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Mainz

Freiheit des Narren ist unantastbar

Auf Befremden stößt der nie verschickte Brief der MCC-Spitze Horst Seitz und Gerd Ludwig an OB Jens Beutel, in dem sie sich vom Vortrag von "Guddi" Betz in der vergangenen Kampagne distanzieren.

Oooooh Gott Jokus! Was ein Gedöns um Sprüche aus der Bütt, scheint Kabarettist und Fassenachtsveteran Herbert Bonewitz hier zu sagen. Von Zensurversuchen und Einschüchterungsversuchen in seinen aktiven Narren-Jahren weiß er wahrlich ein Liedchen zu singen. 
Foto:Harry Braun
Oooooh Gott Jokus! Was ein Gedöns um Sprüche aus der Bütt, scheint Kabarettist und Fassenachtsveteran Herbert Bonewitz hier zu sagen. Von Zensurversuchen und Einschüchterungsversuchen in seinen aktiven Narren-Jahren weiß er wahrlich ein Liedchen zu singen.
Foto:Harry Braun

Mainz – Auf Befremden stößt der nie verschickte Brief der MCC-Spitze Horst Seitz und Gerd Ludwig an Oberbürgermeister Jens Beutel, in dem sie sich vom Vortrag von Hans-Peter "Guddi" Betz in der vergangenen Kampagne distanzieren.

Wann hört die Narrenfreiheit auf? Wo sind ihre Grenzen? Hört sie überhaupt auf? Beschränkt eine offene oder indirekte Zensur des Narren Freiheit?

"Der kann sagen, was er will. Dafür sind wir Narren." Und das sagt einer, der es wissen muss: Herbert Bonewitz, selbst einst immer wieder Ziel von Zensur- und Einschüchterungsversuchen. Sein loses Mundwerk und seine Brillianz im Vorhalten des närrischen Spiegels sind legendär. Und alle Versuche, ihm sein Mundwerk zu verbieten, habe er ebenso rotzfrech wie konsequent ignoriert. Und die seien hauptsächlich vom MCV, aber auch von verantwortlichen Fernsehleuten gekommen. "Die Narrenfreiheit ist unbedingt zu verteidigen. Das war Betz' gutes Recht." Fast habe Bonewitz 1977 hinter der Bühne Prügel bezogen, nachdem er als "Platzanweiser" Margit Sponheimer "Lattwersch-Callas", Ernst Neger "Handkäs-Heino" und Willi Scheu "Rente-Bajazz" nannte und mit einem "das darf ich ja nicht sagen" noch eins draufsetzte, erinnert er sich lachend. Man sei so stinksauer auf ihn gewesen, dass er fluchtartig den Saal habe verlassen müssen. Für Bonewitz gilt nur ein absolutes Gesetz: "Die Narrenfreiheit endet da, wo die Menschenwürde oder religiöse Gefühle verletzt werden." Doch mit Blick auf das, was heute in Comedy, Satire und Kabarett allein gegen Kirche und Religion vom Stapel gelassen werde, sei die Fastnacht doch noch vergleichsweise harmlos.

"Wie kann man nur so einen Mist schreiben", fragt sich Andreas Schmitt, wortgewaltiger "Obermessdiener" und Sitzungspräsident der Eiskalten Brüder. So was sei in der Meenzer Fassenacht ja wohl noch nie vorgekommen. "Es gebe zudem einen Ehrenkodex, dass kein Narr den anderen kritisiert. "Wo die Grenzen liegen, muss jeder selber wissen. Jeder Redner ist für seinen Vortrag verantwortlich. Und da hat ihm keiner was rein zu reden."

"Das Wort des Narren muss frei bleiben. Und weder wurde ich je zensiert, noch wurde vom MCV jemand anderes bedrängt, Passagen nicht zu bringen", versichert "Bote vom Bundestag" und MCV-Vorstandsmitglied Jürgen Dietz. Ihm sei in der 2010er-TV-Sitzung lediglich aufgefallen, dass Sitzungspräsident Betz Jens Beutel "als ersten Bürger unserer Stadt zuletzt begrüßt hat. Das war nicht in Ordnung".

Wenn solche Schreiben, solche Kritik Schule machen würden, "dürften wir ja gar nichts mehr, dann könnten wir unsere Fassenacht einstellen", befindet Heinz Meller, Chef und Sitzungspräsident der Mombacher Bohnebeitel. "Ich bin grundsätzlich für die Narrenfreiheit und die Freiheit des Wortes. Es ist alles eine Frage des Takts, des Gefühls und des Geschmacks." Und da stehe jeder Narr einzig und allein in der Verantwortung.

Er erinnert sich durchaus an die Diskussionen am Fastnachtssamstag vergangenen Jahres nach dem Betz-TV-Auftritt. Gerade in Mombach. "Au weia, das hätte er nicht so bringen dürfen", habe er oft gehört. "Dann ist es ja auch wiederum schön, wie Menschen hinter ihrem Oberbürgermeister stehen."

Bei den Bohnebeiteln werde intern geklärt, was das närrische Publikum aus der Bütt zu hören bekommt. "Noch bis in die 80er-Jahre galt so ein ungeschriebenes Gesetz: Papst und Bundespräsident sind tabu", erinnert er sich. Doch die Zeiten hätten sich inzwischen geändert. "Selbst in der Politik darf heute doch alles gesagt werden. Allein was Frau Merkel oder Herr Westerwelle sich alles anhören müssen – da sind wir ja vergleichsweise vorsichtig." Gerade Politiker einschließlich eines Oberbürgermeisters müssten das aushalten können. Jochen Dietz

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