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    Die Gedanken kreisen täglich um Kairo: Ein Cochemer berichtet

    Cochem/Kairo - Der Jubel ist grenzenlos an diesem Freitag, reicht von Kairo am Nil bis nach Cochem an der Mosel. „Das ist die beste Nachricht meines Lebens“, sagt der Cochemer Ibrahim Gilbaya am Telefon, die Stimme überschlägt sich. Nur Minuten zuvor hat Ägyptens Vizepräsident, Geheimdienstchef Omar Suleiman, den Rücktritt des Diktators Hosni Mubarak verkündet. Gilbaya, „Deutscher mit einem ägyptischen Pass“, leitete 30 Jahre lang das Konsulat der ägyptischen Botschaft in Bonn. Heute freut er sich mit den Menschenmassen auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

    Ein Bild aus glücklichen Tagen im Nildelta: Ibrahim Gilbaya (stehend), Cochemer ägyptischer Herkunft, mit spielenden Kindern in einem Dorf. Er liebt seine alte Heimat. Derzeit wünscht er ihr einen echten Machtwechsel.
    Ein Bild aus glücklichen Tagen im Nildelta: Ibrahim Gilbaya (stehend), Cochemer ägyptischer Herkunft, mit spielenden Kindern in einem Dorf. Er liebt seine alte Heimat. Derzeit wünscht er ihr einen echten Machtwechsel.
    Foto: privat

    Cochem/Kairo - Der Jubel ist grenzenlos an diesem Freitag, reicht von Kairo am Nil bis nach Cochem an der Mosel. „Das ist die beste Nachricht meines Lebens“, sagt der Cochemer Ibrahim Gilbaya am Telefon, die Stimme überschlägt sich. Nur Minuten zuvor hat Ägyptens Vizepräsident, Geheimdienstchef Omar Suleiman, den Rücktritt des Diktators Hosni Mubarak verkündet. Gilbaya, „Deutscher mit einem ägyptischen Pass“, leitete 30 Jahre lang das Konsulat der ägyptischen Botschaft in Bonn. Heute freut er sich mit den Menschenmassen auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

    Dabei hatte er noch am Vorabend so tief gesessen, der Stachel der enttäuschten Hoffnung auf einen Rücktritt Mubaraks – in Kairo wie in Cochem. In ihrer Wohnung an der Oberbachstraße hatten Ibrahim Gilbaya, seine Frau Carola und seine Tochter Carolin gebannt verfolgt, was Mubarak seinen Gegnern auf dem Tahrir-Platz über das staatliche Fernsehen verkündete: Er dankt nicht ab, tritt bloß Macht ab an Suleiman. Was für eine Ernüchterung! „Jetzt könnte Ägypten eine sehr miserable Zeit bevorstehen“, fürchtete Gilbaya.

    Aber Mubarak beugte sich doch noch dem Druck der Straße. Deshalb keimt sie wieder auf, die Hoffnung auf eine demokratisch regiertes Ägypten. Allerdings sind die Keime noch zart. Denn Gilbaya ist sich sicher: „Der Vizepräsident ist schlimmer als Mubarak.“

    Kompromisslos ließ und lässt Suleiman Regimegegner gefangen nehmen und in Lagern foltern. Das weiß Gilbaya aus erster Hand. Einer seiner Verwandten in Ägpyten, ein Polizeioffizier, wurde einst in ein solches Lager versetzt. „Er blieb nur eine Woche dort. Dann konnte er das nicht mehr sehen“, erzählt der Cochemer. Er konnte die Grausamkeiten nicht mehr sehen, die die 14 000 Gefangenen in diesem Lager erlitten. Direkt ans Innenministerium wendete sich Gilbayas Verwandter, bat um Versetzung. Keinen Tag länger könne er in dem Lager seiner Arbeit nachgehen. Das Ministerium versetzte ihn. Gilbayas Verwandter wurde Direktor eines zivilen Gefängnisses.

    Nicht auf ziviler, sondern auf militärischer Macht und Terror gründet das System Mubarak, zu dem auch Suleiman gehört. Auch wenn es im Militär Teile gibt, die es mit der aktuellen Demokratiebewegung halten. Den hohen Generälen zahlte Mubarak jährlich „eine Treueprämie in Millionenhöhe“, gibt Gilbaya Einblick in die obere Etage des Regierungsapparates. Der hat sein Heimatland Ägypten „kaputt gemacht“. Stark betont der Ex-Diplomat die zweite Silbe des Wortes „kaputt“. Verachtung. Kein Wunder: Die Wirtschaft Ägyptens liegt großen Teils am Boden, viele junge Akademiker finden keine Jobs, kellnern oder arbeiten als Strandboys in Touristenzentren. Gute Ärzte können sich nur Militärs oder Betuchte leisten. Gilbaya: „Das Gehalt eines Angestellten oder Beamten liegt bei 500 ägyptischen Pfund. Das sind etwa 60 Euro pro Monat.“ Die diplomierten Strandboys haben mehr vom Trinkgeld der Touristen als von ihrem Einkommen. Die Machthaber dagegen wirtschaften sich selbst in die Tasche. „Die Beamten sind korrupt.“ 21 Milliarden Dollar Schiffsgebühren im Jahr wirft der Betrieb des Suezkanals ab. „Die gehen ans Präsidialamt“, sagt Gilbaya.

    Sieben Geschwister hat er. Zwei Drittel der großen Familie leben in seinem Geburtsort Manzala im Nildelta. Ein Drittel lebt in Kairo. Erst im vergangenen Oktober war der fast 76-Jährige zuletzt in Ägypten. „Als ich wiederkam, war ich deprimiert. Die Straßen Kairos lagen voller Müll, die Stimmung war schlecht.“ Zu seiner Familie in Cochem sagte Gilbaya nach der Reise: „In diesem Land passiert etwas.“

    Er behielt recht. Vom 25. Januar an, dem „Tag des Zorns“, protestierten die meisten Ägypter gegen das von Mubaraks erschaffene Machtbollwerk. Seither telefoniert Ibrahim Gilbaya täglich seinen Verwandten am Nil. Einige beteiligen sich an den Demonstrationen. Mubaraks Abtritt bejubeln auch sie. Und sie denken dasselbe, was ihr Ibrahim in Cochem ausspricht: „Jetzt müssen wir weiterkämpfen für eine richtige Demokratie.“ David Ditzer

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