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    Gaddafis Tod soll untersucht werden – Massaker-Verdacht in Sirte

    Bengasi/Kairo/Brüssel - Schwieriger Neubeginn in Libyen: Nicht Demokratie und Wahlen bestimmen die Nachrichten, sondern ein Massaker und ein toter Gaddafi, der noch immer nicht begraben ist.

    Graffiti in Tripolis nach der Befreiung Libyens.
    Graffiti in Tripolis nach der Befreiung Libyens.
    Foto: dpa

    Die Milizen des libyschen Übergangsrates geraten zunehmend ins Zwielicht. Während die Todesumstände von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi noch immer nicht geklärt sind, haben Menschenrechtler jetzt Anhaltspunkte für ein Massaker unter 53 Gaddafi-Anhängern in Sirte gefunden. Das wäre das schwerste Kriegsverbrechen der neuen Machthaber.

    Vorwürfe verstummen nicht

    Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, gerät damit bereits am ersten Arbeitstag nach dem Neubeginn in Libyen weiter unter Druck. Weil die Vorwürfe einer gezielten Tötung Gaddafis nicht verstummen wollen, kündigte Dschalil eine seit Tagen geforderte Untersuchung an. "Alle Libyer brannten darauf, Gaddafi wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu sehen", erklärte Abdul Dschalil auf einer Pressekonferenz in Bengasi. "Die Libyer wollten ihn im Gefängnis und gedemütigt sehen", fügte er hinzu.

    Am Tag zuvor hatte der führende Politiker der Nach-Gaddafi-Ordnung das Land für befreit erklärt. Darüber hinaus hatte er zu Toleranz und Respekt sowie zur Einhaltung von Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit aufgerufen. Die neuen Machthaber wollen sich außerdem an der islamischen Rechtsprechung Scharia orientieren.

    Gaddafi war am letzten Donnerstag in Sirte getötet worden. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass ihn Kämpfer des Übergangsrates nach seiner Gefangennahme gezielt erschossen hatten. Der Leichnam des ehemaligen Machthabers befand sich am Montag weiter in einem Lagerhaus in der Stadt Misrata, wohin ihn die Milizionäre gebracht hatten.

    Muslime müssen binnen 24 Stunden beigesetzt werden

    Der Übergangsrat hatte am letzten Wochenende versichert, der Leichnam solle der Familie Gaddafis zur Bestattung übergeben werden. Nach islamischer Tradition müssen Muslime normalerweise binnen 24 Stunden beigesetzt werden. In Sirte fanden indes Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Leichen von 53 Männern, die möglicherweise von Anti-Gaddafi-Kämpfer massakriert wurden. Bei einigen der Toten waren die Arme mit Plastikbändern hinter dem Rücken zusammengebunden, hieß es in dem Bericht, den die Organisation am Montag veröffentlichte. Mit Hilfe von Bewohnern der Umgebung konnten einige der Männer als örtliche Gaddafi-Kader und -Anhänger identifiziert werden.

    Human Rights Watch forderte den Übergangsrat auf, "eine unverzügliche und transparente Untersuchung der offensichtlichen Massenhinrichtung einzuleiten und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen". Die Leichen lagen auf einem Grundstück nahe einem Hotel, das zum Zeitpunkt des Todes der Männer von Anti-Gaddafi-Kämpfern kontrolliert worden war. Die Blutspuren, Einschüsse im Grasboden und die Verteilung der Geschosshülsen deuteten darauf hin, dass die meisten Opfer gemeinsam an dieser Stelle erschossen worden seien, hieß es in dem Bericht.

    Schwerstes Kriegsverbrechen

    Sollte sich die Massenerschießung eindeutig Anti-Gaddafi-Milizen zuschreiben lassen, wäre dies das schwerste Kriegsverbrechen, das diese in ihrem acht Monate währenden Kampf gegen das Regime begangen haben. Bislang wurden vor allem Übergriffe gegen Gaddafi-Anhänger wie willkürliche Verhaftungen und Misshandlungen bekannt. Außerdem wurden mancherorts Dorfbewohner vertrieben, weil sie der Sympathien für Gaddafi verdächtigt wurden.

    Die Nato sieht das Ziel ihres Militäreinsatzes in Libyen erreicht. Alle Gebiete Libyens seien heute unter Kontrolle des Nationalen Übergangsrates, sagte der Kommandeur des Einsatzes, der kanadische General Charles Bouchard, am Montag in seinem Hauptquartier in Neaple. "Die Gefahr organisierter Angriffe von Resten des Gaddafi-Regimes ist vorbei." Zugleich verteidigte Bouchard den Angriff auf einen Konvoi von 175 Fahrzeugen, mit dem Gaddafi am Donnerstag versucht hatte, aus Sirte zu flüchten.

    Potenzielle Bedrohung

    "Wir hatten die Befürchtung, dass die Kämpfer aus Sirte sich mit Resten der Kämpfer aus Bani Walid zusammenschließen und dann Zivilisten in einer Stadt als Geiseln nehmen könnten", berichtete Bouchard. "Wir haben daher beschlossen, den Konvoi aufzubrechen und in kontrollierbare Teile aufzuspalten. Wir haben unsere Waffensysteme zweimal auf den Konvoi gerichtet und dieses Ziel erreicht." Auf einigen Pickup-Fahrzeugen hätten sich Raketen und Maschinengewehre befunden: "In unserer Einschätzung war das eine eindeutige potenzielle Bedrohung der Zivilbevölkerung." dpa

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