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    Missbrauch in Fluterschen: Warum hat niemand früher eingegriffen?

    Wie konnte so etwas Schreckliches jahrelang unbemerkt geschehen? Warum hat niemand früher eingegriffen? Und welche Rolle spielte das Kreisjugendamt? Zwischen Ungläubigkeit, Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Entsetzen bewegen sich die Reaktionen der Einwohner des kleinen Dorfes Fluterschen im Westerwald vor einem Missbrauchsprozess, der am nächsten Dienstag am Landgericht in Koblenz beginnt.

    Missbrauch in Fluterschen: Warum hat niemand früher eingegriffen?
    Fluterschen aus der Vogelperspektive: Ein Mann aus dem idyllischen Ort wenige Kilometer von der Kreisstadt Altenkirchen entfernt muss sich ab 15. Februar vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Dem Familienvater werden schwere Sexualverbrechen vorgeworfen. Die Einwohner sind fassungslos.

    Von unserer Redakteurin Gudrun Kaul

    Wie konnte so etwas Schreckliches jahrelang unbemerkt geschehen? Warum hat niemand früher eingegriffen? Und welche Rolle spielte das Kreisjugendamt?

    Zwischen Ungläubigkeit, Fassungslosigkeit, Betroffenheit und Entsetzen bewegen sich die Reaktionen der Einwohner des kleinen Dorfes Fluterschen im Westerwald vor einem Missbrauchsprozess, der am nächsten Dienstag am Landgericht in Koblenz beginnt.

    Ein 48-jähriger Mann aus dem Kreis Altenkirchen, der zur Tatzeit mit seiner Familie in Fluterschen lebte, soll zwischen 2000 und 2009 mit seiner Stieftochter acht Kinder gezeugt haben. Weiter wirft ihm die Anklage vor, in zahlreichen Fällen quasi als Zuhälter seiner minderjährigen leiblichen Tochter agiert zu haben.

    Warm scheint die Vorfrühlingssonne auf das Dorf Fluterschen, nur einige Kilometer von der Kreisstadt Altenkirchen entfernt. Am blauen Himmel sind lediglich vereinzelte Schleierwölkchen zu sehen. Rund 750 Menschen leben in dem idyllischen Ort. Zwischen gepflegten Einfamilienhäusern liegen liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser. Hier und da haben die Sonnenstrahlen an diesem Mittwoch die Hausbesitzer bereits in die Gärten gelockt. Können sich die Bürger vorstellen, dass ihr Heimatort jahrelang Schauplatz der erwähnten Verbrechen war?

    Ortsbürgermeister Ralf Lichtenthäler waren bis zur Verhaftung des Mannes keine Unregelmäßigkeiten bekannt, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert. Die Familie („es handelt sich um Zugezogene, die Familie hat hier keine Wurzeln“) sei nicht besonders aufgefallen. Er erinnert sich an eine Menge Kinder. Inzwischen hätten die Angehörigen des Angeklagten dem Ort den Rücken gekehrt, meint Lichtenthäler. Auf den Straßen sind gestern nur wenige Menschen unterwegs. Manche von ihnen lassen sich zwar auf ein Gespräch mit unserer Zeitung ein, wollen aber nicht namentlich genannt werden.

    Wer sich etwas Zeit nimmt, reagiert fassungslos und geschockt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier im Ort so etwas passiert sein soll. Von diesen Taten höre ich jetzt zum ersten Mal“, sagt etwa ein Rentner, der gerade auf dem Weg zu seiner Haustür ist. Ein anderer Mann erklärt, dass sehr wohl in der Vergangenheit immer mal wieder Gerüchte bezüglich der Tatvorwürfe die Runde gemacht hätten. Doch konkret sei nichts bekannt gewesen. „Es ist nicht mehr wie früher“, sagen andere Einwohner, nie hätten sie geglaubt, dass solche Verbrechen in ihrem Heimatort möglich seien. Trauer und Entsetzen herrscht auch bei der evangelischen Kirchengemeinde im Nachbarort Almersbach. Auf dem kleinen Friedhof der Gemeinde liegt das verstorbene Kind begraben.

    „Warum hat niemand rechtzeitig eingegriffen?“ klagt ein Mann in Fluterschen an und richtet Vorwürfe auch gegen das Jugendamt des Kreises Altenkirchen. Die Zustände in der Familie seien über Jahre untragbar gewesen, Alkoholmissbrauch und Schlägereien an der Tagesordnung. Des öfteren sei auch die Polizei zu dem Anwesen innerhalb des Ortskerns ausgerückt.

    Befragte Fluterscher möchten im Gespräch mit unserer Zeitung die Darstellungen der Familie, die acht Kinder stammten von einem Unbekannten, nicht so ohne weiteres gelten lassen. „Die Kinder sehen aus wie geklont“, sagen sie, „dass müsste doch auch den zuständigen Behörden aufgefallen sein.“ „Hoffentlich kommt der Mann nie wieder aus dem Gefängnis“, wird mehrfach geäußert. Dieser Wunsch könnte in Erfüllung gehen, denn die Staatsanwaltschaft hat Sicherungsverwahrung beantragt. Ins Rollen kann die Anklage durch einen Brief: Darin hatte eine der beiden missbrauchten jungen Frauen die Vorwürfe gegen den mutmaßlichen Täter aufgelistet. Das Schreiben gelangte auch zum Kreisjugendamt. Diese äußert sich gestern so: „Da es sich derzeit um ein schwebendes Verfahren handelt und die Hauptverhandlung noch nicht begonnen hat, bedauern wir, zum derzeitigen Zeitpunkt noch keine Stellungnahme geben zu können.“

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