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London

Ein Monat “Occupy London” – Britische Kapitalismuskritiker haben viel erreicht

Morgens auf dem „okkupierten“ Platz vor der St. Paul‘s-Kathedrale: Im „Info-Zelt“ mit der kleinen Disco-Kugel auf einem Campingtisch erklärt ein junger Litauer zwei kichernden Portugiesinnen, dass er weder Garn noch Stoff für das Nähen eines Anti-Banken-Banners organisieren kann. In der Mitte des Lagers aus 200 Zelten trommelt ein Demonstrant in der weißen Guy-Fawkes-Maske die Kapitalismusgegner zum „Treffen der Arbeitsgruppen“ zusammen.

London – Morgens auf dem „okkupierten“ Platz vor der St. Paul‘s-Kathedrale: Im „Info-Zelt“ mit der kleinen Disco-Kugel auf einem Campingtisch erklärt ein junger Litauer zwei kichernden Portugiesinnen, dass er weder Garn noch Stoff für das Nähen eines Anti-Banken-Banners organisieren kann.

In der Mitte des Lagers aus 200 Zelten trommelt ein Demonstrant in der weißen Guy-Fawkes-Maske die Kapitalismusgegner zum täglichen „Treffen der Arbeitsgruppen“ zusammen. Einige unrasierte Männer mit verquollenen Augen beobachten aufmerksam eine Polizeipatrouille. Ein künstlerisch begabter Anarchist schmückt seine bunt bemalte Werkstatt mit einem Schild mit der Aufschrift „Farbtherapie“. Banker mit Aktentaschen eilen vorbei, verzweifelt bemüht, ihre Kritiker nicht zu bemerken. Am Rand des Zeltlagers redet ein Mann im dicken Pulli und mit ungewaschenen langen Haaren geduldig auf einen Pensionär ein: „…kein schönes Leben, Mann. Verdammt ungemütlich hier. Aber meine Generation hat nun einmal diese Welt kaputt gemacht, und wir werden hier nicht abziehen, ehe wir unsere Sünden abgebüßt haben“.

Sie waren gestern betrübt über die Auflösung der „Occupy“-Zeltlager in New York und Zürich, aber nicht zu sehr. „Die Bewegung wird dadurch noch mehr Auftrieb bekommen“, erklärten die optimistischen Londoner Protestler im Netzwerk Twitter. Die Stimmung auf dem unbenannten „Tahrir Square“ vor der zweitgrößten Kathedrale des Königreichs war eher feierlich: Es ist genau ein Monat her, seit der britische Ableger der internationalen Protestwelle gegen die „unsoziale“ Finanzwelt seine Mahnwache unweit der London Stock Exchange eingerichtet hat. Am ersten Mini-Jubiläum von „OccupyLSX“ konnten die Bewohner der Zeltstadt zufrieden sein: Sie haben mehr erreicht als es die meisten Beobachter ihnen zugetraut haben.

Am 15. Oktober pflanzte ein Häufchen zu allem entschlossener Bankenkritiker während einer Demonstration drei kleine Zelte vor dem altehrwürdigen Tourismusmagnet St. Paul’s und schickte via Twitter einen Hilferuf in die Welt hinaus: „Brauchen Toilettenpapier, Müllsäcke, Pappe, Decken, Planen, Wasser. Bitte weitersagen“. Binnen kürzester Zeit wuchs die kleine Protestinsel im Herz des Finanzviertels zu einem stattlichen Lager mit Küche, „Zeltuniversität“, Cafe, Gebetsraum und Bibliothek heran. Es mangelt nicht an Sach- und Geldspenden. Nach Angaben von „OccupyLSX“ nimmt sie heute täglich im Schnitt rund 1000 Pfund ein. Alle Versuche der City of London, „Occupy“ loszuwerden, endeten bislang mit den Siegen der gut organisierten Demonstranten, die viele Fürsprecher gewonnen haben.

Aus Solidarität mit dem Zeltlager und weil Sie dessen gewaltsame Räumung vor den Türen ihrer Kirche verhindern wollten, legten der Domherr Giles Frazer und der Kaplan Fraser Dyer ihre Ämter nieder – und das, obwohl St. Paul’s „wegen Sicherheitsbedenken“ erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine Woche lang geschlossen bleiben musste. Auch einige Spitzenpolitiker, wie der liberale Wirtschaftsminister Vince Cable und der Oppositionschef Ed Miliband zeigen offen ihre Sympathie und Verständnis für die Protestbewegung. Nach den hitzigen Debatten mit den Behörden bekam „OccupyLSX“ zunächst die Zusage, dass die Zelte bis Januar geduldet werden würden. Sie wurde jedoch gestern von der City of London überraschend zurückgezogen, die gegen das „störende“ und „chaotische“ Lager vor dem Obersten Gericht klagen will. Die meisten Demonstranten sind dennoch entschlossen, so lange zu bleiben, bis eine weltweite „Revolution“ die Fundamente des heutigen Systems zerstört hat.

„Für jeden gierigen Banker, der einen Bonus von einer Million Pfund kassiert, müssen Hunderte Menschen auf der Straße schlafen. So geht es nicht weiter: Unsere Kinder habe eine bessere Zukunft verdient“, sagt wütend der Country-Musiker Ed Rosenthal aus Kingston. „Unser Ziel ist es, die Gesellschaft aufzuklären, bis 99 Prozent der Bürger unsere Meinung teilen. Dann ist die Revolution nicht zu stoppen“, erklärt die 22-jährige Anthropologiestudentin Lucy Jones aus London. Der 47-jährige Jamie Kelsey-Fry berichtet aus seinem Zelt für die Zeitschrift „New Internationalist“. „Es geht darum, den herrschenden Eliten Angst einzujagen“, erklärt der linke Journalist seine Motivation. „Die heutige Welt wird von Goldman Sachs regiert. Aber wir werden uns früher oder später unsere Demokratie zurückholen“.

Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsiev

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