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Mainz

74 Sterne blitzen am Mainzer Kabaretthimmel

Los Angeles und Mainz haben nicht viel gemeinsam. Wohl nur eins: den "Walk of Fame". Die rheinhessische Variante ehrt seit 2004 die Größen des Kabaretts.

Mainz – Los Angeles und Mainz haben nicht viel gemeinsam. Wohl nur eins: den "Walk of Fame".

Während am berühmten Hollywood Boulevard die Größen der amerikanischen Unterhaltungsindustrie mit Gedenksternen gefeiert werden, hat Mainz die Größen des Kabaretts auf dem nicht berühmten Romano-Guardini-Platz verewigt. "Sterne der Satire" heißen die Plaketten, deren Verleihung oft selbst kabarettreif ist, wie die Auszüge aus Dankesreden von Geehrten zeigen.

Dass Mainz ein Hotspot auf der deutschen Kabarettlandkarte ist, ist unbestritten: Das Unterhaus ist eine der berühmtesten Bühnen, alljährlich wird hier der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen, um die Ecke liegt das von der Bundesregierung geförderte Kabarettarchiv. Leiter Jürgen Kessler hatte bereits 1996 die Idee zu einem solchen Walk. Er sollte ein Erinnerungsort für ein Genre sein, das erst übers 20. Jahrhundert überhaupt Genre wurde.

Damals ist das Projekt aber nicht auf Widerhall gestoßen. Erst 2004, als Unterhauschef Ewald Dietrich ein altes Schreiben von Kessler wieder in die Finger bekam, kam die Sache ins Rollen. Und zwar so richtig: Die Stadt stieg mit ins Boot und am 16. Juli 2004 wurden auf einen Schlag 25 Sterne präsentiert. Über mangelnden Widerhall kann sich Kessler mittlerweile wahrlich nicht beschweren. Wenn im kleinen Mainz neue Sterne vergeben werden, dann berichtet die Presse bundesweit, ebenso in Österreich und der Schweiz. Der Sammelordner zur letzten Verleihung im Mai ist daumendick – der Name Marlene Dietrich zieht eben. Die Diva begann ihre Karriere in den 20er-Jahren in Berliner Kabaretts und Varietés. Ganz nebenbei dürfte sie die einzige sein, für die in Mainz und in Los Angeles ein Sternlein funkelt.

Manchesmal tun auch die Stifter der Sterne ihr Übriges in Sachen Aufmerksamkeit. Als im August 2005 Gerhard auf Gerhard die Laudatio hielt, also Schröder auf Polt, war großer Bahnhof angesagt. Ähnlich war es zuvor im April, als Hanns Dieter Hüsch geehrt wurde und der damals schon schwer kranke Bundespräsident a. D. Johannes Rau für eine bewegende Rede anreiste. Mit Hüsch verbindet Kessler sowieso eine besondere Beziehung, denn er war Chauffeur und später Manager des großen Kabarettisten.

Zu Besuch bei Loriot und Mops Emil

Eine besondere Geschichte verknüpft Kessler auch mit Loriot. Denn zur Verleihung des Preises 2009 konnte der gesundheitlich angeschlagene Humorist nicht mehr anreisen. Und Kessler dachte sich offenbar: Wenn Vicco von Bülow nicht zum Stern kommt, dann kommt der Stern halt zu ihm. Mit einer kleinen Mainzer Abordnung reiste er spontan zu Loriot, Gattin Romi und Mops Emil nach Bayern. "Wir dachten eigentlich, dass er uns gar nicht einlässt, aber es war traumhaft. Seine Frau hat aufgetischt und letztlich wollte uns Loriot nicht mehr weglassen", erinnert sich Kessler und verrät: "Wir wollten ihn bitten, ein Logo für uns zu gestalten. Das hat er gesundheitlich aber nicht mehr geschafft."

Wer über den Guardini-Platz schlendert, der wird viele Namen entdecken, die ihm höchstens dunkel bekannt vorkommen. Der erste Stern der Satire gebührte beispielsweise Werner Finck, "einem mutigen Mann und Lieblingsfeind von Goebbels", wie Kessler erklärt. "Er hat vernuschelte Halbsätze als Pointierungstechnik bühnenfähig gemacht. Der Zuschauer hat sofort verstanden, worum es geht." Man merkt es schon: Die Ehrung soll an jene gehen, die das Genre inhaltlich und stilistisch befördert haben. Jemand wie Mario Barth, der mit seinen Auftritten Arenen füllt und in Sachen Publikumswirksamkeit und materiellem Erfolg Geschichte geschrieben hat, wird man auf dem Mainzer Walk daher nie finden.

An dem aufgedrehten Berliner zeigt sich auch ein Problem, das Kessler oftmals mit dem zeitgenössischen Kabarett hat: "Heute schimmert häufig der kommerzielle Effekt durch: Witzfähigkeit ist wichtiger als politische und gesellschaftliche Analyse."

Neue Reihe startet im Herbst

Wer nun die sechs noch freien der 80 Sterne bekommt, ist angeblich unklar. Eine Jury um Kessler hat vor Jahren eine Liste von 100 würdigen Bühnengrößen erstellt, aus der es auszuwählen gilt. Im Oktober ist möglicherweise der nächste Event. Im Herbst soll dann auch die neue Veranstaltungsreihe zu den Sternen, Nachfolger der SWR2-HörBar, starten. Los geht es am 22. November mit einem Abend zu Georg Kreisler.

Wenn Jürgen Kessler über das Kabarett spricht, dann ist er in seinem Element. Er plauscht über seine Erlebnisse mit den Großen des Genres, von denen so mancher schon auf seinem sonnengelbem Sofa für Schmunzler gesorgt hat. Er genießt den Blick nach draußen und beobachtet, wie sich Pärchen am großen Stern-Denkmal verabreden und Kinder um die funkelnden Plaketten hüpfen. Aber eins wurmt ihn: Dass die Verknüpfung von diesem Draußen und dem Drinnen nicht gut ist. Zu den Sternen gibt es keine Infos, nichts verweist auf das geballte Wissen im Archiv nebenan.

"Denkbar ist etwa eine Erinnerungsstele auf dem Platz. Der Stadt liegt dafür auch ein Entwurf vor. Bislang ist aber nichts passiert", sagt Kessler. Um die Finanzen der Stadt ist es bekanntermaßen nicht gut bestellt. Ob diese Stele tatsächlich Wirklichkeit wird? Das steht wohl nicht mal in den Sternen. Alexandra Schröder

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