Becker im Gespräch mit unserer Zeitung. Bei Günter kommt hinzu: keine Bewegung, täglich literweise Kaffee und eine Zigarette nach der nächsten. In der Nacht zum 31. Januar 2011 bleibt sein Herz stehen. Es ist der Wendepunkt für die Erfolgsgeschichte der Ludolfs.

Schon rund um die Beerdigung werden Differenzen deutlich. Während Uwe und Manni keiner Kamera aus dem Weg gehen und mit allen Fans sprechen, bleibt Peter unsichtbar, kommt nicht aus dem Haus. Als er sich viele Wochen später wieder blicken lässt, ist der einstmals lustige Dicke abgemagert: 67 Kilo fehlen. Er selbst beteuert, nicht krank zu sein. Aber stimmt das?.

Hatte vor Günters Tod besonders Manni schon in zahlreichen Stefan-Raab-Shows mitgemacht – von der "Wok-WM" über die "Stock-Car-Crash Challenge" bis zum "Almkönig" – versuchen es die drei verbliebenen Brüder nun als "SEK Ludolfs" bei Sport1. Schon der Sender will einfach nicht zu ihnen passen. An die alten Erfolge können sie so nicht mehr anknüpfen, vielmehr wächst die Kritik, dass die Brüder ihre Authentizität verlieren. Kommerzialisierung lautet der Vorwurf, der erst recht Nahrung bekommt, als sie auch noch anfangen zu singen – und das offensichtlich überhaupt nicht können. Da auch die Texte einfallslos sind, floppt die CD "Wir vom Schrott".

Und dann streiten die Ludolfs plötzlich öffentlich. Wer angefangen hat, wo die Gründe liegen, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Geld spielt in jedem Fall eine Rolle. Es steht der Vorwurf im Raum, dass Peter als Haustyrann seine Brüder ausgenutzt hat. Der Schrottplatz in Dernbach ist mittlerweile geschlossen, Peter wohnt bei einem neuen Team im Münsterland. Manni und Uwe kehren mit dessen Sohn Tommy Anfang 2016 zurück auf die Mattscheibe. Die Quoten sind zumindest anfangs gar nicht so schlecht, aber es hagelt Kritik von den Fans im Internet.

Beide Seiten veröffentlichen Videobotschaften – und machen es nur noch schlimmer. Räumungsklage, Einbruch: Es stehen mittlerweile so schwere Vorwürfe im Raum, dass der große Wunsch der Fans nach Aussöhnung wohl unerfüllt bleiben wird. Die Ludolfs halten nicht mehr zusammen, das Familienidyll ist Geschichte. Der Streit lässt alles als große Illusion erscheinen. Ein Phänomen hat sich selbst zerstört.

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