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Hamburg

Waggershausen ist der Gitarren-Flüsterer

dpa

«So ist das Spiel» heißt das neue Album von Stefan Waggershausen (61) – das erste nach 14 Jahren Pause. So lange stand Waggershausen nicht im Rampenlicht.

Stefan Waggershausen
Stefan Waggershausen wieder im Rampenlicht.

Musik gemacht hat er trotzdem – für den ARD-«Tatort» oder die ZDF-Kinderserie «Siebenstein» zum Beispiel. Jetzt will er es nochmal wissen. Ein Comeback sei das allerdings nicht, eher ein «Restart», sagt der Sänger im dpa-Interview.

14 Jahre lang haben Sie kaum auf Bühnen gestanden, sondern meist nur für sich selbst gesungen – und für ihre Gitarrensammlung...

Waggershausen: «Es gibt Momente, da rede ich wie ein Gitarren-Flüsterer mit meinen Instrumenten ­ und zwar am liebsten mit meiner Gibson ES-150. Meine Gibson und ich ­ das war jedenfalls Liebe auf den allerersten Blick. Sie kennt mich am besten, weiß alles über mich. Auf ihr und mit ihr sind die Songs meines neuen Albums entstanden. Als ich sie in Louisiana kaufte, erzählte mir der Verkäufer, dass Robert Johnson ­ einer der Erfinder des Delta-Blues ­ auf dieser Gitarre schon gespielt haben soll. Na ja, da unten im Süden ist jeder Gitarren-Verkäufer auch ein Poet.»

Wodurch zeichnet sich der Poet Stefan Waggershausen 2010 aus?

Waggershausen: «Meine Texte sind vielleicht privater als früher. Ich rede und singe heute freier, denn ich schiele nicht mehr nach irgendeiner Form von Zeitgeist, weil ich mir selbst nichts mehr beweisen muss. Dort wo der Trend ansteht, da ist das Gedränge meist am größten und die Warteschlange am längsten. Ich selbst denke nicht mehr permanent drüber nach, was ich tun darf und was nicht. Wenn es Spaß macht, ist es okay.»

Und wie haben Sie sich musikalisch seit Ihrem 1995er-Album weiter entwickelt?

Waggershausen: «Meine aktuellen Songs sind ungefähr drei Halbtöne tiefer angesiedelt als in früheren Jahren. Und immer dann, wenn ich einen dieser neuen Texte zum ersten Mal für mich allein sang, merkte ich erst so richtig, wie sehr meine Stimme sich im Laufe der Jahre verändert hat. Sie ist einen Hauch ruhiger und rauchiger geworden und klingt viel entspannter. Diese Entspanntheit der Atmosphäre macht wohl auch den Charme dieses Albums aus.»

Damit bringen Sie jetzt alle Voraussetzungen mit für eine Karriere als Schmusepop-Idol.

Waggershausen (lacht): «Nettes Kompliment, danke! Aber ich achte heute nicht einmal mehr darauf, dass ein Song für den Radio-Einsatz kompatibel ist. Diesmal habe ich die Musiker im Studio ab und zu einfach mal improvisieren lassen. Als der Techniker anschließend einen acht Minuten langen Track auf die Hälfte kürzen wollte, da habe ich ihn gebremst: Nee, mein Lieber, das bleibt so! Genau diese Atmosphäre will ich haben!»

Meinen Sie damit die Gesangsgruppe Lilly & die Homeboys, die Sie eigens für diese Studio-Session zusammengestellt haben?

Waggershausen: «Der Song "Endloser Sommer" ist ja eher so eine improvisierte Momentaufnahme. Aber diese Jungs mit all ihren unterschiedlichen Terminen mal parallel ins Studio zu kriegen – das war ein wahrer Höllenakt. Jan Josef Liefers, Sasha und Henning Wehland von den Söhnen Mannheims sind einfach die Idealbesetzung für diese musikalische Party gewesen. Lilly & die Homeboys – na ja, das ist 'ne fiktive Feierabend-Südstaaten-Band, sozusagen Big Easy an 'nem Barbecue-Grill.»

Mit der rassigen Italienerin Alice hatten Sie schon vor 27 Jahren «Zu nah am Feuer» gesessen. Mit Nena haben Sie sogar noch öfter zusammengearbeitet. Und jetzt haben Sie sogar eine dritte Partnerin gefunden...

Waggershausen: «Alice sang mit bei "Was soll ich dir sagen", einer Art musikalischem Film noir. Nena war die perfekte Partnerin für ein Pop-Kino wie "Für dich". Und ich empfinde es als Ehre, wenn Annett Louisan sozusagen aus dem Nichts plötzlich auftaucht und mit mir diesen Refrain singt ­ "Der alte Wolf, er sagt nicht viel / Der alte Wolf, er kennt das Spiel".»

Sind Sie ein Spieler?

Waggershausen: «Ich bin eher ein musikalischer Pfadfinder. Ich habe immer neue Wege gesucht. Egal, ob es meine deutsch-internationalen Pop-Rock-Duette waren oder mein Album mit Südstaaten-Musik. Für die Medien bin ich spätestens seit meinem "Louisiana"-Projekt immer noch eine stilistische Herausforderung, für die sie noch keine Schublade gefunden haben. Vermutlich bin ich ein musikalisches Chamäleon...»

...oder einfach nur ein Avantgardist, der einen neuen Trend setzt.

Waggershausen: «Keine Ahnung, vielleicht bin ich aber auch fast unverschämt altmodisch und will einfach nur ein bisschen was von dieser Spielfreude kultivieren, die im Zeitalter der Musik-Technokratisierung verlorengegangen ist. Wenn diese Rückbesinnung auf das Wesentliche der Popmusik auch in Deutschland ein neuer Trend ist ­ bitteschön, gerne, ich bin dabei.»

Interview: Winfried Dulisch, dpa

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