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    Paris/Berlin

    Westen fürchtet neue Gewalt bei Freitagsgebeten

    In höchster Anspannung harrt der Westen der Freitagsgebete in der islamischen Welt: Bitterböse Mohammed-Karikaturen eines Pariser Satire-Magazins drohen die blutigen Proteste, die schon nach der Veröffentlichung eines Mohammed-Videos aufgeflammt waren, neu anzufachen.

    Protest in Jakarta
    Protest in Jakarta: Nach den neuen Mohammed-Karikaturen aus Frankreich wird bei den Freitagsgebete in der islamischen Welt Gewalt befürchtet.
    Foto: Mast Irham - DPA

    In Teheran versuchten Hunderte Islamisten am Donnerstag, Frankreichs Botschaft zu stürmen. In Nordafrika wurden zahlreiche französische Institute und Schulen vorsorglich geschlossen. Die USA machten ihre Vertretungen im muslimischen Indonesien dicht. Auch Deutschland wappnet sich.

    Allen Befürchtungen zum Trotz will das Magazin «Charlie Hebdo» am Freitag mit einer zweiten Auflage an die Kioske. Die ersten 75 000 Exemplare waren noch am Erscheinungstag vergriffen. Der Internetauftritt des Magazins ist nach einem Hackerangriff inzwischen wieder online. Damit waren einige der provokanten Mohammed- Karikaturen am Donnerstag auch wieder über das Netz zu sehen.

    In vielen islamischen Ländern rund um den Globus kocht seit mehr als einer Woche Wut über ein Mohammed-Schmähvideo hoch. Etliche Menschen starben bei Krawallen, unter ihnen der US-Botschafter in Libyen. Davon unbeeindruckt provoziert «Charlie Hebdo» in der aktuellen Ausgabe vom Mittwoch mit seitenweise Karikaturen, die mindestens an die Grenze der Geschmacklosigkeit gehen. Einige Zeichnungen zeigen den Propheten nackt in unsittlichen Posen oder unterstellen ihm abartige sexuelle Praktiken.

    Strenggläubige Muslime empfinden es bereits als anstößig, den Propheten Mohammed als Person zu zeigen. Mohammed-Karikaturen hatten daher schon mehrfach Unruhen in der islamischen Welt ausgelöst. Anfang 2006 kamen dabei mehr als 150 Menschen ums Leben.

    Bei den Unruhen vor der französischen Botschaft in Teheran, die derzeit sicherheitshalber geschlossen ist, riefen die Angreifer nach Berichten der iranischen Nachrichtenagentur Fars: «Wir werden kämpfen, wir werden sterben, aber wir werden niemals Schande über uns bringen lassen.»

    Auch in Afghanistan kam es zu ersten Protesten, die sich nicht mehr nur gegen das islamfeindliche Video aus den USA, sondern auch gegen die Karikaturen von «Charlie Hebdo» richten. Der pakistanische Premierminister erklärte den Freitag zum landesweiten Feiertag zu Ehren des Propheten. Vor dem Botschaftsviertel in Islamabad kam es am Nachmittag zu ersten Unruhen. Das US-Außenministerium warnte aus Angst vor Massenausschreitungen vor Reisen in das Land.

    Zahlreiche deutsche Botschaften in der islamischen Welt bleiben am Freitag komplett geschlossen. Darüber hinaus wird nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zusätzlicher Schutz für andere deutsche Einrichtungen geprüft.

    Auch in deutschen Städten wollen am Wochenende Tausende Muslime gegen die Beleidigung des Propheten auf die Straße gehen, unter anderem in Freiburg, Karlsruhe und Dortmund. Das Innenministerium stoppte unter Verweis auf die aktuelle Gefährdungsbewertung des Bundeskriminalamts eine unter Muslimen umstrittene Plakataktion, die sich gegen eine islamistische Radikalisierung Jugendlicher wendet. Das Satiremagazin «Titanic» nutzt die Aufregung und plant eine Oktober-Ausgabe mit dem Titel: «Bettina Wulff dreht Mohammed-Film».

    Zu den französischen Auslandseinrichtungen, die am Donnerstag geschlossen blieben, gehörte das Französische Gymnasium in Kairo. Auf Geheiß der französischen Botschaft soll auch in den französischen Schulen in Tunesien bis zum kommenden Montag kein Unterricht stattfinden. Das Pariser Außenministerium hatte unmittelbar nach Veröffentlichung der Karikaturen angekündigt, vorsorglich Botschaften, Konsulate und Schulen in rund 20 Ländern zu schließen.

    Die USA bewerteten die Karikaturen als beleidigend, traten aber auch für die Meinungsfreiheit ein. «Wir stellen nicht das Recht infrage, so etwas zu publizieren; wir stellen nur die Weisheit hinter der Entscheidung infrage», sagte Regierungssprecher Jay Carney in Washington.

    Der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit nannte die Veröffentlichung in einem TV-Interview «idiotisch»: «Wenn man auf einem Pulverfass sitzt, hat man die Möglichkeit, 30 Sekunden nachzudenken, bevor man ein Streichholz anzündet.»

    Auch das Mohammed-Schmähvideo aus den USA, das in Ausschnitten auf der Internetplattform YouTube zu sehen ist, sorgt weiter für Aufregung. Die Darstellerin Cindy Lee Garcia hat nun den mutmaßlichen Produzenten des Streifens verklagt. Wie die «Los Angeles Times» berichtete, habe sie Todesdrohungen erhalten. Sie fühle sich hinters Licht geführt, weil sie in dem Glauben mitgespielt habe, einen historischen Abenteuerfilm zu drehen.

    Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sprach sich dafür aus, ein Vorführverbot für den Film in Deutschland zu prüfen. Die rechtspopulistische Splitterpartei «Pro Deutschland» hat angekündigt, das Hetzvideo in Berlin in voller Länge zu zeigen - notfalls auch in Büroräumen, sollte sich kein Kino finden, wie am Donnerstag bekannt wurde. Strengere Gesetze gegen Gotteslästerung hält die FDP-Politikerin aber nicht für notwendig. CSU-Chef Horst Seehofer hingegen will prüfen, ob schärfere Gesetze nötig sind.

    Auftritt von «Charlie Hebdo»

    US-Botschaftsmitteilung

    Französisches Gymnasium in Kairo

    Bericht «Los Angeles Times»

    «Titanic»

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