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    Zwei Millionen, oder Chagall-Fenster kaputt!

    Mainz - Jürgen Heimbach steht vor der ehrwürdigen Kirche St. Stephan und zeigt hinüber zur Gaustraße auf ein eher langweiliges Wohn- und Geschäftshaus. "Von dort drüben habe ich den Anschlag auf die Chagall-Fenster geplant", erzählt er freundlich lächelnd.

    Das Fenster selbst darf nicht aufs Foto – wegen des Copyrights. Autor und Roman aber schon.
Foto: Bernd Eßling
    Das Fenster selbst darf nicht aufs Foto – wegen des Copyrights. Autor und Roman aber schon.
    Foto: Bernd Eßling

    Mainz - Jürgen Heimbach steht vor der ehrwürdigen Kirche St. Stephan und zeigt hinüber zur Gaustraße auf ein eher langweiliges Wohn- und Geschäftshaus. "Von dort drüben habe ich den Anschlag auf die Chagall-Fenster geplant", erzählt er freundlich lächelnd. "Sehen Sie, es führt eine Schneise bis hierher. Es wäre also möglich." Wenige Schüsse nur, und ein wichtiges Mainzer Wahrzeichen wäre vernichtet.

    Zum Glück ist Heimbach nur auf dem Papier ein Täter, nur zwischen Buchdeckeln entwickelt er kriminelle Energien. In seinem neuen Roman "Chagalls Rache" hält ein Erpresser Mainz in Atem: Die Stadt soll zwei Millionen Euro hinblättern, sonst geht es den blauen Kirchenfenstern an den Kragen.

    Doch das ist nicht alles. Heimbach mutet seinem Ermittler, dem Hauptkommissar Henning Sikorski, noch einiges mehr zu. Im Wald hinter Budenheim wurde eine Leiche kunstvoll in einer Badewanne drapiert. "Das ist fast wie eine künstlerische Installation. Stellen Sie sich eine Lichtung vor, die Erde ist feucht, die Sonne geht auf ..." Dies ist schon das dritte Opfer, das inmitten einer merkwürdigen Inszenierung aufgefunden wird. Wütet hier ein Serienmörder?

    Ach ja, und dann trifft am Hauptbahnhof noch dieser Simon Engel ein. Er steht auf Luxus, kann ihn sich aber eigentlich nicht leisten. Geld beschafft sich der Lebemann gemeinhin durch Aktivitäten am Rande der Legalität. Einst hat er in Mainz studiert, nun ist er mit einem zwielichtigen Auftrag zurück – und prompt läuft ihm eine seiner Verflossenen über den Weg.

    All diese Fäden fügt Heimbach in seinem Krimi zusammen, auch wenn das erst mal schwer möglich scheint. "Ich konstruiere sehr stark. Am Anfang stehen 20, 30 DIN-A4-Seiten mit dem Ablauf. Dann beginne ich mit dem eigentlichen Schreiben. Das geht dann recht schnell." Manche Person entwickeln sich zwar noch unerwartet, Heimbach lässt sich auch dreinreden von seiner Frau oder seinem Sohn, wenn etwas nicht plausibel erscheint. Rückgrat jedoch bleibt jenes Anfangskonzept, und das braucht der Autor dringend bei seinem raffinierten Geflecht.

    Heimbach legt falsche Fährten quer durchs Mainzer Umland, er garniert die Region mit Leichen und wird Mainzer Denkmälern gefährlich. Einen typischen Regionalkrimi aber wollte er nicht schreiben. "Ich finde das ermüdend, wenn dauernd irgendwelche Kneipen oder Straßen genannt werden. Irgendwo muss mein Krimi eben spielen, aber vieles könnte genauso in Hamburg oder Berlin passieren." Der Regionalbezug ist spürbar, bleibt aber dezent.

    Eine gewisse Zurückhaltung ist auch in anderer Hinsicht ein Aspekt von Heimbachs Schreiben. "Es gibt ja im Krimi die Tendenz, aus den Kommissaren ganz absonderliche Figuren zu machen, Alkoholiker oder Psychopathen. Da wollte ich gegensteuern." Heimbachs Figuren haben ihre Stärken und Schwächen, besonders Simon Engel und seine einstige Liebe Vera sind vielschichtig angelegt. Aber der Leser wird seine Schwierigkeiten haben, sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß zu ordnen. "Ich mag mehr diese mittleren Typen. Sikorski ist kein Super-Sympathieträger, und Engel finde ich als zwielichtige Figur interessant."

    Heimbach mischt seine mittleren Typen mit grellen Fällen, er setzt auf reichlich Verwicklungen, die er seinen Lesern allerdings zum Schluss glasklar entwirrt. Die Lektüre von "Chagalls Rache" wird zu einem spannenden Rätselraten, einem atemlosen Wettlauf mit der Zeit, an dessen Ende mehrere fette Überraschungen lauern. Unterm Strich bietet dieser Krimi entschieden mehr Tiefgang, als es der etwas reißerische Titel vermuten lässt.

    Gegen Ende des Gesprächs schaut der Autor noch mal zu den Chagall-Fenstern hinauf. Ihr wunderbares Blau ist von außen nur zu erahnen. In der Realität schmücken sie bis heute die mehr als 1000 Jahre alte Kirche. Aber im Roman, da könnte ja alles ganz anders sein ...

    Jürgen Heimbach: "Chagalls Rache", Leinpfad Verlag, 324 S., 11,90 Euro.

    Der Autor stellt sein Buch heute, 5. April, um 19 Uhr im Café 7˚ (in der Kunsthalle) vor. Gerd Blase

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