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    Schwere Mobbingvorwürfe gegen die VdK-Spitze

    Geht es um die Wahrnehmung von außen, bezeichnet sich der VdK Rheinland-Pfalz gerne als "Familie". Doch der Schein trügt. Vor allem im Landesverband und auf der Führungsebene wird mit Mitarbeitern offenbar nach Wild-West-Manier umgesprungen.

    Mobbing ist ein verbreitetes Phänomen in der Arbeitswelt. Offenbar auch im Sozialverband VdK. 
Foto: dpa
    Mobbing ist ein verbreitetes Phänomen in der Arbeitswelt. Offenbar auch im Sozialverband VdK.
    Foto: dpa - picture-alliance/ gms

    Mainz - Geht es um die Wahrnehmung von außen, dann bezeichnet sich der VdK Rheinland-Pfalz gerne als "Familie". Doch dieser Schein trügt. Vor allem im Landesverband und auf der Führungsebene wird mit Mitarbeitern offenbar nach Wild-West-Manier umgesprungen. MRZ-Recherchen belegen:

    Die Landesgeschäftsstelle. 
Foto:Braun
    Die Landesgeschäftsstelle.
    Foto:Braun - Harry Braun

    Vom Mobbing bis zu arbeitsrechtlichen Fehltritten reichen die Verstöße, die sich in den vergangenen Jahren häuften, von denen Mitarbeiter und Ehemalige immer wieder berichten. Die Folge: etliche Mitarbeiter wurden krank oder verließen den Verband fluchtartig aus Selbstschutz nach nur wenigen Monaten wieder. Andere wurden gefeuert. Die bislang noch nicht entkräfteten Vorwürfe der Geldverschwendung, gravierender Datenschutzverstöße und finanzieller Unregelmäßigkeiten treten dabei in den Hintergrund.

    1. Als Retter zum Verband geholt...

    Übel mitgespielt wurde etwa Dieter B. (alle im Text erwähnten Namen wurden zum Schutz der Betreffenden geändert). Der staatlich vereidigte Wirtschaftsprüfer gab im Sommer 2011 einen Job in einer Wirtschaftsprüferkanzlei auf, heuerte beim VdK Rheinland-Pfalz an. Anfangs noch vom Landesvorsitzenden Andreas Peifer gefeiert, bekam B. schnell einen Überblick über die offenbar desolate Buchführung des Verbands. Dort hatte es vor seinem Arbeitsbeginn eine große Fluktuation gegeben. Die Finanzstrukturen erschienen dem neuen Mann ausgesprochen unübersichtlich. Als er dies wiederholt anmahnte, kühlte die Atmosphäre deutlich ab. Offenbar hatte er die falschen weil unangenehmen Fragen aufgeworfen.

    2. ...als Störenfried wieder entsorgt

    Plötzlich war B. der Nörgler, Buhmann, Störenfried. "Ich bekam von allen Seiten Steine in den Weg gelegt", sagt er. Und der Verbandsvorstand wollte ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Dabei griff Andreas Peifer zu einem besonderen Kunstgriff: In den Arbeitsvertrag wurde nachträglich kurzerhand eine Befristung eingebaut, worüber bei der Einstellung nicht gesprochen worden war. Ein Gedächtnisprotokoll, das unserer Zeitung vorliegt, bestätigt das. Es spiegelt das offenkundige Misstrauen, das Peifer gegen den neuen Mitarbeiter hegte. Auf den Hinweis einer Mitarbeiterin, dass es doch auch gut laufen könne (mit B.), soll Peifer erwidert haben, man kenne einen Menschen erst nach einem Jahr, einige Monate könne man sich schließlich verstellen.

    Als B. diese Änderung nicht hinnehmen will, wird er gefeuert. Insgesamt drei Mal wird ihm die Kündigung ausgesprochen. In einem Schreiben vom 26. April 2012 widersprach der Betriebsrat des Landesverbands der fristlosen Kündigung. Dieter B. klagte vor dem Arbeitsgericht. Der nächste Verhandlungstermin ist am 18. Juli.

    3. Auch andere mussten gehen

    B. ist kein Einzelfall. Auch für die VdK-Unternehmen VdK-mobil und IBL wurden zunächst Mitarbeiter angeheuert. Später wurden die Probezeiten pauschal verlängert, oder sie verloren den Job gleich wieder. So auch der Rollstuhlfahrer Erwin E.. Er sollte die VdK Mobil-Mannschaft verstärken, kündigte hierfür seinen Job. Der erste Kontakt verlief vielversprechend. Erwin E.: "Die Geschäftsführerin (Sandra Overwin) und der Landesvorsitzende (Andreas Peifer) machten einen sehr guten Eindruck." Alles klang überzeugend und durchdacht. Eine Mitarbeiterin sagte ihm noch: "Wenn Sie bei uns keine goldenen Löffel stehlen, werden Sie hier alt."

    4. Zwei Tage vor Probezeitende war Feierabend

    Alt wurde E. beim VdK nicht. "Ein Tag nach der Landtagswahl und zwei Tage vor Ablauf der Probezeit wurde mir gekündigt", erinnert E. sich. Aber die Zeit genügte, sich einen Eindruck von der Arbeitsweise im Verband zu verschaffen. "Wenn man beim VdK gearbeitet hat, dann weiß man, wie der Hase läuft. Wenn man etwas hat, wofür es einer Entscheidung bedarf, dann geht es nur über den ,4. Stock', sprich den Schreibtisch des Landesvorsitzenden. Ein eigenständiges Arbeiten in den Abteilungen ist nicht möglich."

    Das bekam auch Hilde Z. zu spüren. Zunächst lief alles prima. 2008 hatte sie sich beim VdK beworben. Eine Antwort erhielt sie anderthalb Jahre später. Sie könnte zum 1. Oktober anfangen. "Was arbeite ich denn?", fragte sie den Personaler. "Das könne man nicht sagen", war die erstaunliche Antwort. Sie ging dennoch hin. Da erfuhr sie, dass sie in der Telefonzentrale für den Fahrdienst VdK Mobil arbeiten solle. Die vorgeschaltete 0800-Nummer sollte den Mitgliedern in Cochem-Zell und Birkenfeld, den Pilot-Kreisverbänden, offenbar verschleiern, dass die gesamte Abwicklung von Mainz aus lief und nicht, wie viele dachten, in Büros in der Nähe. "Wir durften selbst wenn jemand vom Kreisverband anrief, niemandem sagen, dass wir in Mainz saßen", erinnert sich Z. "Wir wurden dazu genötigt, zu lügen."

    Knapp einen Monat vor Ende der Probezeit dann der erste Hammer. Anfang März wurde ihr mitgeteilt, dass die Probezeit um ein halbes Jahr verlängert werde. Um keinen Ärger zu riskieren, willigte sie ein, obwohl sie genau um die Ungültigkeit dieser Verlängerung wusste. Doch für Menschen mit bis zu 60 Prozent Schwerbehinderung ist es eben nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt. Ende März der nächste Hammer. An einem Freitag erhielt sie und ihre Kollegen eine Mail des Landesvorsitzenden. Sie mögen am darauf folgenden Montag, 28. März, beim Chef erscheinen. "Binnen 10 Minuten waren wir entlassen", erinnert sie sich. Hätte Peifer auch nur eine Woche länger gewartet, hätte er den Integrationsausschuss einberufen müssen. Jeder Mitarbeiter musste den Empfang der Kündigung schriftlich bestätigen und dann war es das.

    5. Griff in die unterste Schublade

    Ein weiteres Beispiel ist die Einstellung von Anja M.* (Name geändert). Sie sollte zum 1. August 2010 zunächst als Sachbearbeiterin einer Kreisgeschäftsstelle im Bezirk Trier eingestellt werden. Es bestand jedoch die Option nach dem Ausscheiden der dortigen Geschäftsführerin, spätestens zum 1. Januar 2012, die Geschäftsführung zu übernehmen. Neun Bewerber standen zur Auswahl, doch schon nach der ersten Vorstellungsrunde zeichnete sich ab, dass Peifer sich für M. entschieden hatte - gegen den Willen der dortigen Geschäftsführerin. Doch was für M. verheißungsvoll werden sollte, endete in einem beruflichen Albtraum und seelischem Stress.

    Ein Beispiel: Die unterschwellige Drohung am 11. März 2011, ihren Mann des Kindesmissbrauchs zu bezichtigen. Diese dokumentierte M. in einem Gedächtnisprotokoll: "Frau S. (die Geschäftsführerin) redet allgemein mit mir und teilt mir dann mit, dass Lehrer ja häufig Anzeigen durch Eltern hätten. Das sei schlimm. Allerdings könne dann mein Mann (der Lehrer ist) in ein anderes Bundesland mitgehen, sagt sie. Später telefoniert sie und ich höre erneut: ,Die werden wir schon los.'" Am Ende wendet M. sich in ihrer Verzweiflung per Brief an die VdK-Bundesvorsitzende Mascher. Darin schildert sie die Arbeitsumstände.

    "In der Kreisgeschäftsstelle erwartete mich eine seit fast 50 Jahren agierende Geschäftsführerin und eine deutlich beeinflusste Kreisvorsitzende. Nach zwei Tagen wurde das als zu hoch empfundene Gehalt thematisiert." M. sollte einer Reduzierung zustimmen.

    6. Sensible Daten einfach kopiert

    "Einarbeitung? Fehlanzeige. Stattdessen wurde der Kontakt zu den Mitarbeitern und Ortsverbänden systematisch unterbunden", heißt es weiter im Brief. M. durfte praktisch kein Beratungsgespräch alleine führen. "Zudem sollte ich teilweise satzungswidrig agieren und bestimmte Mitglieder (Empfänger von Hartz IV) nicht beraten", schildert sie. Auch auf das Thema Datenschutz geht M. explizit ein: "Datenschutzfragen wurden und werden immer noch missachtet." Gegenüber unserer Zeitung wird sie noch deutlicher. Demnach sollen sich Teile des Kreisvorstands Zugriff auch auf sensible, personenbezogene Akten erlaubt haben, getreu dem Motto: Mal schauen, was der Nachbar so hat. Teilweise sollen sogar Aktenteile einfach so kopiert worden sein. Eine Passwortsicherung der PCs der Geschäftsstelle gab es bis dato nicht. Jeder konnte theoretisch auf alles ungestört zugreifen.

    Als M. sich Hilfe suchend an Andreas Peifer wenden wollte, tauchte dieser zunächst ab. Später traf er sich mit M. zu einem Gespräch und teilte mit, dass er nicht viel machen könne, wenn das Vertrauen zum Kreisvorstand gestört sei. Er versprach zu helfen. Auf einen Rückruf Peifers wartet M. noch heute.

    7. Peifers doppeltes Spiel

    Andreas Peifer spielte indes ein doppeltes Spiel. Von Teilen des Kreisvorstands war er über die Mobbingvorwürfe informiert gewesen, hatte jedoch wieder beteuert, er hätte keine Handhabe gegen die Geschäftsführerin. Begründung: die Personalhoheit liege beim Kreisverband. Laut Satzung hat jedoch der Landesverband die Personalhoheit für die fest angestellten Mitarbeiter. Peifer hätte also agieren können, wenn er gewollt hätte.

    Stattdessen schlug er einem Teil des Kreisverbandsvorstands einen Handel vor: Würde der Kreisvorstand mehrheitlich beschließen, die Geschäftsführerin abzumahnen, würde er auch versuchen, M. zu einer festen Übernahme zu verhelfen.

    8. Wiederwahl war wichtiger

    Doch Peifer fiel den Kreisvorständen in den Rücken. Mögliches Motiv: Er wollte beim Landesverbandstag im Mai 2011 in Mainz als Landesvorsitzender wiedergewählt werden. Anja M. verließ den VdK im Sommer 2011 wieder, gesundheitlich stark angeschlagen. So wie mindestens drei ihrer Vorgängerinnen auch.

    Viele Mitarbeiter wurden gekündigt, andere wurden krank oder fanden Alternativen. Hilde Z. erinnert sich ungerne an die Zeit. "Ich bin morgens mit einer Zentnerlast in die Landesgeschäftsstelle gegangen", sagt sie. Diese wich erst an dem Tag, als sie ihren Schreibtisch räumte: "Das war einfach geil."  Andreas Nöthen

    *Die hier genannte Person hat ihre Zustimmung, namentlich genannt werden zu wollen, zurückgezogen. Seit die Recherchen unserer Zeitung zu diesem Thema bekannt wurden, wird sie von anonymen Drohanrufen belästigt. Eine VdK-Stellungnahme zu den Mobbingvorwürfen erreichte uns leider erst am späten Donnerstagabend. Ein weiterer Bericht folgt.

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