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    Katholische Kirche verschließt sicherneut unbequemen Wahrheiten

    Von Christian Kunst

    Manchmal ist es bei einem umstrittenen Thema wie der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche hilfreich, in die Archive unserer Zeitung zu schauen. Dort findet man ein sehr aufschlussreiches Interview mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann aus dem März 2010. Damals war er gerade erst einige Wochen lang Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche. Jeder Antwort Ackermanns war zu entnehmen, wie ernst ihm die Aufarbeitung des Skandals war und dass er sich selbst Diskussionen über das für die Kirche stets sakrosankte Zölibat öffnete.

    Ackermann hatte begriffen: Die Glaubwürdigkeit der Kirche und das Vertrauen vieler Menschen in diese Institution waren durch die schrecklichen Vergehen einzelner Priester schwer erschüttert. Daher sagte er damals Erstaunliches: "Natürlich tragen auch diejenigen Verantwortung und haben in diesem Sinne auch Schuld auf sich geladen, die als Vorgesetzte Verantwortung hatten und mit den Vorfällen und dem Missbrauch nicht im Sinne der Aufklärung und einer künftigen Prävention umgegangen sind." Sogar von Vertuschung sprach er.

    Fast drei Jahre später ist dieser aufklärerische Ton längst verhallt. Stattdessen bestimmen Nachrichten über Priester, die trotz bekannten Missbrauchs von Schutzbefohlenen weiterbeschäftigt wurden - auch im Bistum Trier - die Schlagzeilen. Die einst von Ackermann initiierte Missbrauchshotline wurde bereits Ende des vergangenen Jahres eingestellt, obwohl das Interesse der Opfer anhaltend groß war. Und jetzt steht das ambitionierte Forschungsprojekt, das die katholische Kirche zusammen mit dem bekannten Kriminologen Christian Pfeiffer geplant hatte, vor dem Aus.

    Das Schlimmste an dieser Nachricht ist, dass mit dem aufklärerischen Ton auch die Stimmen der Opfer verstummen. Für sie muss es wie Hohn klingen, dass sich einige Bistümer vehement dagegen wehren, Personalakten ihrer Priester offenzulegen - mussten viele Opfer doch oft voller Scham alle schrecklichen Details des an ihnen begangenen Missbrauchs darlegen, um die von der Kirche angebotene, mickrige Entschädigungssumme von maximal 5000 Euro zu erhalten. Dass konservative Kleriker jetzt gegen die Herausgabe der Personalakten ins Feld führen, dass dadurch das Vertrauensverhältnis der Priester gegenüber ihren Oberen belastet werde, ist ein starkes Stück. Denn zuvor haben einige dieser Priester das Vertrauen Tausender Gläubiger schwer beschädigt.

    Sicherlich: Der Kriminologe Pfeiffer ist als Wissenschaftler oft nicht um provokante Schlussfolgerungen und unbequeme Wahrheiten verlegen. Doch genau dies braucht die katholische Kirche mehr denn je. Sollte das Projekt tatsächlich scheitern, dann drängt sich eher der Eindruck auf, dass die Kirche erneut nicht an Aufklärung interessiert ist, sondern Fakten unter den Tisch kehren möchte. Sie würde sich der Frage verschließen, ob es sich nur um die Missbrauchstaten Einzelner handelte oder ob sie eine Folge des Systems der katholischen Kirche waren. Für den einst als Aufklärer angetretenen Bischof Stephan Ackermann wäre ein Aus für die Studie eine schwere Niederlage.

    E-Mail an den Autor: christian.kunst@rhein-zeitung.net

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