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Flachau

Flachaumi

Natürlich. Es war wie immer. Im netten MRZ-Stimmungsbericht vom Hüttenabend bei Sennerin Elisabeth war alles falsch.

Der Zapfen einer Zirbe – ein Meisterwerk von Mutter Natur.
Der Zapfen einer Zirbe – ein Meisterwerk von Mutter Natur.
Foto: Eva Willwacher

Die Schwägerin Kathi habe sich beschwert, mault unsere Vermieterin und Fitnesstrainerin Mathilde am nächsten Morgen mit vorwurfsvollem Unterton. „Was hoabst denn da wieder fier aan Bleedsinn geschrieben?“ Ja, was war denn nun alles so dramatisch falsch? Und dann kommt nicht mehr, als dass das beim Hüttenabend dargereichte Heilgetränk kein Zirpenschnaps war, sondern „aan Zirbengeist“.

Und vielfältig verwendbar ist das Ding, etwa für Zirbengeist. Kann man mal trinken, wenn man von Marille, Zwetschken & Co. die Schnauze voll hat.
Und vielfältig verwendbar ist das Ding, etwa für Zirbengeist. Kann man mal trinken, wenn man von Marille, Zwetschken & Co. die Schnauze voll hat.
Foto: Eva Willwacher

Mathilde ist entrüstet. „Joa, woas is döös, kennst ihr net die Zirbe, döös is´ a Baum, und aus den Zapfen wird der Schnaps gebrannt!?“ Nö, sagen wir, wir kennen die in aller Welt gerühmte rheinhessische Pyramidenpappel, und bei der Zirpe hat tief im Stammhirn zumindest irgendetwas geklingelt. Aber die Zirbe, nö, nie gehört! „Naaah, döös gibt’s doch nöt!“, sagt Mathilde. „Wenn ihr in der Biologie nöt aufgepasst hoabst, dann müssts´ hoalt moal googlen!“

Heimat: Alpen und Sibirien

Also, die Zirbe ist bekannt als die Zirbelkiefer, und die existiert lediglich im Alpenraum und in Sibirien. Klar, hätte man uns diese so seltene Baumart vorschriftsmäßig unter der wissenschaftlichen Bezeichnung „Pinus Cembra“ aus der Klasse der „Coniferopsida“ vorgestellt, dann hätten wir selbstverständlich einen kausalen Transfer zur Zirbelkiefer hergestellt. Und wenn dann noch der Flachauer Dialekt aus der Zirbe nicht eine Zirpe gemacht hätte, dann…

Und überhaupt: Wenn die Zirbe schon ein so tolles, vielseitig verwendbares Designholz sein soll, warum steht dann in unserer Wohnung im Hause der Walchhofers kein Zirbenbett, warum schlafen wir nicht auf einem Zirbenkissen und unter einer Zirbendecke, und warum betreiben wir unseren Ermüdungsabbau nicht in einer Zirbensauna? Viel zu gut und zu teuer für die „Pressefritzen aus Mainz“, logisch.

Ab heute ist Schluss. Wir werden den Fremdenverkehr, der im Bauerndörfchen Flachau seit Beginn unserer Lobpreisungen im Jahr 2009 explodiert ist, nicht mehr anschieben. Jetzt berichten wir mal von den dunklen Seiten von Flachau. Etwa von jenem Wirtshaus, in dem es eine edel gestaltete Zigarren- und Schnapskarte gibt (die Cohimbra large kostet geschmeidige 23,80 Euro und der kleine Marillengeist 4,80 Euro), aber der schmale Gurkensalatteller offenbart, dass der kreative Koch mit einer Gurke 20 Gäste versorgt. Und drei Löffel Spätzle reichen für sechs hungrige Gäste.

Und als 05-Vize Peter Arens vom Nachbartisch aus unsere Kinderkalbsgulaschration erblickte, mochte er spontan den MRZ-Schreibern seine Babyrindsroulade opfern. Auch das ist Flachau. So, das hat gesessen! Mathilde ist eingeschüchtert und beginnt umgehend damit, die Wohnung zu wienern.

Schladming top, Flachau flop

Aber jetzt sind wir in Form gekommen. Gnadenlos schießen wir unsere Salven ab. Beim 05-Testspiel am Dienstagabend am Fuße der weltberühmten Abfahrtsstrecke Planei (nicht so ein Kleinkinderslalomhang wie in Flachau) haben wir festgestellt, dass die Zirben in Schladming viel größere Zapfen haben. Und die Leute sind viel, viel netter.

Da fragte die Platzwirtin ständig, ob die Fachleute von der Mainzer Weltpresse nicht noch „oanen Durscht hoaben“. Und dann gab es einen halben Liter bekömmlicher Apfelschorle für zwei Euro (und auf dem Rückgabebecher vermuteten wir noch 1,50 Euro Pfand). Und als der Kollege Schneider ein mächtiges Stück des selbst gebackenen Nusskuchens orderte, offerierte die nette Dame: „Moagst aach a Serviette?“ Und als wir noch eine Riesenrindswurst bestellten, da hieß es freundlich: „Moagst aach a Gebäck dazu?“ Das fällige Brötchen hatte die Größe eines Zwei-Pfund-Brots. So, das ist die Wahrheit. Mathilde wird immer stiller, während sie hoch konzentriert unsere Betten aufschüttelt.

Aber es wäre ein Wunder gewesen, wenn diese Demutshaltung länger als fünf Minuten angehalten hätte. „Ihr wissts scho“, sagt Mathilde, „dass i euch für heute Nachmittag eingeteilt habe fürs Heu machen. Nehmts euch mal nix vor!“ Bruder Tom habe da einen mörderischen Steilhang zu bearbeiten, dort könne man mit dem Traktor nichts ausrichten. Da komme der Rechen zum Einsatz, und die schweren Heuballen müssten per Hand den Hang hinunter gerollt werden. „Da brauchts Mannsbilder, die a Kraft hoaben.“ Pech gehabt, kontern wir, noch immer bockig: Die „Radio-Fritzen“ Meseberg und Welsch sind gestern abgereist! Reinhard Rehberg

P.S.: Der Zirbenzapfen vom Foto stammte von der Nachbarin. Mathilde, drohend: „Aber den bringts sofort zurück nach dem Shooting, sie setzt nämlich gerade aan Schnaps an!“ Die Flachauer sind doch die Besten!

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