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    Mainz

    Wie Pfand sozialen Zwecken dienen soll

    Solidarität mit Benachteiligten - dazu rufen drei Kampagnen rund ums Thema Pfand auf, die derzeit ihre Kreise in Mainz ziehen. Der Entsorgungsbetrieb der Stadt ist jedoch nicht von allen begeistert.

    Einige Rentner und Hartz IV-Empfänger sammeln Pfandflaschen, um über die Runden zu kommen. Bundesweite Kampagnen rufen zur Solidarität auf.
    Einige Rentner und Hartz IV-Empfänger sammeln Pfandflaschen, um über die Runden zu kommen. Bundesweite Kampagnen rufen zur Solidarität auf.
    Foto: picture alliance

    Mainz - Zehn Jahre ist das Dosenpfand in diesen Tagen alt geworden. Eingeführt wurde die Pfandpflicht für Einwegverpackungen von Getränken am 1. Januar 2003, eigentlich aus Gründen des Umweltschutzes.

    Die Aktion "Pfand gehört daneben" zieht Kreise in Mainz.
    Die Aktion "Pfand gehört daneben" zieht Kreise in Mainz.
    Foto: Alexandra Schröd

    In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sieht man jedoch auch in Mainz ein Phänomen immer öfter: Sammler wühlen in Mülleimern, klauben Dosen und Flaschen von den Wegen rund ums Stadion und stehen mit ihren vollgepackten Säcken an den Pfandautomaten der Supermärkte. Was für die einen lästiger Ballast ist, bedeutet für andere einen echten finanziellen Gewinn.

    Mittlerweile gibt es einige Kampagnen, die auffordern, Flaschensammler zu unterstützen. "Pfand gehört daneben" ist eine davon. An etlichen Mülleimern der Mainzer Neustadt und entlang des Rheins kleben Sticker, die dazu aufrufen, Pfandflaschen nicht in den Müll zu werfen, sondern daneben zu stellen. So müssen Sammler, die die 8, 15 oder 25 Cent gut gebrauchen können, nicht in den Abfall greifen, in dem möglicherweise Scherben, Spritzen und Getier lauern.

    Kampagne rauscht durchs Netz

    Der Berliner Matthias Seeba-Gomille hatte die Idee zur Kampagne, nachdem er sah, wie jemand seine leere Bierflasche wegwarf - vor den Augen eines Flaschensammlers, der sie aus dem Dreck klauben musste. Seeba-Gomille erstellte eine Facebookseite für seine Kampagne "Pfand gehört daneben". Knapp 19 500 Freunde hat sie seit dem einen Jahr ihres Bestehens gewonnen, dazu Jennifer Rostock, Beatsteaks und Nilz Bokelberg als Unterstützer, wie auf www.pfand-gehoert-daneben.de zu sehen ist.

    Auf ungeteilte Begeisterung stößt die Aktion in Mainz nicht. Der Entsorgungsbetrieb hält laut Stadtsprecher Ralf Peterhanwahr nichts davon. Wer Müll neben dem Eimer abstellt, muss mit einem Bußgeld zwischen 5 und 35 Euro rechnen. Auch das Anbringen der Infosticker ist eine Ordnungswidrigkeit: "Für Plakatierung im öffentlichen Raum gibt es klare Vorgaben. Normalerweise können unsere Mitarbeiter aber alles in einem ruhigen Gespräch klären und es kommt zu keinem Bußgeld", sagt Peterhanwahr. "Bei ,Pfand gehört daneben' kommen wir als Kommune in die Bredouille: Wir müssen immer vom schlimmsten Fall ausgehen und Glasflaschen neben dem Eimer verleiten manche Leute zum Randalieren. Wir haben aber eine Verkehrssicherungspflicht und können solche Kampagnen daher nicht unterstützen."

    Diese Sticker und Plakate können willige Unterstützer bei den Kampagnenbetreibern kostenlos bestellen, um die Idee zu verbreiten. Ärger gab es deswegen laut Mischa Karafiat, Mitstreiter von Seeba-Gomille, bislang nicht. Allerdings betont er ganz weise, dass die Sticker natürlich nur dort angebracht werden sollten, wo sie auch offiziell gestattet sind. Und was das Danebenstellen angeht: "Unserer Ansicht nach sind die Flaschen kein Müll. Wir hoffen aber, dass Sammelsysteme wie Pfandkisten oder Pfandringe angebracht werden, das wäre am besten", so Karafiat. In diesen offenen, fest installierten Getränkehaltern können Flaschen und Dosen abgelegt werden, sodass sie Sammler bequem entnehmen können. "Stadtverwaltungen können sich gern bei uns melden, wir haben viele Tipps!"

    Tatsächlich haben sich die Mainzer Jusos gemeldet, wie die Vorsitzende Ellen Diehl berichtet. "Es gab einige heimlich installierte Pfandkisten, die das Ordnungsamt weggenommen hat", berichtet sie. "Wir fanden die Idee aber gut und haben darüber mit dem Oberbürgermeister gesprochen." Offenbar findet auch Michael Ebling (SPD) die Idee nicht schlecht, zumindest solange der Stadt keine Kosten und keine Arbeit entstehen. Die Sache sieht jetzt so aus: Die Jusos basteln eine Modell und erstellen ein Konzept für zehn Pfandkisten, die am Rhein, vor dem KUZ und in der Innenstadt angebracht werden sollten. Sie müssen verkehrssicher sein und dürfen nicht das Stadtbild verschandeln. Dann suchen sie Paten für die Kisten, denn ab und an sollte jemand nach dem Rechten sehen. Die Kosten werden aus dem Budget der Jusos für politische Jugendarbeit gedeckt. "Wenn wir das gemacht haben, wollen wir mal hören, was der OB dazu sagt", so Diehl.

    Flaschensammler auf Hausbesuch

    Wer nicht so lange warten und seine Pfandflaschen flott loswerden möchte, der sollte sich die Webseite www.pfandgeben.de ansehen. Die Plattform gibt es seit Juli 2011 und vermittelt sehr simpel zwischen Pfandflaschenbesitzern und Pfandsammlern. Letztere sind auf der Seite mit einem Spitznamen, ihrer Handynummer und ihrem Bezirk registriert. Für Berlin oder Hamburg sind etliche Sammler gelistet, für Mainz sind es immerhin fünf. Also: Einfach einen davon anrufen und bequem Flaschen, Dosen und Kästen zu Hause abholen lassen.

    Erdacht und entwickelt wurde das Projekt von Jonas Kakoschke im Studiengang Kommunikationsdesign an der HTW Berlin mit Unterstützung der Kulturwissenschaftlerin Mareike Geiling und dem Programmierer Richard Metzler. "Nach unserer Erfahrung haben die meisten Pfandnehmer ein Mobiltelefon. Häufig handelt es sich um Menschen in schwierigen finanziellen Situationen, zum Beispiel Hartz IV-Empfänger oder Rentner, aber nur in seltenen Fällen um obdach- oder komplett mittellose Menschen", so die Organisatoren. "Für letztere gibt es in einigen Städten bereits Verteilerstellen, welche die Abholanfragen an Menschen ohne Mobiltelefon weiterleiten." Wer möchte, kann alte Handygeräte oder SIM-Karten auch an Sammler spenden, die nicht gut ausgestattet sind. Einfach an mail@pfandgeben.de schreiben. Die Aktion soll Menschen in schwierigen finanziellen Situationen helfen, die ansonsten auf der Straße Pfandflaschen sammeln. Ob ein Registrierter tatsächlich bedürftig ist, das können und wollen die Organisatoren jedoch nicht überprüfen.

    Pfandtastisch helfen per Charitybox

    Eine dritte Kampagne, die in Mainz Kreise zieht ist "Pfandtastisch helfen". Erfunden haben sie die Cousins Jan Mörsch und Raul Krauthausen. Mit ihrer Idee der Pfand-Charitybox haben die Berliner, die mittlerweile den Verein Sozialhelden gegründet haben, erst einen Wettbewerb der Zeitschrift Neon gewonnen und im Jahr 2008 den Startsocial-Preis, verliehen von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

    Das Prinzip ist simpel: Die kleinen, orangefarbenen Boxen sind neben den Pfandautomaten in Supermärkten angebracht, nach der Flaschenrückgabe werfen Kunden ihre Bons einfach ein. Der Erlös geht an soziale Projekte. In Mainz wurden die Boxen eingeführt vom Verein Masifunde, der Bildungsprojekte in Südafrika unterstützt. Wie der Vorsitzende Jacob Birkenhäger berichtet, hängen derzeit Boxen im Edeka im Martin-Luther-King-Zentrum, in der Lebensmittelabteilung von Karstadt und demnächst in Denn's Biomarkt, weitere sind in Planung. "Wir haben die erste Box im März aufgehängt und sind total begeistert vom Rücklauf. Momentan haben wir deutschlandweit zehn Boxen, die zusammen etwa 3500 Euro Spende im Jahr bringen", berichtet Birkenhäger.

    Die Kosten von 160 Euro pro Box kommen ihm zufolge über die Bons schnell wieder rein, manchmal übernehmen auch die Marktleiter die Kosten. Alle weiteren Erlöse fließen derzeit in Bildungsarbeit in einem Township in Port Elizabeth. Mehr Infos gibt es auf www.pfandtastisch-helfen.de und www.masifunde.de.

    In Mainz hat es die Pfandflasche an sich übrigens auch schon in die Kunstwelt geschafft. Der Performancekünstler Stefan Brand alias Brandstifter ruft immer mal wieder zur "sozialen Plastik" auf. Soll heißen: Man gibt seine Pfandflasche bei ihm ab, erhält dafür ein Zertifikat und er baut die Flaschen zu einer Skulptur zusammen. Später werden die Flaschen in den Handel zurückgegeben und der Pfanderlös gespendet. Mehr auf: www.brand-stiftung.netAlexandra Schröder

    Fünf Fragen an Flaschensammler KonradZahlen, Daten, Fakten zum Pfand
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