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Mainz/Rheinhessen

Frostschaden: Das kann ins Auge gehen

"Haben die Reben die knackigen Februarfröste nahe der 20-Grad-Marke überlebt?" Mit dieser bangen Frage wenden sich derzeit viele Winzer an die Weinbauexperten des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR).

Weinbauberater Owald Walg und seine Kollegen raten: Im Zweifel beim Rebschnitt eine zweite Rute stehenlassen. So hat man bei Frostschäden noch Reserven. Ansonsten wird die "Frostrute" abgeschnitten.
Weinbauberater Owald Walg und seine Kollegen raten: Im Zweifel beim Rebschnitt eine zweite Rute stehenlassen. So hat man bei Frostschäden noch Reserven. Ansonsten wird die "Frostrute" abgeschnitten.
Foto: Armin Seibert

Mainz/Rheinhessen – "Haben die Reben die knackigen Februarfröste nahe der 20-Grad-Marke überlebt?" Mit dieser bangen Frage wenden sich derzeit viele Winzer an die Weinbauexperten des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR).

Man nehme: Ein scharfes Messer und schneide ins Rebauge.
Man nehme: Ein scharfes Messer und schneide ins Rebauge.
Foto: Armin Seibert

Umfassende Antworten gibt es dort derzeit nicht. In vielen frostgefährdeten Anlagen und vor allem in Jungfeldern könnte Väterchen Frost zugeschlagen haben. "Wir sehen das noch relativ beruhigt", sagt zwar DLR-Weinbaugruppenleiter Heinrich Schlamp (DLR Oppenheim), doch es könne neben Schäden an den "Augen", den Fruchtknoten der Reben, auch zu Schäden in den Holzleitbahnen gekommen sein. Insbesondere dort, wo der Austrieb nach den Mai-Frösten 2011 sehr spät erfolgte und hohe Ernteerträge eingefahren wurden.

Alles im grünen Bereich: Hätte der Frost gewütet, wäre alles schwarz.
Alles im grünen Bereich: Hätte der Frost gewütet, wäre alles schwarz.
Foto: Armin Seibert

Mit blauem Auge davongekommen

Was tun? Abwarten ist die Devise. Die Weinbauberater im DLR Bad Kreuznach haben in etlichen frostgefährdeten Lagen mit sogenannten Augenschnitten stichprobenartig untersucht, wie viele der Fruchtknoten geschädigt sein könnten. Ein erster Überblick gibt leichte Entwarnung: "Wir sind wohl mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Berater Oswald Walg.

In hängigen Rieslingflächen wurden keine Schäden angetroffen, bei empfindlichen Sorten wie Huxel, Portugieser, Müller-Thurgau oder Bacchus mit schlecht ausgereiftem Holz gab es etliche geschädigte Augen, doch mit schwerwiegenden Ertragsausfällen rechnet man noch nicht. Fraglich ist auch, wie die früher hier nicht angebauten Sorten Cabernet oder Merlot die Fröste wegsteckten.

Doch die Wetterlage war extrem. Weinbauberater Dr. Edgar Müller (Bad Kreuznach) verweist darauf, dass es im milden Januar teils schon erste "Zuckungen des Frühlings" bei Gartenpflanzen gab. Das Zellgewebe könnte schon begonnen haben, Zucker zu Stärke umzuwandeln. Das liefe auf eine Minderung der Frostfestigkeit hinaus. Außerdem: Die offiziellen Messstationen des DLR, das im Meddersheim (Kreis Bad Kreuznach) 18,2 Grad, in Appenheim 17,9 und in Sprendlingen 17,7 Grad registrierte, können in etlichen Fällen noch deutlich unterboten worden sein. Müller: Wir messen mit Stundenmittelwerten auf zwei Metern Höhe. Kurzzeitig kann es deutlich kälter gewesen sein. Auf Biegdrahthöhe könne es ein Grad kälter und unmittelbar überm Schnee bis zu vier Grad kälter sein.

Grün ist die Hoffnung

Müller und Walg raten Winzern, mit Augenschnitten zu prüfen, wie es in den Anlagen aussieht. Dazu wird mit einer scharfen Klinge (Cuttermesser) das Fruchtauge durchtrennt. Müller: "Im Idealfall sehen Sie unter den Knospenschuppen einen größeren grünen Vegetationskegel in der Mitte und zwei kleinere Vegetationskegel seitlich. Das wären die Triebanlage des Hauptauges und der Nebenaugen." Bei Teilschädigungen könne es sein, dass Nebenaugen noch grün und Hauptaugen abgestorben (schwarz gefärbt) sind und umgekehrt. Wenn nur die Nebenaugen austreiben sind diese oft weniger fruchtbar.

Die DLR-Berater erhoffen sich von Winzern, die diese Augenprüfung in bekanntermaßen gefährdeten Lagen selbst durchführen, bald einen flächendeckenden Überblick. Erste Reaktionen reichten von "keine Probleme, alles bestens" bis hin zu wahren Hiobsbotschaften. Müller: "Wir haben mitunter Zweifel, ob die Schnitte richtig durchgeführt wurden. Auch schlagartiges Auftauen kann ein falsches Bild ergeben."

"Viele der jungen Winzer kennen diese Art von Frostschäden gar nicht", weiß Oswald Walg und verweist darauf, dass die letzten starken Winterfrostschäden schon 25 Jahre zurückliegen. Muss sich jetzt an der Bewirtschaftungsweise wieder etwas ändern, nachdem es drei Jahre in Folge starke Fröste gab? Eher nicht, meinen die Berater, denn dank besserem Austrieb und Blüte, höherer Fruchtbarkeit und einer Mengenbeschränkung beim Anbau dürften einzelne Frostjahre wirtschaftlich kompensierbar sein. Walg: "In früheren Jahrzehnten musste man im Schnitt mit drei Frostjahren rechnen."

Doch es gibt für etliche besorgte Winzer, die den Rebschnitt noch nicht abgeschlossen haben, noch die Möglichkeit in diesem Jahr deutlich mehr "anzuschneiden" als gewohnt. Walg: "Unsere Technikerschüler aus dem Saale-Unstrut-Gebiet und aus Sachsen kennen das gar nicht anders. Dort hat man es ständig mit starken Frösten zu tun. Deshalb lässt man eine zweite oder gar dritte Frostrute stehen, die später, wenn der Austrieb dann doch ohne große Schäden erfolgt, einfach abgeschnitten wird." Heinrich Schlamp ist recht optimistisch, dass das in den meisten Fällen so sein wird, denn: "In der Periode mit den tiefsten Frösten hatten wir Glück, dass es tagsüber nicht aufgetaut ist. Wir hoffen, dass es bei lokalen Schäden geblieben ist." Armin Seibert

Mainzer Rhein-Zeitung
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